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Mittwoch, 1. September 2010
Mich ruft gerade einigermaßen aufgeregt eine alte Freundin an, die in meiner Abwesenheit das Haus hütet. Eine Dame, angereist in einem schwarzen Auto mit Gießener Nummernschild, habe vor der Tür gestanden, nach Cora Stephan/Anne Chaplet gefragt und sei auf ihre Antwort, die sei nicht da und es gehe auch nicht an, unangemeldet vor der Tür zu stehen und sie möge ihr doch bitte schreiben - außerdem passe es im Moment auch denkbar schlecht (frisch aus der Dusche) - wutschnaubend davongestürmt, nicht ohne "Blöde Kuh" und andere Erfreulichkeiten zu brüllen.
Mich macht das einigermaßen sprachlos. Auch wenn ein netter Artikel im "Stern" steht, in dem auch der Name des oberhessischen Dorfs steht, in dem ich mich wohlfühle, ist ein unangemeldeter Besuch fehl am Platz - und erst recht, zu schimpfen, wenn man nicht begeistert empfangen wird. (Ich hätte ähnlich unwirsch reagiert, wäre ich zu Hause gewesen.)
Meine Freunde und Brieffreunde können es bestätigen: ich bin so gut wie jederzeit per E-Mail erreichbar, ich antworte immer (nur nicht auf Beschimpfungen) udn ich empfange auch Gäste, sofern ich da bin und sie sich vorher anmelden. Esw ist ganz einfach, mit mir Kontakt aufzunehmen. Aber so geht es unter Garantie nicht.
Meine Nachbarn meinen, ein solches Auto sei schon vor einiger Zeit hier aufgetaucht, ein Mann habe nach mir gefragt, sogar behauptet, mit mir telefoniert zu haben, und habe dann das Haus fotografiert.
Wenn das noch mal vorkommt, gibt es eine Anzeige. Meine Freundin hat sich das Autokennzeichen gemerkt,
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Freitag, 20. August 2010
Liebes Tagebuch,
ich weiß, wer oder was dein größter Feind ist! Nicht meine Faulheit. Ich sitze (fast) jeden Tag (fast) brav von morgens bis abends am Schreibtisch und lasse meine Helden in größte Not geraten - DeLange wird zusammengeschlagen. Karen Stark erleidet ein schweres Hirntrauma nach einem Autounfall. Flo und Caro landen bei Bremer auf dem Land und finden den zweiten Toten. DeLange flüchtet nach Peru auf der Suche nach... seinem Widersacher. Also nein : daran liegt es nicht.
Facebook ist schuld! Die Freunde da, die ähnlich wie ich an den Schreibtisch gekettet sind und sich, ähnlich wie ich, immer mal ablenken wollen von der Kärrnerarbeit am Guten Deutschen UnterhaltungsRoman (GDUR). Und was da alles so los ist! Katzenmörder und Hell's Kettlebells Angels schleichen durch die digitale Wolke, rufen "Töten! Forschen! Zweifeln!" und greifen, wenn alles nichts hilft, zu alten Schmachtfetzen auf Youtube. Cream. Janis. R.I.P.
Tja, so ist das. Und jetzt wieder an den Roman.
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Sonntag, 8. August 2010
Ich warte auf den Abend! Vielleicht kommt dann wieder einer der beiden Igel vorbei, die abends öfter mal vorbeischauen, hustend und raschelnd. Sie fressen, was die Vögel heruntergeworfen haben, verarbeiten das Fallobst und lassen sich am Bauch kraulen, wenn man es nicht ganz blöd anstellt.
So ein Igelbauch ist hellbraun und flaumweich und es scheint ihnen zu gefallen, gekrault zu werden - jedenfalls ist leichtes Entigeln zu bemerken, wenn man mit den Fingern sanft zwischen den Stacheln hindurch...
Ach, Igel.
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Mittwoch, 23. Juni 2010
Es gibt im Leben leider immer noch was anderes zu tun außer Bücher schreiben - Geldverdienen, Fußball gucken, Garten bestellen, Vögel füttern, Katzen kraulen...
Mein Hörspiel für den WDR ist fertig - mein erstes Hörspiel! Ich gebe zu - ich betrachte das ERgebnis nicht ganz ohne Stolz!
Auch zwei Rundfunkessays betrachte ich als gut gelungen. Jetzt aber ist der Weg endlich (naja: fast) frei für den Endspurt für "Bremers Last Stand" (Arbeitstitel!). Mehr demnächst.
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Dienstag, 4. Mai 2010
Manchmal ist das Recherchieren schöner als das Schreiben - wenn es um etwas geht, das man noch nicht kennt. Man taucht in eine fremde Welt ein, versucht, fremde Erfahrungen aufzunehmen und in etwas Neues umzusetzen - und lernt die spannendsten Leute kennen.
Oder etwas Neues über die, die man - nunja: kennt. Einer der besten Sommeliers ist mit einer Pariserin befreundet, die wiederum in jenem Land geboren ist, das mich derzeit beschäftigt: soziale Netzwerke können ein Segen sein.
Jetzt suche ich nur noch einen spanischen Kampfnamen für meine (mörderische) weibliche Hauptfigur...
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Sonntag, 2. Mai 2010
Ich weiß nicht, warum die meisten Autoren - auch die, die sich nie großartig als "Schriftsteller" bezeichnen würden - seltsame Riten und Gebräuche ausüben, bevor sie auch nur einen halbwegs vernünftigen Satz notieren können. Ich weiß auch nicht, warum so viele von ihnen so empfindlich auf Störungen reagieren. Selbst auf Störungen, die noch Stunden, achwas: Tage entfernt sind, wie eine wunderbare Essenseinladung oder die Aussicht darauf,einen Rundfunkvortrag überarbeiten zu müssen...
Egal: ich habe Giorgio DeLange nach Peru geschickt, auf den Spuren des Sendero Luminoso. Und wünschte, ich könnte genug Französisch und hätte die Zeit, jetzt nach Paris zu donnern und Roxana kennenzulernen...
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Freitag, 30. April 2010
Schön, wenn man wegen Vulkanasche und Streik keine Zeitungen kriegt hier in La Douce France - da liest man dann die etwas älteren Papiersachen umso gründlicher. Gestern im Spiegel von istschonlängerher ein großartiges Interview mit dem großartigen Filmregisseur Dominik Graf - der den Anstand hat, seinen großartigen Drehbuchautor Rolf Basedow mehr als einmal rühmend zu erwähnen.
"Das BRD-deutsche Verbrechen war doch mit Ausnahme der RAF nie so richtig auf Weltniveau (...) in diesem etwas perversen Sinn profizieren wir jetzt sozusagen von der Einwanderung der Ost-Kriminalität." "Wir sehen (...), was für ein kleines beschränktes Land wir doch sind. Und ästhetisch-erzählend gibt es vielleicht die Möglichkeit zur Befreiung aus der Depressionssoße, die sich seit Jahren über den deutschen Fernsehthriller zu legen droht." "In deutschen Thrillern von heute schleichen die Polizisten oft als sieche Wölfe durch die Straßen (..) Das liegt auch an einem kollektiven Authentizitätsbefehl im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Seit 10 oder 15 Jahren heißt es doch: Wir sollen im Krimi nicht über die Verhältnisse leben, wir sollten uns eher mit der deutschen Alltagshölle beschäftigten. Das ist ehrenwert, nimmt aber den Thrillern die Chance zu Appeal und Größe."
Wie recht der Mann hat! Und das gilt nicht nur fürs Fernsehen - auch für den deutschen Krimi (auch Autorin Chaplet bekennt sich schuldig). Realistisch ist es in der Tat, bei Mord an die Beziehungstat zu denken. Aber interessant, offen, weltläufig, GROSS wird so ein Krimi nie. Das ist das Miss-Marple-Prinzip: die Welt funktioniert nicht viel anders als das Leben in St. Mary's Mead. Ich liebe dieses Prinzip. Aber es ist die Welt der alten Tanten und der Detektive mit den 3 D (dick, depressiv, diabeteskrank oder 5 F (Frau, fix und fertig, weil sensibel, und fürchterlich ferständnisvoll)., Graf und Basedow versprechen uns vitale Gangster und "frohgemute" Polizisten. Giorgio DeLange nimmt sich sofort daran ein Beispiel...
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Mittwoch, 28. April 2010
Also - wenn auch nur einer dieses vernachlässigte Tagebuch noch liest, dann ist es nicht verkehrt, wieder ein bißchen regelmäßiger was hineinzuschreiben, oder, Monsieur G. R.?
Heute lästige Aktualitäten. Morgen wieder Roman. Unter kreischenden Mauerseglern, zwirbelnden Rotschwänzchen und schnurrenden Katzen. Nicht zu vergessen duftende Schneebälle und Pfingstrosen - und die erste Rose... Wie Göttin in Frankreich!
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Dienstag, 27. April 2010
Es weht ein leichter Wind im sonnigen Laurac. Ich sitze auf der Terrasse und schreibe. Der neue Roman mit Paul Bremer, Karen Stark und Giorgio DeLange führt mich bis nach Peru - eine spannende Recherche in der Vergangenheit lateinamerikanischer Guerilla und ihrer deutschen Freunde.
Obwohl ich von Serienmordkrimis im allgemeinen nicht viel halte, gibt es im neuen Buch mehr als einen Toten. Ja, man könnte sagen: halb Klein-Roda muß dran glauben. Und daß die Spur nach Peru führt, der DeLange folgt - und daß DeLange und Karen Stark von einem Feind verfolgt werden, der sie mundtot machen will - überrascht mich selbst. Und das ist auch gut so: wer will sich schon beim Krimischreiben langweilen?
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Freitag, 26. Februar 2010
Was Autoren empfinden - ist, wie immer, widersprüchlich. Hier eine Auswahl von Gefühlen angesichts von plattgefahrenen Tieren im Larvenstadium:
Viele Seelen streiten in so einer Autorenbrust. Die eine, die abgeklärte bis abgebrühte, weiß, daß man kämpfen muß in harten Zeiten und auch mal auf den Skandal und das Event und den Hype setzen muß. Und sooo viel wurde da ja gar nicht abgeschrieben im Debütroman von Helene Hegemann, oder? Die andere, die loyale, aber auch die gut kalkulierende, freut sich, wenn es der eigene Verlag ist, der mit „sowas“ erfolgreich ist. So viel Erfolg und Aufmerksamkeit könnten ja auch auf die Autoren abfärben, die nicht mehr süße 17 sind, oder? Die ärmliche, die erbärmliche Autorenseele denkt bei jedem Erfolg eines anderen Autors: warum nicht ich? Die ich mir soviel Mühe gebe? Die moralische findet, daß es besser wäre, wenn man einem Talent erlaubt, erst Autor zu werden, bevor man es vermarktet. Auf den vielen anderen Seelen aber lastet eine andere Frage: Ist es nicht womöglich Sägen am eigenen Ast, wenn man ein Werk feiert, daß das Abschreiben zum ästhetischen Prinzip erklärt, und eine Autorin ermutigt, die das Beharren auf dem Urheberrecht „exzessiv“ findet? Auch wer sich nicht unter Genieverdacht sieht und nicht jedes seiner Worte für heilig hält, zuckt zusammen, wenn es von Verlagsseite heißt, es gebe ein „Recht auf freie Benutzung von Quellen“: „Dieses Recht erlaubt es einem Künstler, Quellen auch ungenannt zu verwenden, wenn er daraus Neues und Eigenständiges schafft.“ Das mag im Einzelfall richtig sein, obwohl wir im vorliegenden Fall so unsere Zweifel haben. Vor allem aber fürchten wir, daß diese Toleranz einem allgemeinen und viel mächtigeren Trend in die Hände arbeitet: die Wundertüte Internet macht „Inhalte“ frei verfügbar und stellt das Urheberrecht, so, wie wir es kennen, zur Disposition. Was aber ist ein Urheberrecht noch wert, wenn man keinen Nutzen mehr daraus beziehen kann? Für Autoren und Verlage, für den Buchmarkt insgesamt ist all das bedrohlich. Das schwächste Glied ist der Autor. Und der hört das Gras wachsen und wittert eine hidden agenda hinter der Hegemann-Causa: wenn man sich als Autor frei im Werk anderer bedienen darf, mag auch der Leser auf seiner Informationsfreiheit beharren und runterladen, was und wie es ihm beliebt. Die pessimistische Autorenseele murmelt: das ist das Ende. Ihre optimistische Schwester setzt auf die Zukunft, auch wenn sie die Antwort auf die Frage noch nicht kennt, wie man in einem solchen Spiel Mitspieler bleiben kann. Noch ist Hegemanns Text ein Buch geworden. Demnächst im Reich einer „Ästhetik der Intertextualisierung“ wäre es womöglich nur mehr ein Phantom.
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Montag, 15. Februar 2010
Erst Helene Hegemann. Plagiat des Buchs eines Bloggers. Dann Jens Lindner: plagiiert Janet Evanovich. Piper nimmt das Buch sofort vom Markt - das von Lindner. Weil Evanovich bekannter ist als Airen, der Blogger?
Man sollte sich schon genau überlegen, von wem man am besten abschreibt. Also: am erfolgreichsten.
(Lindner hat das übrigens "mangels eines schlüssigen Plots" getan. Hegemann hätte man vielleicht vor sich selbst schützen sollen.)
Strange world. Dick Francis ist tot. Den mochte ich. Und der hat wohl das meiste erlebt, wovon er schreibt. Aber das ist wiederum auch kein Ausweis für Literatur.
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Sonntag, 7. Februar 2010
Das war eine schöne Lesung in Graz - am 5. Februar mit Andrea Maria Schenkel und Sabine Scholl. Schenkel verkauft nicht nur verdammt viele Bücher, sie liest auch großartig.
Gut, das Publikum in Graz war handverlesen - im Café Promenade waren's mal gerade 13 - aber das Literaturhaus hat uns geradezu verwöhnend gut behandelt. Und Graz ist eine wunderschöne Stadt, von der ich gern mehr gesehen hätte, wenn am Samstag nicht wieder stundenlang Schneematsch vom Himmel gekommen wäre.
Das Leben als reisende Autorin kann schon sehr schön sein...
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Dienstag, 2. Februar 2010
Ich füttere Vögel. Und bin froh, daß ich noch Spatzen habe. Und daß ab und an ein Grauspecht vorbeikommt. Daß es wunderbar viele Meisen gibt, aber auch Rotkehlchen. Und bin ungeduldig, weil die Viecher die schönsten Futterstellen noch immer nicht entdeckt haben. Was sagt Michael Miersch dazu?
"Geduld! Tiere sind in der Regel neophob und stockkonservativ. Es dauert bis sie sich an etwas gewöhnt haben. Sie werden dafür noch Jahre später nachschauen, ob's bei dir nicht was zu holen gibt, auch wenn du nicht mehr fütterst oder umgezogen bist."
Also wird ab jetzt das ganze Jahr hindurch gefüttert - zumal es mittlerweile öffentlich ist: das ist gut und nicht schlecht und sogar der Nabu sagt ja...
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Montag, 1. Februar 2010
Eine sehr hübsche Meldung aus der Stadtbücherei Friedrichsdorf:
"Der begehrteste Roman des Jahres 2009 war «Schrei nach Stille» von Anne Chaplet. Er wurde 33 Mal entliehen. Chaplet selbst stellte ihr Buch bei einer Autorenlesung in der Bibliothek vor."
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Sonntag, 31. Januar 2010
Geburtstag von Matthias Beltz und Helmut Stephan.
Im Vogelsberg türmt sich der Schnee. Nur Pfoten- und Krallenspuren zu sehen. Das ist Krimistimmung in Krimiland.
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Montag, 18. Januar 2010
Gute Vorsätze - achja. Wer hätte sie nicht und verstößt dennoch dagegen?
Doch wenigstens sind die Termine gemacht - für die Recherche in Selm, mein Tatort für die neue Hellweg-Anthologie. (Es ist übrigens eine Freude und eine Ehre, dort mitzumachen - "Tatort Hellweg" ist mittlerweile das wohl beste Krimifestival Deutschlands, und die Anthologie dazu, die sich nicht auf deutsche Autoren beschränkt, wird von Reinhard Jahn herausgegeben. Und das ist ein Herausgeber, wie er sein soll: streng fordert er Qualität ein. Ich mag das.)
Und mit Robert Schmitt vom Frankfurter Polizeipräsidium. Denn im neuen Roman wird es Giorgio DeLange nicht leicht haben. Beim Ministerium in Wiesbaden ist er in Ungnade gefallen, im Präsidium mobbt man ihn - und auch Karen Stark, seine Gefährtin, spürt den langen Arm und den üblen Atem des Ministers. Derweil stolpert Paul Bremer in Klein-Roda über eine Tote, die passenderweise gleich auf dem Friedhof ermordet wurde. Klein-Roda ist nicht das, was Paul jahrelang in sein geliebtes Dorf hineinphantasiert hat, das wird auf grausame Weise mehr als deutlich...
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Montag, 11. Januar 2010
Ich finde gute Vorsätze zum neuen Jahr wunderbar. Wie neue Jahre überhaupt klasse sind - so ganz frisch, wie der Schnee, der draußen vor der Tür liegt und heute schon wieder um ein paar Zentimeter angewachsen ist.
Im Rahmen solcher guten Vorsätze gibt es demnächst auch wieder Neues von der Krimifront - der achte Roman mit Bremer und Stark geht in die Fertigung. Vorher müssen nur noch ein paar Kurzgeschichten geschrieben, 2 Rundfunksendungen verfaßt bzw. konzipiert werden, zwei Exposés rundgemacht, recherchiert, Freunde getroffen werdenb - alles normal also.
Außerdem vergnügt sich mein alter Ego derzeit mit einem Blog - der logischerweise bLogisch heißt - und ich lenke mich mit meiner kleinen Facebook-Community ab.
Wann ich schreibe? Keine Ahnung. Vielleicht fliegt mir das nächste Buch im Traume zu???
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Dienstag, 8. Dezember 2009
Die Todeslinie rückt näher schon - in tiefer Ruh liegt Babylon. Heute und morgen geht das Manuskript an Barbara Heinzius von Page & Turner - und dann frohe Weihnacht, Leute!
Die Arbeit am nächsten Bremer/Stark-Krimi beginnt subito. Dann gibts auch wieder mehr zu berichten im Tagebuch.
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Montag, 16. November 2009
Darf man das? Tiergeschichten mit hohem Schluchzfaktor schreiben? Und warum liest alle Welt das so gern?
Eine gute, alte Frage. Doch wie lautet die Antwort? Die einfachste ist vielleicht: man betrachte die Welt aus einer anderen als der Menschenperspektive und schon macht sie Spaß, die Selbsterkenntnis. Beispiel: George Orwells Animal Farm. Ähnliches gilt für Tierfabeln, auch sie zielen auf Belehrung und Erziehung. Aber was macht den speziellen Charme von kriminalistisch tätigen Schafen oder Katzen aus? Sie belustigen, offenbar.
Der Fachmann schüttelt natürlich den Kopf über all die Rührstories, in denen Tieren Eigenschaften angedichtet werden, die wir als Tugenden mißdeuten: der treue Hund. Die freiheitsliebende Katze. In Wirklichkeit, wollen uns die Wissenschaftler weismachen, gehen Tiere hemmungslos ihrem eigenen Vorteil nach, dem sie ihr Freiheitsverlangen unterordnen. Zootiere beiben auch bei geöffnetem Gatter hocken und warten auf die tägliche Fütterung. Katzen lieben uns, weil wir ihnen die Dosen öffnen. Sie sind berechnend. Liebe, Freundschaft, Treue? Lug und Trug.
Wer Tiere liebt, irrt - mit anderen Worten. Egal. Tierliebende wissen es besser. Und nichts ändert solcherlei Erkenntnis daran, daß uns Geschichten von treuen Hunden, tapferen Pferden, kühnen Katzen rühren. Sie rühren uns zu Tränen - wie Elke Heidenreichs wunderbarer Kater "Nero Corleone". Denn es gibt kaum eine Kreatur, die aus bloßer Berechnung etwas so Zartes und Schönes machen kann wie Hunde oder Katzen, die des Menschen Gemeinschaft suchen.
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Mittwoch, 11. November 2009
Draußen nebelt es vor sich hin. Drinnen verkapselt sich die Dichte in der selbsterfundenen Welt. Herbst bietet ein hervorragendes Schreibklima.
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Freitag, 6. November 2009
Soeben in der Zeitschrift "Emotion" - Anne Chaplet ist No. 1 ihrer "Top Ten" der deutschen Krimiautoren. Begründung: "Wir lieben sie für das Tempo, mit dem ihre Krimis Fahrt aufnehmen, für ihren hintergründigen Realismus und spöttischen Tonfall."
Tempo? Hmmm. Rasant? Naja. Spöttisch? Immer.
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Dienstag, 3. November 2009
Sonntag abend, Lesung in der Gesamtschule Mücke, "Best of"-Anne Chaplet - ein Heimatabend mit Nostalgiewert zugunsten des überaus noblen, liebenswerten und förderungswürdigen "Kunstturm"-Projekts! Die Stimmung war gut, die Stimme heiser, das Publikum durchhaltewillig und diesen netten Film hat Charly Weller gedreht.
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Montag, 2. November 2009
Ja, es ist paradox. Es wird eh schon zu viel geschrieben, behaupte ich. Vor allem Krimis. Und dann veranstalte ich auch noch einen Schreibkurs zum Thema... In Fulda! Das nennt man das Heranzüchten von Konkurrenz.
Ich bereite gerade die ersten beiden Seminartage vor und überlege mir, womit ich meine Studenten zwiebele. Ich bin sehr neugierig auf die Teilnehmer...
Übrigens: es sind noch Plätze frei!
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Samstag, 31. Oktober 2009
Du liebes gutes Tagebuch, jetzt schmoll nicht! Ja, ich habe dich vernachlässigt. Andererseits: geschrieben wird doch eh schon zuviel, oder etwa?
Jedenfalls habe ich die Buchmesse in diesem Jahr nicht vermißt. Wer will schon überall strahlende Autoren angucken,die ihre neuesten Werke in die Fernsehkameras halten? Eben. Irgendwann muß das ja auch geschrieben werden, was da zum Buch werden soll, und das habe ich getan. 4 Wochen lang. Und Mitte Dezember ist er fertig - der neue Roman...
Nun, das ist die gute Nachricht. Die nicht unbedingt schlechte: es ist kein Roman über Paul Bremer und Karen Stark. Es handelt sich vielmehr um die Geschichte eines Katers, der nicht erwachsen werden will, wofür er gute Gründe hat. Das ideale Geschenkbuch für den verunsicherten Mann!
Der nächste Paul Bremer Roman wird nicht vor Herbst 2011 erscheinen. Traurig? Ja und nein. Autoren sind ja auch nur Menschen und Romanfiguren auch und manchmal braucht man eine Pause voneinander, zumal dann, wenn es soviele andere aufregende Sachen zu tun gibt.
Was? Wird noch nicht verraten.
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Sonntag, 20. September 2009
Aber gibt es Berthold Braams auch wirklich? Hat er, was er schreibt, erfunden - oder gefunden? Die Spannung steigt! Bleiben Sie dran!
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Freitag, 18. September 2009
Sowas tut ja sooo gut - eine neue amazon-Rezension! Und im Vertrauen gesagt: der Mann hat derart was von recht! Danke, Berthold...
Eindrucksvolle Bilder, gut gezeichnete Personen, das war mein erster Gedanke. Der Schauplatz Frankfurt findet in diesem Krimi seinen aktuellen, facettenreichen Niederschlag. Geschickt werden Hinweise in die Handlung eingebaut, aber auch falsche Fährten gelegt, der Leser soll ja mitdenken. Aber genau das lässt im Verlauf der ganzen Geschichte eine Atmosphäre von Geheimnis und Gefahr entstehen.
Für die Entwicklung der Figuren und für einen gewissen Rhythmus hat die stilsichere Autorin viel Platz reserviert, was sich auch in dem Stilmittel der "schwebenden" Erzählung aus den sich immer wieder abwechselnden Perspektiven von vier verschiedenen Personen ergibt. Toll! Worauf Krimi-Fans besonderen Wert legen, der Fall ist insgesamt in sich logisch und spannend aufgebaut. Schön, dass die Auflösung nicht erst am Ende des Buches auf einen Schlag erfolgt, sondern dass die Wahrheit Stück für Stück ans Licht geholt wird.
Durch die kurzen einzelnen Abschnitte, in die das Buch gegliedert ist, liest es sich angenehm zügig, andererseits kann man es in Etappen lesen. Insgesamt ein anspruchsvoller, sehr ansprechender Krimi von einer der besten deutschen Krimiautorinnen. Unbedingt lesenswert.
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Mittwoch, 2. September 2009
Wir kamen nur bis Bamberg... Dafür war das Wetter großartig, die fränkische Gastfreundlichkeit auch, der neue Sattel überaus hilfreich, die Kondition sehr zufriedenstellend. Zum Nachdenken kam es gottlob nicht - dafür ist das Schreiben jetzt die reine Freude.
Es geht voran.
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Sonntag, 23. August 2009
Satteltaschen gepackt. Morgen mit Renate Radtour ganz gemütlich am Main entlang - irgendwie Richtung Bayreuth oder so. Nix dramatisches. Gut zum Nachdenken.
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Freitag, 21. August 2009
Lieber Erhard, ich bin meiner Zeit IMMER voraus! Aber gleich ne ganze Woche?
Danke für die Botschaft mit dem Landboten! Ich sattle sofort die Hühner! Und bis denne in den Mi-auen...
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Donnerstag, 20. August 2009
Auch das Tagebuch stellt eine Ablenkung dar, die zu unterbleiben hat, soll das nochmal was werden mit dem Roman! Und das Rumgespiele mit dem neuen I-Phone ist besonders streng verboten. Andererseits muß ich schon mal klarstellen, daß hier gebloggt wurde längst, bevor es jeder tut, oder? Also! Seit, um präzise zu sein, 1999... Und wenn ich damals eifriger war mit dem Tagebuchschreiben, so muß das daran liegen, daß man sich ungern wiederholt. Obwohl es Dinge gibt, die gehören immer wieder und wieder gesagt.
Zum Beispiel, was einem alles so stinkt am Krimi, lieber "schauderhaft & jammervoll"-Thomas Wörtche.... (Hier...) Tolle Idee, die Forderung nach einer "Ästhetik des Kriminalromans, die irgendwie in der Lage sein könnte, zu verstören, Chaos und Entsetzen, in der Tat Jammervolles und Schauderhaftes anzurichten und vor allem: endlich mal wieder die Grenzen des angeblich guten Geschmacks einzureißen und die allzu selbstgefälligen Sinnstiftungen mit ein paar literarischen Sprengladungen zu sabotieren".
Irgendwie. Sprengen und Sabotieren. Genau. Könnte man das vielleicht unterstützenderweise etwas hilfreicher formulieren? Ich meine: Krimis einfach mal auf dem Mond spielen zu lassen, ist sicher auch nicht immer die Lösung, oder?
Ansonsten ist es heiß. Und der neue Selle Italia-Gelsattel sieht einfach Spitze aus, wird aber erst morgen aufs Rad geschraubt.
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Dienstag, 11. August 2009
Skandierende Fanclubs ziehen draußen vorbei - soviel Anhänglichkeit! Sogar im Regen! Gut, bei näherem Hinsehen entpuppen sie sich als rüstige Wanderrentner. Aber man kann nicht alles haben.
Bremer radelt - die Autorin prokrastiniert. Vornehme Kreise nennen, was sie tut, "aufräumen" - und behaupten, das gehöre nun einmal zu einem gut organisierten Menschen: daß die Ablage stimmt und die Bücherregale übersichtlich sind und die Aktenordner ordentlich beschriftet... (ich empfehle diese hübschen kleinen Ordnerrücken mit küüüüünstlerischen Motiven!)
Ich nenne das: Ablenkungsmanöver. Nichts anderes.
Stimmt's, liebe Barbara? Demnächst Waldschenke. Wenn hier aufgeräumt ist...
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Montag, 10. August 2009
Wie weiland Paul Bremer radfahren - durch den Vogelsberg, nicht durch die Rhön: das befreit den Kopf und tut der Seele gut. Weizenfelder knistern, Junghasen spielen am Wegesrand, Heißluftballons fauchen über Waldwiesen, ältere Herren mit strammen Waden ziehen vorbei und kühle Winde streicheln die matte Schläfe - usw. usf. Es ist die reinste Idylle.
Sicher, im Dorf riecht es nach Silage und Gülle, die Frühäpfel fallen verwurmt vom Baum und die Katzen verstecken halbaufgefressene Mäuse dort, wo sie unsichtbar vor sich hin stinken.
Dennoch ist nichts perfekter als ein morgens kühler und tags heißer Sommer im Vogelsberg. Nur schreiben ist schöner. Es geht voran.
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Sonntag, 28. Juni 2009
Liebe Leser, dieses Tagebuch kommt Ihnen also vernachlässigt vor. Soso. Weil ich nicht jeden Tag was hineinschreibe. Achja. Nun - ich finde, daß die Großmutter des deutschen Krimiblogs nicht jeden Tag ran muß, Erbarmen! Und im übrigen sind mir Menschen unheimlich, die täglich was zu sagen haben.
Haben Sie...?? Nein, auch nicht? Also bitte.
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Freitag, 26. Juni 2009
Len Wanner sitzt an einer Dissertation über Ian Rankin. Und das auch noch in Edinburgh. Er hatte einige Fragen an mich. Ich habe sie zu beantworten versucht. Hier das Ergebnis:
Q: Sollte der Krimi an den Universitäten eine größere Rolle spielen. da der Volkswillen den Krimi doch schätzt? Es fehlt ein intellektuelles Forum.
A: Gewiß haben Sie recht, insbesondere für Deutschland. Hier wird der Kriminalroman noch immer als „Genreliteratur“ und bloße Unterhaltungsliteratur unterschätzt („U-literatur“ im Unterschied zur „ernsten“, der E-Literatur). An den Universitäten spielt diese Art der Literatur weder im Dialog noch im (dort eher verbreiteten) Monolog eine große Rolle. Höchstens dann,wenn man ihr eine literaturfremde Aufgabe zubilligt, nämlich politisch aufklärend („gesellschaftskritisch“) zu sein. Literarische Kriterien werden allerdings auch von den Lesern und vielen Autoren nicht angelegt. In Deutschland hat es Tradition, das Unterhaltungsgenre zu verachten. Der Krimi als „Rätsel“, das intellektuelle Anstrengung vom Leser verlangt, ist bei uns wenig bekannt. Auch haben deutsche Autoren sich jahrelang vom Krimi ironisch distanziert, was zu literarisch und erzählerisch wenig ergiebigen Parodien geführt hat. Hinzu kommt das unglückliche Verdikt von Raymond Chandler, der im britischen Krimi nur lebensfremde Adelsschmonzetten entdeckte und Wirklichkeitsnähe einforderte, sowie der große Erfolg der gesellschaftskritischen Romane der Schweden Sjöwall und Wahlöö, die den Krimi als belehrende Politparabel auffaßten. Auch das lenkt von der literarischen Seite des Kriminalromans als Roman ab.
Ob die Universitäten den „Volkswillen“ widerspiegeln sollen, weiß ich nicht. Aber es ist doch wirklich sehr auffällig, wie erfolgreich das eigentlich ja intellektuell durchaus anspruchsvolle Genre des Kriminalromans ist. Das liegt allerdings auch daran, daß es dort immer anspruchsloser zugeht: der Markterfolg in D. hat dazu geführt, daß mittlerweile alles gedruckt wird, was nur irgend lesbar ist. Mittlerweile geht der Publikumserfolg des Krimis durchaus zurück, vielleicht liegt das auch am Qualitätsverlust.
Interessant übrigens: deutsche Krimi-Autoren sind beim deutschen Publikum entschieden weniger beliebt als die Skandinavier – noch nicht einmal so gute Autoren wie Jan Costin Wagner, Elisabeth Herrmann, Astrid Paprotta, Oliver Bottini. Obwohl sich gerade in diesen Büchern "unsere Kultur so bewusst wie kaum zuvor widerspiegelt“, wie Sie schreiben.
Die Beliebtheit des Genres erkläre ich mir ganz einfach: alle guten Geschichten sind Menschheitsgeschichten, die seit der Odyssee oder dem Gilgamesh-Epos so oder so ähnlich geschrieben werden...
Q: „Sie haben in ihren Romanen eine Stimme gefunden, mit der Sie die gegenwärtigen Herausforderungen an Integrität, Angst, enttäuschten Ehrgeiz und heroische Phantasie neu formulieren. Sind Sie der Meinung das könnte der Grund dafür sein, dass wir Ihre Bücher lesen und ist es Ihre Veranlassung zu schreiben?“
A: Ich fürchte, ich muß Sie enttäuschen. Mich interessieren Menschen und wie sie in extremen Situationen reagieren. Meine politische Publizistik berücksichtigt „die gegenwärtigen Herausforderungen“, meine Figuren scheitern oft ausschließlich an sich selbst. Individuelle Schicksale sind doch aber nur sehr bedingt verallgemeinerbar auf die Gesellschaft als ganzes, oder?
Q: „Meinen Sie, dass Kriminalliteratur es verdient, von Kritikern und Universitäten ernster genommen zu werden, und was wäre Ihrer Meinung nach der Vorteil einer solchen Entwicklung?“
A: Ich möchte vor allem mein Publikum erreichen, und dafür ist das Feuilleton oder gar eine unversitäre Debatte als Mittler heute nicht mehr wichtig. Die akademische Betrachtung sucht nach Regeln und Allgemeinheit, das verdirbt oft die Freude an ihrem Gegenstand – ich hoffe, daß es Ihnen mit Ihrem Thema nicht so geht!!!!
Q: „Erachten Sie die formeltreuen Beisteuerungen zu Ihrer Literaturgattung als Risiko für deren Reputation, und worin erkennen Sie die Vorzüge guter Kriminalliteratur?“
A: Weder allzugroße Regeltreue noch der beständige Versuch, die Regeln zu „brechen“, führen zu einem guten Roman. Ein guter Krimi bietet nicht nur ein intellektuelles Rätsel, er erzeugt auch Gefühle, fordert den Leser also intellektuell UND emotional.
Q: „Befassen Sie sich mit den sozialen Strukturen, die Verbrechen ermöglichen, und ist es Ihre Absicht, diese durch das Dramatisieren des kriminellen Einzelfalles deutlich zu machen?“
A: Nein. Ich schreibe keine politisch-pädagogische Literatur. Soziale Strukturen analysiere ich als politische Publizistin. Als Romanautorin lasse ich den Einzelfall Einzelfall bleiben – denn bei Delikten wie Mord und Totschlag ist er das meist auch in der Wirklichkeit. Einzelne Gewalttaten sagen wenig über die Gesellschaft als Ganzes. Autoren wie Liza Marklund und Henning Mankell behaupten etwas anderes. Das halte ich für Marketingstrategie.
Q: „Zu einer Zeit in der "gerichtliches Gehör" keine Selbstverständlichkeit im politischen Umgang mit dem einzelnen Menschen mehr ist, glauben Sie, dass wir Kriminalromane lesen weil sie uns eine Ersatzgerechtigkeit in Aussicht stellen?“
A: Lieber Herr Wanner, ich würde die Frage in der Tat anders stellen. Es ist keineswegs so, daß Rechtsstaatlichkeit („gerichtliches Gehör“) im demokratischen Europa seltener geworden wäre, im Gegenteil. Es ist kein neues Phänomen, daß Menschen sich mit dem „rule of law“ nicht begnügen, sondern eine Art „höherer Gerechtigkeit“ fordern oder für sich beanspruchen (Selbstjustiz, bei Mankell sehr häufig). Und insofern bewegen uns seit jeher Geschichten (Michael Kohlhaas, vielleicht auch Robin Hood), in denen Menschen nach „ihrer“ Gerechtigkeit suchen und dabei in Konflikt geraten – nicht nur mit Regeln und Gesetzen, sondern auch mit ihrer eigenen Einschätzung, sie stünden für das Gute und Richtige. Denn das Streben nach absoluter Gerechtigkeit kann sehr selbstgerecht werden.
Ich bevorzuge Kriminalromane, in denen gezeigt wird, daß es für viele tiefe Konflikte weder eine befriedigende rechtsstaatliche Lösung gibt noch gar „Gerechtigkeit“. Meine Romane bieten insofern keine „Lösung“. Es bleibt das Unbehagen, daß Regeln und Gesetze die eigenen Wünsche nach Eindeutigkeit (oder nach Rache) nicht befriedigen. Aber noch größer wäre das Unbehagen, nähme sich eine kritische Menge von Menschen das Recht heraus, die Regeln selbst zu bestimmen. Der Kompromiß kränkt die eigenen Gefühle und ist doch überlebensnotwendig – für alle. Das, zum Beispiel, ist ein großartiges Thema für einen Kriminalroman – und hat nichts von jenem plakativen Vorwurf an „die Gesellschaft“, mit denen man es in manchen Krimis zu tun kriegt.
Q: „Denken Sie, dass Kriminalliteratur ihre Leser dahingehend unterrichtet, wie sie zu Zeiten vielfacher und widersprüchlicher Autorität, in einer Kultur die nach einem ethischen Zentrum sucht, mit Verbrechen und Verbrechern umzugehen haben?“
A: Nun, Sie können sich nach meiner obigen Antwort denken, daß ich nicht glaube, daß Literatur die Leser „unterrichten“ sollte. Ein guter Roman sollte Fragen AUFWERFEN, nicht sie lösen oder Lösungen vorschlagen. Ein gutes Beispiel dafür ist übrigens Elizabeths Georges Roman „Deception in his mind“, vorbildlich, weil er Konflikte in und mit dem pakistanischen Milieu ZEIGT, aber sich kein Urteil anmaßt.
Q: "Ist der Verbrecher, Ihrer Auffassung nach, eine Gelegenheit, Gefühle der Unzulänglichkeit und Wut auszuleben oder ist es möglich, dass wir uns mit ihm identifizieren, um zu verstehen was einen Menschen ins Verbrechen führt?“
A: Ich kann nur für mich sprechen: mich interessieren beim Krimi lediglich Personen, deren Motive ich nachvollziehen kann, und die einen Konflikt empfinden zwischen ihren Handlungen und dem Gesetz „Du sollst nicht töten“. Verbrechen als subversiver Akt interessiert mich ebensowenig wie perverse Serienmörder oder kalt kalkulierende intellektuelle „Superhirne“. Ich bin mir auch nicht sicher, daß Menschen sich für diese Art von Verbrechern interessieren. Sie folgen in solchen Romanen womöglich eher dem „thrill“ der Geschichte (Frau gerät in Gefahr durch perversen Serienmörder usw.)
Q: „Meinen Sie wir lesen Kriminalromane, um einen Weg zu finden auf dem wir gewissen moralischen Kernprinzipien die Treue halten können, und um zu erfahren, wann wir uns diesen im Dienste eines höheren Gutes wiedersetzen dürfen?“
A: Krimis lesen, um „Widerstand“ zu üben? Ich glaube, Sie definieren den Krimi zu politisch und zu wenig literarisch. Wenn Sie damit aber einen Widerspruch meinen – das Gesetz und mein Gewissen sagt dies, aber ich empfinde angesichts (der Entführung meines Kindes) die Notwendigkeit, gegen beides zu verstoßen – dann haben wir die Grundlage für einen guten Plot
Q: „Sind sie der Meinung, dass wir Kriminalromane lesen weil der Gesellschaftsroman verschwunden ist, ohne jedoch unsere Sehnsucht nach Identifikationspotential mit sich zu nehmen und wir uns nach wie vor mit Menschen in Bedrängnis identifizieren möchten, um zu spüren, dass wir mit unseren Ängsten, Nöten und Unsicherheiten nicht allein sind?“
A: Der Krimi IST der moderne Gesellschaftsroman - und ja: ich glaube, daß man bei der Lektüre manchmal Ängste „auf Probe“ durchleben will. Wir leben in einer im Vergleich zu anderen Kulturen und anderen Zeiten enorm sicheren Welt, aber unsere alten Instinkte sind noch lebendig, die unseren Körper Adrenalin ausschütten lassen, wenn wir eine Bedrohung spüren. Da wir aber einer Bedrohung sehr selten real ausgesetzt sind, „üben“ wir für den Ernstfall - beim Nachvollziehen des „thrills“ in einem Buch. Das wäre jedenfalls eine mögliche These.
Q: „Bietet der Kriminalroman, Ihrer Auffassung nach, eine Version sozialer Entwicklung, die Lesern als Gegenbild zu ihrer Wirklichkeit dienen mag, aus deren Vergleich sie ihre eigenen kritischen Schlussfolgerungen ziehen können?“
A: Dear Mr. Wanner – again: das ist mir zu politisch und pädagogisch gedacht! Menschen lesen Unterhaltungsromane, um etwas zu empfinden. Für kritische Schlußfolgerungen sind andere Instanzen zuständig und im übrigen ja auch vorhanden.
Wenn Leser Romane für bare Münze nehmen, ergeht es ihnen womöglich wie Emma Bovary, die an eine Wirklichkeit geglaubt hat, die religiöses Traktate und Liebesromane ihr vorgaukelten. VIELLEICHT hätte sie ja Schlüsse ziehen sollen aus dem Unterschied zwischen ihrer Lektüre und ihrer Lebenswirklichkeit, aber zu diesem Zweck hat Flaubert sicher den Roman NICHT geschrieben.
Q: „Stimmen Sie der Vermutung zu, dass Krimileser Kriminalromane lesen, um ihre eigenen Erfahrungen im Kontrast zu dem gattungstypischen, patriarchischen Idealbild auszutarieren?"
A: Beg your pardon????? Was soll das sein?
Q: „Glauben Sie wir lesen Kriminalliteratur als Wegweiser des modernen Lebens; dass wir uns am Detektiv als Vorbild für die tagtäglichen Kompromisse orientieren, um die moderne Welt zu überleben?“
A: Naja, so schwer ist das ja vielleicht gar nicht, die moderne Welt zu überleben (das Mittelalter war weit anstrengender) (*lol*) Aber das Wort „Kompromiß“ in diesem Zusammenhang leuchtet mir ein, wir hatten das oben schon: es geht um einen Kompromiß zwischen den gesellschaftlichen Regeln und dem eigenen Gerechtigkeitsempfinden. Der kluge Detektiv kennt beides und läßt beide nicht überhandnehmen. (Der ist ein seelenloser Buchhalter, der nur nach den Regeln lebt und keine weitergehenden Bedürfnisse kennt.) (Der begibt sich auf einen gefährlichen Weg, der das eigene Gerechtigkeitsempfinden über das Gesetz stellt.)
Q: „Lesen wir und schreiben Sie Kriminalromane weil sich dieses Genre nicht davor scheut, das Extreme zu dem wir als Menschen fähig sind darzustellen?“
A: Ja, unter anderem.
Q: „Wessen Werk bietet Lesern Ihrer Meinung nach jene wertvollen Erfahrungen, die uns unserem eigenen Leben entreissen und uns zu diesem mit Gewinn und einer neuen perspektive auf die "großen Fragen" zurückkehren lassen?“
A: Sehr gute Frage. Wenn Sie dieses Werk kennen, lassen Sie es mich wissen!
Q: „Welche Szene aus einem Kriminalroman ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben und welche sind Sie froh, geschrieben zu haben?“
A: Die Szene, wie Harriet Vane und Lord Peter Wimsey zu Beginn ihrer Hochzeitsnacht von einer alten Jungfer belauscht werden. Diese Szene ist einfach urkomisch. Nicht, weil die alte Jungfer so komisch wäre, sondern weil Wimsey so ein pompous idiot ist.
Ich bin froh, daß ich die Vergewaltigung eines Mannes durch Mithäftlinge in einer Strafanstalt beschrieben habe. Es war ganz und gar kein Spaß, aber nötig.
Q: „Und schließlich, haben Sie schottische Kriminalliteratur, insbesondere Ian Rankin’s Werk, gelesen und wären Sie so gut, auf dieses bitte zu kommentieren?“
A: Ja, ich habe etliche Romane von Ian Rankin gelesen, er hat mich nach Edinburgh entführt, und das hat mir gut gefallen. Was alle anderen Implikationen seines Werks betrifft, so fehlt mir die Zeit, dazu mehr aufzuschreiben. Ich hoffe, Sie verzeihen das Ihrer
Anne Chaplet
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Montag, 15. Juni 2009
Heute Jurysitzung für den Deutschen Kurzkrimipreis. Effiziente Jury - Grusche Juncker und Martin Schöne (und danke an Julia Röskau!) (und an den Cateringservice von Kater Paul), schnelle Entscheidung nach gründlicher Beratung, zufriedenstellendes Ergebnis.
Und dann auch noch dies hier: Fräulein Menke hat das Tagebuch der Anne Chaplet auf den 1. Platz der Krimiblog-Krimiblog-Chartshow gesetzt! hier... Große Freude! Begründung:
"Die Mutter der deutschsprachigen Krimiblogs. Allerdings würde sie sich nie so nennen. Tagebuch klingt viel literarischer. Ansonsten gilt: Täglich lesen. Wie die Bibel. Und als Frau gebührt ihr natürlich der erste Platz."
Nichts könnte wahrer sein! Nur eins, liebe Lucia: in diesem Fall möchte ich gern die GROSSmutter der deutschsprachigen Krimiblogs sein. Mein Netztagebuch gab es schon, da habt ihr noch in die... na, Du weißt schon.
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Sonntag, 14. Juni 2009
Kaum ist unsereins wieder in Deutschland, wird das Wetter schlecht und wollen alle was von einem. Aber jetzt ist in Klein-Roda Sommer, der Gemüsegarten in geradezu spießbürgerlichster Ordnung, die Katzen auf Mausejagd. Und noch nicht alle Rosen sind verregnet - die, die den affenkalten Winter überlebt haben, blühen üppig und versuchen tapfer, gegen schweinischen Stallgeruch anzuduften. Alle Kletterrosen hats böse erwischt, aber bis auf zwei treiben sie wieder frisch aus. Das ist schade um die jahrzehntealten Triebe der "Dortmund", die sich um den Rosenbogen am ehemaligen Eingangstor geschlungen hatten.
Doch auch hier liegt in der Krise die Chance: jetzt kann man Zaunpfosten und Rosenbogen in aller Ruhe renovieren. Und über dem neuen Eingangstor einen neuen Rosenbogen anbringen, an dem sich die ebenfalls neue Aloha hochranken wird, wenn sie mal älter ist. (Eine übrigens sehr empfehlenswerte Kletterrose für alle, die auch mal eine Rose in der Vase haben wollen - Aloha läßt sich das gefallen und hält sich lange.)
Wenn ich nicht heute schreiben müßte, würde ich mit der Nagelschere den Rasen schneiden... aber ich habe keinen Rasen, gottseidank, nur ein ungeregeltes Wachstum unter Apfel- und Birnenbaum, das man auch mal wieder...
Später. Prokrastinieren gilt nicht.
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Sonntag, 31. Mai 2009
2 sehr feine Rezensionen auf "Buchwurm" - und schon ist der Tag Dein Freund!
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Samstag, 30. Mai 2009
Leser sind doch was Feines - und eine solche Lese-Seite ebenfalls: Buchtips... auch noch ohne das blöde Doppel-P geschrieben! Das gibt Hoffnung.
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Dienstag, 26. Mai 2009
34 Grad am 25. Mai im Vogelsberg? Unfaßbar. Gottlob ist es heute etwas kühler, auch wenn der Regen längst nicht ausreicht, um den Gemüsegarten halbwegs beackerbar zu machen. Dabei habe ich von Rosi Gemüsepflanzen bekommen, die dringend unter die Erde müßten.
Beobachtung am Rande: man sollte auf "Wer kennt wen" eine Gruppe gründen, die für den Erhalt alter Fernsehantennen auf dem Lande kämpft. Abend für Abend sitzt auf dem Monstergestänge auf dem Nachbarhaus - nein, nicht die gute treue Amsel, diesmal nicht. Es ist ein glänzend befrackter Star, der da sülzt und schnalzt und trillert und wiehert. Klingt wie ein Pferd oder ein Telefon und antwortet, wenn man zurückpfeift. Plustert sich auf, schüttelt die Flügel aus und kräht sich die Seele aus dem Leib.
Wenn sich das Fernsehen längst von selbst erledigt hat - er wird bleiben.
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Montag, 18. Mai 2009
Noch drei Tage ungestörtes Stricken am neuen Roman, bevor ab Freitag die Welt wieder über mich hereinbricht - mit einem Absacker auf Frankfurts Schillermarkt (Daye? Daniella???) und einer Lesung in Tübingen am Samstag. Dort wird übrigens ein neues Literaturmagazin namens "Cuts" vorgestellt., das Michael Köckritz (vom Kultautomagazin "ramp") gegründet hat.
Laurac macht den Abschied nicht leicht: die Himbeeren reifen heran und demnächst blüht der Jasmin. Dafür beginnt im Vogelsberg gerade erst die Rosenblüte.
Ich habe gerade zum zweiten Mal "Konstanze" von Elisabeth Herrmann gelesen - ein hinreißend erotisch intelligenter Roman über Konstanze von Aragon, die im 13. Jahrhundert Friedrich heiratet, später Kaiser Friedrich II. Vielleicht sollte man meine Website um einen "Buchtipp" ergänzen???
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Dienstag, 12. Mai 2009
Was liest der Mann mit der rotzigsten Schreibe Deutschlands, Verächter von Betroffenheitskitsch und anderem Gesülze? Genau! Siehe hier:
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Montag, 11. Mai 2009
Ich habe noch nie den Romanglauser gekriegt und bin auch noch nie dafür nominiert worden. Zu diesem netten kleinen Köfferchen mit dem Geld hätte ich sicherlich nicht nein gesagt. Wohl aber zu der Begründung, wie sie die diesjährige Preisträgerin Gisa Klönne erleiden darf: hier.
Lobenswert sei an Klönne, daß sie in ihrem Roman „ein düsteres und beklemmend aktuelles Bild der Welt, in der wir leben“ zeichne. Eine gewagte Aussage. In Klönnes Roman geht es um Gewalt gegen Frauen. Die gibt es, schlimm genug. Aber ergibt sich daraus ein „aktuelles Bild der Welt, in der wir leben?“ Die weit überwiegende Mehrheit der Frauen hierzulande hat weder häusliche noch familiäre noch außerhäusliche Gewalt jemals erlebt. Daß eine Krimiautorin über die Fälle schreibt, in denen es passiert, ist davon unbenommen: sie schreibt einen Roman und bildet kein Statistiken ab. Kein redlicher oder gar guter Roman aber benötigt den Nachweis, der jeweils verhandelte Einzelfall stehe fürs Ganze. Höchstens im sozialistischen Realismus seligen Angedenkens. Leider gehören die Passagen, in denen Gisa Klönne das versucht, zu den schwächsten ihres Buchs. Den überwiegenden Rest des Romans aber sollte man vor solchem Lob in Schutz nehmen. Oder wird hier für einen Klappentext a la „im Geist von Henning Mankell“ geübt?
Verwundert hat mich der Hinweis, daß Gisa Klönne „konsequent und mutig“ (wozu braucht man Mut beim Krimischreiben? Muß man dazu ein Held sein? Ist das gar Widerstand gegen „die Welt, in der wir leben“ und als solches geradezu selbstgefährdend?) „an die Schmerzgrenze dessen, was ein Autor seinen Lesern zumuten kann“ gegangen sei. Ist die Schmerz- oder Geschmacksgrenze in unserem geliebten Genre nicht schon mehr als einmal überschritten worden? Und wer braucht da mehr Mut? Autor oder Leser?
Aber egal. Der Höhepunkt dieser Begründung (noch einmal: für die die Autorin nichts kann) ist der Schnack von der „von Menschen deformierten Welt“. Jawohl! Laßt uns die Welt mutig und konsequent von Menschen befreien! Tiere metzeln einander, ohne daß einer hinterher ein Buch darüber schreibt, und das ist in mancher Hinsicht überaus segensreich.
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Sonntag, 10. Mai 2009
Jack the Ripper soll eine Erfindung britischer Journalisten sein, die ein paar ungeklärte Mordfälle zu einer Serie zusammengebacken haben. Halte ich alles für möglich. Sogar heute noch - wenn man an die Suche nach der "polnischen Packerin" denkt (jene serientätige Phantomfrau , die überall ihre DNA verstreut hat).
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Samstag, 9. Mai 2009
Verändert der Computer die Literatur? Nur Reich-Ranicki hat mit Freude und Genugtuung "Ja!" gerufen: die Möglichkeit zum beständigen Verbessern des Textes habe auch zu besseren Texten geführt. Viele andere fürchten, das gerade das den "authentischen" Text durch Überperfektionierung zum Verschwinden bringe.
Das ist offenbar der gute alte Genieverdacht. Den sollte man sich abschminken. Wenn man sich die Manuskriptseiten der "Madame Bovary" von Flaubert betrachtet - hier - stellt man fest, daß auch ein großer Meister beständig durchgestrichen, ausradiert, überschrieben, also: verbessert hat. Was hätte der für die Möglichkeiten eines PC gegeben!
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Freitag, 8. Mai 2009
Nur so vor sich hindichten geht leider nicht, man muß ja auch mal essen - also: einkaufen fahren, dann, wenn's kommod ist, also möglichst, wenn tout le monde am mampfen und verdauen ist, also mittags. Der Geldautomat funktioniert einwandfrei (hej, es ist also noch was auf dem Konto!). Aber der Carrefour ist dicht. Cerrado, oder wie das hierzulande heißt. Und weswegen? Na, da stehts doch: heute 8. Mai!
Tja, da sind deutsche Krimiautorinnen mit Nebenfach Geschichte doch einigermaßen bedröppelt. Hätte man schon wissen können, oder? Daß die Franzosen ihre Befreiung von den Nazis und den Deutschen feiern? Und es hätte mir doch auffallen müssen: Um mich herum grillt und feiert und tobt das Leben, die Picknickkörbe quellen über, es regnet noch nicht einmal und vor der Auberge des Piles, die sich bemüht, die neue Prolojugendkneipe zu werden, findet ein Flohmarkt statt, also!
Ach, beneidenswerte Franzosen. Wir haben wenige nationale Feiertage, die so aufgeladen sind und dabei noch zur Freude einladen. Der 9. November wäre es gewesen, wenn er nicht zu viele und zu disparate Erinnungsmöglichkeiten böte. Mit dem 1. Oktober sind wir nicht richtig warm geworden. Wie wir ja überhaupt es mit der nationalen Freude nicht so haben. Ich erinnere mich noch gut, wie der liebe Dr. Weizsäcker uns Deutschen Anno 1989 die Freude über das Ende des Eisernen Vorhangs regelrecht verboten hat. Ein historischer und moralischer Fehler, der nicht wiedergutzumachen ist.
Schade eigentlich.
Wenigstens blühen und duften die Rosen in meinem Hinterhof.
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Donnerstag, 7. Mai 2009
Die Bundesregierung ist sich einig: es braucht strengere Waffengesetze, damit sich ein Amoklauf wie der in Winnenden nicht wiederholt. Sehr gut! Aber was ist mit anderen gefährlichen Gegenständen, mit denen es Suizidwilligen gelingen könnte, möglichst viele andere mitzunehmen ? Ich denke da nicht direkt an Streichhölzer, obwohl auch das zu überlegen wäre. Was mich seit dem Massaker am Königinnentag in den Niederlanden beschäftigt, sind Autos. Und ob man sie nicht frisch gekündigten Werktätigen möglichst umgehend wegnehmen sollte. In dem Kontext will mir auch nicht in den Kopf, warum männliche (!!!) Jugendliche schon mit 17 den Führerschein machen können sollen. Ich schlage vor: ab 25. Oder erst dann, wenn sie eine stabile Beziehung vorweisen können. Am besten mit Trauschein.
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Dienstag, 5. Mai 2009
Der Himmel ist blau. Die Wolken sehen aus wie Baumkuchen. Der Wind bläst martialisch kalt aus Nord. Und da soll man einen klaren Gedanken fassen?
Also unklare. Zum Beispiel über die theatralischen Krimiinszenierungen, in denen das "Böse" mindestens satanische Abmessungen hat. Ich halte es da ja eher mit der Schule, die vom Krimi "Gesellschaftliches" erwartet, nicht Gesellschaftskritisches, sondern Wirklichkeitsnahes - uns etwa eine Gemeinschaft zeigt von Menschen unter jenem Druck, den Gewalt erzeugt. Holt das Beste und die Bestie im Menschen hervor. Das Wirklichkeitsnahe an einer solchen Konstruktion ist dabei nicht die Gewalt, sondern die Reaktion darauf, das Milieu, die Charaktere.
Der Vorwurf eines Rezensenten, ein Krimiautor habe lediglich die "Banalität" des Bösen gezeigt, sich nicht richtig in die Täterpsyche reingekniet, kommt jedenfalls nicht aus dem Reich der Wirkllichkeitsnähe. Gewalt im "wirklichen Leben" zeichnet sich oft durch eine Beiläufigkeit aus, die ihre Opfer noch im Nachhinein beleidigt: sie waren noch nicht einmal mit krimineller Hingabe "gemeint".
Die Lust an der Inszenierung von Gewaltorgien des "ganz Bösen" befriedigt also offenbar nicht durch Wirklichkeitsnähe. Sondern, Einwurf von Reinhard Jahn, durch etwas Religiöses: das Gute braucht das Böse, sonst kommt es nicht recht zu Wirkung und Größe. Und Gott braucht einen Antagonisten. Satan.
Gutmenschen wirken besonders heroisch, wenn ihr Gegner besonders furchterregend ist. Ruchlose Ärzte, kalt kalkulierende Kapitalisten. Und Bond braucht Dr. No oder Goldfinger usw. Klar doch. Ist deshalb der Krimi als sozialkritisches Melodram so gut geeignet?
Bleibt: der Krimi als Fortsetzung der Bibel. Oder als Bibelersatz. Nur mal so dahingedacht.
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Sonntag, 3. Mai 2009
"Jede Krise ist ein Geschenk des Schicksals an den schaffenden Menschen." Stefan Zweig, zitiert von Bertelsmann-Chef Ostrowski.
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Freitag, 1. Mai 2009
Die Katzen dösen in der Sonne oder liegen auf der Mauer, von der aus sie das Geschehen im unteren Teil von Laurac zu überschauen vermögen. Glänzende Ausblicke.
Ich habe mich, noch immer verschnupft, vor dem kühlen Mistral ins Innere geflüchtet. Das hilft der Konzentration, denn die Dinge sind in Bewegung: DeLange ist auf der Flucht. Aber Helfer und Verbündete stehen bereits in den Kulissen, um ihm beizuspringen.
Bleiben Sie dran! Es bleibt spannend!
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Mittwoch, 29. April 2009
Nachtigallen schlagen. Sie singen nicht, sie tirilieren nicht, sie rattern und meckern und - schlagen. Und das nicht nur jede Stunde, nein, unaufhörlich. Die ganze Nacht über. Da hilft nur: ganz schnell wieder einschlafen.
Zurückschlagen geht leider nicht.
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Dienstag, 28. April 2009
Der neue E-Book-Reader von Sony – nun: wenn es bei diesen Preisen und dieser Ausstattung bleibt, ist das Ding keine Konkurrenz für ein schönes, handliches Buch. Bislang habe ich es nur in einer Hinsicht nützlich gefunden: für Flugreisen ist das kleine Ding ideal. Fürs professionelle „mal ins Buch reingucken“ auch – Rezensenten und Lektoren sind wohl deshalb auch die Erstkäufer.
Fürs Lustlesen aber ist und bleibt es nicht geeignet. Da muß noch mehr passieren. Viel mehr. Und dennoch: wir Autoren sollten uns schon mal drauf einstellen. Das Buch bleibt, aber etwas anderes kommt, und man sollte schon versuchen, das Neue selbst zu definieren – sonst tun es andere. Und die sind, siehe HR, nicht unbedingt vor allem auf der Seite von uns, den Autoren, Urhebern, den „Content“- und „Grauwert“produzenten.
Ach, übrigens: Das schöne Wetter ist endlich auch in Frankreich angekommen. Dafür habe ich mir eine Erkältung geholt – nein, die Schweinepest ist es offenbar nicht, ich lebe noch.
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Montag, 27. April 2009
Vom Kurztrip nach Deutschland zurück - wegen einer Veranstaltung des HR 2 mit Kathrin Fischer und dem Kollegen Bernd Schultz (Grüße! Auch an seine Frau!) – in der Krone Assmannshausen, einer der Spielorte von „Wasser zu Wein“, aus dem ich auch lese. Das Buch liest sich seltsam nach all den Jahren – sollte ich mich und meinen Schreibstil so verändert haben? Ja, sagt die Buchhändlerin. Glücklicherweise meint sie damit: zum besseren.
Nach der Veranstaltung langes Gespräch mit Hans Sarkowicz vom HR 2. Auch darüber, warum es solche Sendungen wie die, die wir soeben aufgezeichnet haben, womöglich demnächst nicht mehr geben wird. (Fußnote: der HR muß sparen. Und woran spart er? An der Verwaltung und all dem anderen, wofür er gut zwei Drittel seiner Einnahmen ausgibt? Mitnichten. Am Programm, das eh nur noch von einer Handvoll „Contentproduzenten“ gemacht wird, viele davon frei. Ein Witz? Nein, die Realität.)
Besitzer und Management der Krone Assmannshausen, diesem Hoteltörtchen mit der großen Vergangenheit, haben in den letzten Jahren mehrfach gewechselt. Die alte, zu Hans Ullrichs Zeiten so spürbare Liebe und Hingabe scheinen verschwunden. Noch kocht man gut in der Küche, aber der griesgrämige Manager verströmt eine Laune, die auf den Service abfärbt. Und wer plaziert bitte schön neben den Saal, in dem eine Rundfunkaufnahme stattfindet, eine Hochzeitsgesellschaft, die verständlicherweise auf ihrem klavierspielenden Alleinunterhalter besteht?
Auch das vereinbarte Abendessen um kurz nach zehn ist plötzlich gecancelt und muß erbeten und erbettelt werden.
Am nächsten Tag spürt man: ohne den schlechtgelaunten Herrn ist die Stimmung erheblich besser. Meine sowieso: ich lasse mich drei Stunden lang durch die Weinberge treiben, von Assmannshausen nach Rüdesheim, an der Burg Ehrenfels vorbei, unten der Mäuseturm, dann der Zufluß der Nahe mit der Drususbrücke. Darüber unser Weinberg, der Lage Roseneck zugehörig, aus dem das Weingut Breuer einen der großartigsten Rheingauer Rieslinge macht.
Die Chefin, Theresa Breuer, läßt uns den Jahrgang 2000 „unseres“ Weines probieren und mit dem von 2007 vergleichen. Himmel, was kann ein guter Wein verzaubern!
Später Hoffest, Weingut König. Wir landen unter den Fittichen von Claudia Schmoranz, und das ist auch eine Art Himmel auf Erden.
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Donnerstag, 23. April 2009
Das erste Kapitel ist rund und gefällt mir gut, das zweite hat ein schönes, etwas langsameres Tempo. Nun müßte die Geschichte eigentlich von allein vorwärtsgehen. Und das bis nächsten Dienstag ohne die Autorin: die muß auf einen Kurztrip nach Deutschland.
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Sonntag, 19. April 2009
Endlich Ruhe. Ja, liebe Daniella, lieber Rudolf, das klingt jetzt unfreundlich, aber es ist die reine Wahrheit: ihr und das Leben – oder der Roman! Beides geht nicht. Jedenfalls nicht immer. Jedenfalls nicht zur Zeit, im jetzigen Stadium des neuen Buchs. Da will man schlampert und griesgrämig drin abtauchen und nur noch mit Giorgio DeLange, Dr. Diana Feldmann und Karen Stark verkehren. Einkaufen geht gerade noch, auch ein bißchen durch die Landschaft fallen, vorausgesetzt, man hat das Diktiergerät dabei. Wir haschen hier nach jeder Eingebung!
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Donnerstag, 16. April 2009
Besuch aus Deutschland. Daniella ist gekommen und bringt Spargel aus Freiburg mit. Mei, was sehen wir Südfranzosen doof aus, wenn da jemand strahlend und braungebrannt aus Deutschland kommt und man hier den Kamin anwerfen muß, damit es nicht ganz so unwirtlich ist! Überall um uns herum frierts und bibberts, aber das tröstet kaum. Und wirklich freuen kann man sich auch nicht an der Feststellung, daß das einst beliebte Relais Fleuri zwar immer noch ein nettes kleines Restaurant mit einem netten Patron ist, der aber ein derart grausliges Essen auf den Tisch stellt, daß man den eigenen Herd schon wieder überschwenglich loben muß.
Die gute französische Küche ist zumindestens in der Provinz eine reine, leere Behauptung.
Tempi passati: Aus der ehrwürdigen Auberge des Piles direkt unterhalb unserer Ruine, dort, wo man schon seit Jahrzehnten nicht kochen konnte, ist ein munterer Treffpunkt geworden, an dem es jeden Freitag Karaoke gibt! Das Grauen hat einen Namen.
Reflexionen über das Älterwerden: wußten Sie schon, liebe junge Mitlesende, daß Krachmachen nur denen Spaß macht, die dabei sind, und das meistens auch nur bis zum Lebensalter von ca. 30? Ja, ich weiß, alle Älteren und vor allem Eltern sind Spaßbremsen, wenn sie um Ruhe bitten. Aber 1 Argument müßte eigentlich allen Generationen einleuchten: ich möchte gerne selbst entscheiden, welchem Krach ich zuhöre! Schließlich wollen Discoliebhaber ja auch nicht mit Hansi Hintermeier (oder wie der heißt) zugesülzt werden, oder?
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Dienstag, 14. April 2009
Ein Haus in Südfrankreich, ja, da sagt jeder „O lala!“ und guckt verzückt. Oder verkniffen und stellt sich die legendäre „Villa im Tessin“ vor, die man schon August Bebel zum Vorwurf machte.
Die Wirklichkeit, liebe Freunde, liebe Leser, ist ganz anders! Jedenfalls bei mir. Das Maison Chapelet ist eine bewohnbare Ruine, die ständiger Aufmerksamkeit und behutsamer Wartung bedarf. Also vergehen die ersten Tage der Anwesenheit hier stets wie, tja, im Fluge. Man kauft ein, wäscht, putzt, räumt auf und ein, renoviert hier, bessert dort aus. Das hält auf den Beinen, wach und von der Arbeit ab. Es sei denn, man hätte ein paar Tage Urlaub – dann ist es die Beschäftigungstherapie, derer man bedarf, soll nicht eintreten, was Urlaubsverächter schon lange behaupten: Freizeit und Nichtstun machen dumm.
Da ist man hier in den letzten Tagen aber verdammt viel klüger geworden.
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Dienstag, 7. April 2009
Warum sollen nicht auch mal die Südfranzosen die Arschkarte kriegen? In Deutschland, ja sogar im Vogelsberg ist es warm und sonnig und in Laurac ist es bestenfalls unentschieden, meistens regnerisch und nicht wirklich warm. Aber was soll’s – wenigstens schneit es nicht. Wenn man meiner Mutter glauben kann, dann war das an meinem Geburtstag am 7. April vor vielen, vielen Jahren anders. Und mein Vater hatte die Blumen vergessen. Woran man sich so alles erinnert im Leben...
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Sonntag, 22. März 2009
Zum Thema "niedere Triebe ausleben": mein Publikum geht immer äußerst engagiert mit (höflich ausgedrückt), wenn ich als Zugabe die berühmte Schneckenkillerszene aus "Wasser zu Wein" lese (achja: ab Juni wieder lieferbar). Was sagt uns das über die menschliche Natur? Na?
Daß man im Garten manchmal grausam sein muß. Gestern: den Apfelbaum beschnitten, die Rosen ausgelichtet, die Kletterrosen sogar brutalstmöglich - der Frost hat verdammt viel Totholz produziert. Schlechtes Gewissen deswegen? Da hilft eine kleine Sprachkur: wir nennen solche Eingriffe einfach "Verjüngungsschnitt" und schon hat das Hantieren mit scharfen Sachen am lebenden Holz höhere Weihen. Man muß nur aufpassen, daß diese erfüllenden frühlingsbedingten Anfälle, mit schwerem Gerät Licht und Luft zu schaffen, nicht ausufern. Da bleibt dann manches auf der Strecke, dem man eine Chance gegönnt hätte, wäre man bei Besinnung geblieben.
Das ist natürlich nichts gegen emotionsentkernte Menschen, die mit Aufsitzmähern (!!!) das Kleingetier niedermetzeln, das ihnen unter die rotierenden Mördermesser gerät. O-Ton W.R. aus O.: "Wenn der Mähwerkton für einen kurzen Moment anders klingt, sagt man vielleicht: Mist, schon wieder ein Eichhörnchen durchgezogen!"
Darf man so grausam und gemein sein???
Nun, der Kampf gegen die natürlichen Gartenfeinde wie Wühlmäuse, Giersch, Blattläuse, Moos und Nacktschnecken hat hierzulande noch Zeit. Derzeit weiden sich die Bienen an den Schneeglöckchen - da wird mensch schlagartig ganz friedlich und möchte die Kerlchen mit ihren gelben Hosen am liebsten streicheln.
Zwischen Anfällen von Gartenwut geht der Kampf um DeLanges Unschuld weiter. Derzeit versackt Giorgio in Frankfurt und trifft dort auf den berüchtigen Architekturkritiker Henner D., der ihm fachmännisch erläutert, wie man Hochhäuser sprengt.
Bleiben Sie dran! Es wird immer spannender!
Henner, der Kampf geht wieter!
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Mittwoch, 18. März 2009
Es riecht nach Gülle draußen. Jetzt muß er also beginnen, der Frühling. Im neuen Roman ist das Jahr schon etwas weiter, blühen die Magnolien in Frankfurt, fragen sich Karen und Giorgio DeLange ob sie... oder ob sie nicht...
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Montag, 16. März 2009
Gut, es gibt Männerkrimis. Es gibt auch Frauenkrimis. Und es gibt das neue Buch von Elisabeth Herrmann: "Die letzte Instanz". Wer in einem Buch versinken möchte, abtauchen in das abseitige Berlin, dem sei der wirklichkeitssatte und dennoch ohne künstlichen Krampf spannungsgeladene Roman dringend empfohlen. Auch allen anderen, die glaubhafte Figuren lieben - und einen meisterhaften Plot, der ebenso menschlich plausibel ist. Leider kann hier nicht mehr verraten werden: außer daß der im Liebeswahn taumelnde Anwalt Joachim Vernau einem ungemein und sympathisch nahe kommt, daß sogar seine altmodisch alternative Kollegin Marie-Luise, die auch ganz gut nerven kann, liebeswürdig wirkt; daß man als Frankfurter am liebsten sofort in die Berliner Kneipe "Zur letzten Instanz" aufbrechen würde - und daß man nachvollziehen kann, was der Verlust eines Kindes aus Menschen machen kann. Trauernde, die nicht wissen, wohin mit der Trauer. Oder doch?
Lesen. Würde Elke Heidenreich sagen. Statt dessen halte ich das Buch jetzt in die laufende Kamera:
Packend! Ergreifend! Elisabeth Herrmann!
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Donnerstag, 12. März 2009
Winnenden. Mich machen solche Sachen immer erstmal sprachlos. Und mich wundern all die Klugscheißer, die sofort wissen, woran "so etwas" liegt: Computerspiele, Gewaltvideos, Zugang zu Waffen. Und dann natürlich Unverständnis der Lehrer, mangelnde Liebe der Eltern - kurz: alles Gründe, die nichts mit dem Täter selbst zu tun haben. Früher hätte man gesagt, "die Gesellschaft" sei schuld. Heute sind die voreiligen Einschätzungen selten schlauer. Und die Lobbyisten aller Couleur fordern das übliche: mehr Sicherheitsmaßnahmen, mehr Verbote, mehr Regeln.
Und "gefühlt" hat es das alles "so" und in dieser Häufigkeit noch nicht gegeben.
Ich melde vorsichtige Zweifel an. Junge Männer in diesem Alter waren schon immer das allerbeste "Soldatenmaterial": überschießendes Testosteron, das Gefühl, nichts wert und nichts nütze zu sein, das pubertäre und postpubertäre "Irresein" ließ sie stets für Gewaltorgien brauchbar sein. Warum sollte sich daran etwas geändert haben? Geändert hat sich unsere Einstellung zur Gewalt, gottlob: sie ist nicht mehr Alltag, wie sie es bis vor wenigen Jahrhunderten war, oder gesellschaftlich akzeptiert (Krieg), sondern die katastrophale Ausnahme. Deshalb unser Erstaunen und Entsetzen und die Suche nach der außerordentlichen Erklärung für das Außerordentliche.
Was den Zugang zu Waffen betrifft: sicher, das erleichtert womöglich manchen bereits gefaßten Entschluß. Ich erlaube mir aber auch da Zweifel: nicht das Verbot und das Tabu sind wirkungsvoll, sondern das frühe Einüben in den Umgang mit Waffen, das Ehrfurcht und Demut vermittelt. Ziemlich altertümliche Vorstellung in diesem Land, das das Heil schon länger im Tabuisierung statt im Begreifen und im geschulten Umgang sucht. Aber ich glaube tatsächlich nicht, trotz Emsdetten und Winnenden, daß zum Amokläufer am ehesten noch derjenige wird, der Waffen zur Verfügung hat. Nicht die Waffe macht den Amokläufer. Der Mensch, der morden will, findet immer seine Waffe.
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Mittwoch, 11. März 2009
Verdammte ewige Neugier. Habe mir das Sony E-Book vorauseilend zum Geburtstag geschenkt. Nun - das PRS 505 ist noch nicht das letzte Wort. Aber die Vorstellung, künftig nicht mehr gigantische Büchermengen mit nach Laurac nehmen zu müssen, mögliche Kandidaten für Rezensionen schadstoffarm entsorgen, nämlich löschen zu können, wenn sie für die Rezension nicht infragekommen - das trägt. Es wäre einfach zu schön, uim wahr zu sein.
Für die Lust nimmt man dann eben das wirkliche und wahrhaftige Buch in die Hand. Um dessen Zukunft ist mir nich twirklich bange.
Übrigens kann man auf dem Ding auch Manuskripte im Word-Format lesen. Auch das ist nicht schlecht. Der Haken: man kann keine Anmerkungen machen, keine Anstreichungen, keine Eselsohren. Das wird dann die nächste Generation von E-Books können. Die Avantgarde ist wie üblich mit den teueren und unfertigen Lösungen dabei.
Tant pis.
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Montag, 9. März 2009
Das erste Kapitel ist rund. Jetzt geht der Rest wie von selbst.
Danke für wichtige Inspiration: Robert Schmitt, Reinhard Jahn, Katrin Fieber, Bougie, Nikita und Bisou.
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Sonntag, 8. März 2009
Hat ein Winter jemals so lange gedauert? Sicher. War es jemals so lange so kalt? Wahrscheinlich. Können sich Kraniche irren? Hoffentlich nicht.
Hope! Im Garten blühen die Schneeglöckchen und die ersten kleinen gelben Krokusse. Und in der Flußaue tragen die Bäume und Sträucher einen zarten lichten Schleier.
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Freitag, 6. März 2009
Ehrlich: es gruselt einen ab und an, wenn man sich ansieht, was deutsche Autoren und deutsche Verlage dem Publikum an Debüts aus der Krimiwelt vorlegen und zumuten. Glückliche angelsächsische Welt! Die durften Tana Frenchs Erstling lesen, das großartige "Grabesgrün". Und jetzt gibt es mit Catherine O'Flynns "What was lost" (Deutsch: WAs mit Kate geschah, Atrium Verlag) ein weiteres, atemberaubend schönes Debut, das einem die Tränen in die Augen treibt. Wie machen die Mädels das bloß?
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Dienstag, 3. März 2009
Leute, die immer nur locken, aber einen nie ranlassen, nennt man Teaser. Genauso verhält sich derzeit das Wetter. Kurzfristig blauer Himmel und Sonne, jetzt wieder kalt und trüb. Also müssen die Stiefmütterchen noch warten, bis sie in die Töpfe gesetzt werden.
Und weiter am Text...
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Mittwoch, 25. Februar 2009
Oliver Bottinis demnächst erscheinender neuer Roman "Jäger in der Nacht" ist ein "Männerroman" ganz anderer Art. Hier gibt es nichts Skurriles (außer einem beständig Schokocroissants verschlingendem Kripomann) und auch keine ausgesuchte Bestialität, hier sind die Charaktere normal und vertraut und gerade deshalb gruselt es einen: Wir müssen nicht das ganz große "Böse" beschwören, um der Gewalt von Männern gegen Frauen beschreibend nahezukommen. Es ist hier wie meist die Banalität des Bösen, die zutiefst erschreckt - nein: nicht der Frauenmörder in jedem von euch, sondern das fast Zufällige, das auch "normale" Männer hineinreißt in die Eskalation. Man muß nicht auf Motivsuche in der maroden Kindheit der Übeltäter gehen, wir brauchen auch nicht das Klischee vom selbst einst zum Opfer gewordenen Täter. Die Gewalt ist weder notwendig noch zwanghaft, sie geschieht nebenbei. (Und sie ist im übrigen auch nicht nur im proletarischen Haushalt anzutreffen.) Das ist die Realität. Das ist das Schlimmste.
Brillant beschrieben und, obwohl das Buch nichts Exotisches hat, spannend.
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Mittwoch, 25. Februar 2009
Diese Sehnsuchtslaute! Im Herbst machen sie melancholisch, im Frühjahr euphorisch: vorgestern zogen zwei große Schwärme von Kranichen hier im Vogelsberg vorbei Richtung Norden. Sie kommen zurück! Dann kann das nicht mehr lange dauern mit dem Frühjahr. Dabei haben die Schneeglöckchen gerade erst angefangen zu blühen. Aber die Meisen lärmen bereits ziemlich begattungsbereit.
Und es hat noch einmal Frost gegeben heute Nacht. Die Kamelie ist schon um die Weihnachtszeit erfroren. Wie es den Rosen geht? Noch unklar. Es brauchte ein paar etwas wärmere Tage zum Rosenschnitt (zu lange sollte man allerdings auch nicht warten).
Die Katzen jedenfalls werden von Tag zu Tag unruhiger. Irgendwann hat der Reiz einer warmen Heizung offenbar auch bei meinen Faulfellen ausgedient. Und wenn es jetzt nicht zuuu gut weitergeht mit dem Schreiben am neuen Roman, treibt es auch mich hinaus.
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Sonntag, 22. Februar 2009
Nach dem Frauenkrimi kommt der Männerkrimi? Naja - wahrscheinlich ist es nur Zufall, daß Jo Nesbö in "Schneemann" von den Leiden eines Jungen berichtet, den der außereheliche Geschlechtsverkehr der eigenen Mutter traumatisiert hat, was prompt beim Erwachsenen den Massenmörder auslöst - und es in Zoran Drvenakars "Sorry" um ein sexuell mißbrauchtes (männliches) Kind geht. Die Folge? Mord vom feinsten, na was sonst. Allerdings ist die "Auflösung" in "Sorry" bei weitem subtiler als bei Nesbö.
Es muß ja auch mal was Neues geben in Krimiland....
Ganz ehrlich: mordsmäßig gehen allen allmählich die Themen aus, deshalb wirds überall immer skurriler und realitätsferner. Es hat halt vieles schon gegeben an Bestialitäten. Drvenkar sind allerdings ein paar sehr hübsche Feinheiten eingefallen.
Und im übrigen: das Buch ist verdammt gut zu lesen.
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Donnerstag, 19. Februar 2009
Das fällt mir immer wieder auf: daß man als schreibender Mensch als "privilegiert" gilt, weil man "Talent" habe. Daß das, wie das meiste im Leben, eine Funktion von "Üben, üben, üben" ist, will kaum jemand einsehen. Das Reden vom Talent ist ja auch entschieden romantischer. Und man kann damit ausblenden, daß man selbst eventuell den nötigen Fleiß nicht aufbringen würde. (Das Buch zum Thema, daß Talent auch Fleiß und glückliche Umstände braucht: Malcolm Gladwell, Überflieger.)
Privilegiert? Nein - glücklich. Das einzige Privileg besteht darin, daß man sich die Freiheit nimmt, von einer Tätigkeit zu leben, die zutiefst befriedigend ist. Ein Privileg ist sicher auch, daß man das Risiko dafür ganz und gar selbst trägt.. Im Zweifelsfall kriegt unsereines jedenfalls keine Staatsknete. Das unterscheidet mich von jeder Bank.
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Montag, 16. Februar 2009
Am Samstag strahlender Sonnenschein - bestes Wetter, um mit dem Porsche über die Autobahn nach Runkel zu Dieter und Daniella zu rüpeln! Das Auto ist eindeutig was für Frauen in dem gewissen Alter (nein, wir nennen das nicht "Üfüs", o.k.?)
Heute - eingeschneit im Vogelsberg. Draußen ist alles weiß, wunderbar, nur der Zeitungsträger hat Fußspuren hinterlassen. Selbst die Katzen gehen nicht raus. Überhaupt ist es ein Schauspiel für sich, wie sich die Tiere Haus und Dosenöffnerin aufteilen: Bougie liegt im kleinen Schlafzimmer auf der Biedermeierkommode und träumt. Bisou liegt auf dem Sessel in der Wohnküche und fusselt. Nikita schaut mal eben bei mir auf dem Schreibtisch vorbei, nachdem ich mich nicht habe überreden lassen, ihm eine weitere Tüte zu stiften, nachdem er schon die Rationen der beiden etwas figurbewußteren Damen vernichtet hat. Der Kater wird fett.
Was Zärtlichkeiten betrifft, so haben auch hier alle drei höchst unterschiedliche Riten. Bisou kommt abends, wenn ich auf dem Sofa vor dem röhrenden Kamin sitze, und wirft sich wärmend auf mich. Das maht das Zeitunglesen zu einer Angelegenheit von Flexibilität und Armmuskulatur. Bougie hat ihre Zärtlichkeitsanfälle nachts, brummt und schnurrt und weckt mich mit dem Milchtritt, der bekanntlich eine Zärtlichkeit mit Widerhaken ist. Schöner, wenn sie sich tags auf den Schreibtisch legt, sich den seidigen Kopf streicheln läßt und mir zusieht. Sie ist aus dem Alter raus, in dem man auf Tastaturen herumspringt udn die kleinen schwarzen Dinger auf dem Monitor jagt.
Nikita hat leider eine Unart, die ihn mit Dackeln verbindet, die gerne männliche Hosenbeine überfallen. Muß ich mehr sagen? Nein. Seufz. Ansonsten ist er der niedlichste Kater der Welt.
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Freitag, 13. Februar 2009
Draußen schneit es. Das ist nicht unbedingt die beste Voraussetzung für eine Porsche-Spritztour. Dabei muß ich den Brummer am Montag wieder abgeben.
Dafür ist das ein perfekter Tag für all die kleinen Schreibarbeiten, die auch noch erledigt werden wollen. Kurzgeschichten, die eigentlich schon am 1. Januar abgegeben werden solten. Interviews. Rezensionen. Briefe und Emails. Ich freue mich jetzt schon auf die beiden Buchwochen ab, ausgerechnet, Rosenmontag: 14 Tage im neuen Roman versinken. Und jetzt bitte nicht fragen, worum es geht...
ich verrate NICHTS! Außer daß es um einen Fall geht, der die ganze Bundesrepublik tief erschüttert, der unser Bild von Mord und Totschlag nachhaltig verändern könnte, der alle Gewißheiten zerstört…
Reicht das fürs erste?
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Mittwoch, 11. Februar 2009
Besuch in Blankenburg, im Hotel Viktoria Luise. Und danach ins Schloß. Und natürlich zu Tanja Gräfling nach Cattenstedt, Fohlen und nasse Hunde streicheln. Ich kriege Heimatgefühle. Und dann fragt mich auch noch wer Nettes, wann es endlich die Fortsetzug zu "Russisch Blut" und "Doppelte Schuld" gibt. Tja. Wird wohl sobald nicht der Fall sein. Und plötzlich finde ich das richtig schade.
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Freitag, 6. Februar 2009
Ich gehe im Moment mit Begeisterung wieder meinem alten Beruf nach, schreibe Essays und Kommentare und Kolumnen, darunter eine für mein Lieblingsautomagazin "ramp". Eigentlich habe ich keine Lieblingsautomagazine. Aber dieses hier ist einfach klasse. Eigentlich bin ich auch kein Autofan. Aber so ein handlicher Porsche Targa 4 S mit 385 PS ist unwiderstehlich. Männer wissen das sozusagen von Geburt an. Aber es gibt auch Frauen, die wissend lächeln, wenn sie den kleinen Bomber sehen. Das sind alle, die aus der Windel- und Kindersitzzeit raus sind. Denn der Kofferraum ist eine bessere Hutschachtel.
Daß sich Mercedes- und Audifahrer alle Mühe gaben, mich auf der Autobahn zu überholen, war schon komisch. Gebt auf, Jungs! Nehmt euch an Beispiel an all den BMW-Fahrern, die gleich resigniert haben. Wer will sich schon einen Frust holen?
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Donnerstag, 5. Februar 2009
Lesung in Friedrichsdorf. Klasse Stimmung. Und was gut tat: eine Leserin meinte, sie habe ein Buch von mir erstmal weggelegt, weil es ihr nicht thrilling genug war. Bis sie entdeckte, daß Tess Gerritsen irgendwann auch nicht mehr spannend ist... Und da hat sie dann doch mein Buch... nun... es kam zu einem Happyend.
Statt daß die Krimiwelt sich öffnet, scheint sie im Moment eher zu schrumpfen: es gibt immer mehr vom selben.
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Sonntag, 1. Februar 2009
Draußen stürmts. Drinnen liegen die Katzen auf der Heizung. Ich erfinde mir derweil den Frühling mit - back to the roots! - einem ordentlichen Hochwasser, in dem Paul Bremer eine Leiche findet. Natürlich so brutal wie möglich umgebracht, einfach nur tot reicht ja nicht in der Krimiwelt!
Im Ernst: ich schreibe am neuen Roman und das macht glücklich. Trotz Leiche und Hochwasser.
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Samstag, 31. Januar 2009
Heute wäre mein Vater 95 geworden.
Und Matthias Beltz - der schmerzlich vermißte - hat heute seinen 64. Geburtstag.
An beide denken. Innig.
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Dienstag, 20. Januar 2009
Klar hab ich mir die Krönungsmesse angesehen. Und wieder tat er mir leid, Rehauge Obama. Diese Kiste aus dem Dreck zu holen, wird Blut, Schweiß und Tränen fließen lassen. Aber die Rede hatte was (nur die Übersetzung ins Deutsche hat gestört). Und das möchte ich mal hierzulande hören: daß zwei Millionen in Berlin herumstehen und die Nationalhymne fehlerfrei mitsingen! Brüh im Glanze! Früh im Glase! Glüht die Blase!
Achja: Hessenwahl war auch. Und Jonny Klinke hat recht: Verlierer ist Tarek Al Wazir,der längst in einer grün-schwarzen Koalition die Geschicke Hessens leiten könnte - andererseits: mit welchen Grünen? Mit denen, die wie Steffi Lemke in der Wahlnacht nichts weiter stammeln konnten als "Umwelt und Gerechtigkeit"?
Ja, Gerechtigkeit ist in aller Munde hier in Deutschland. Keine Partei, die das nicht im Schilde führt - mit Ausnahme, noch, der FDP. Aber niemand weiß, was das ist, Gerechtigkeit. Jeder hat so seine eigene Definition. Und dabei sollte es lieber auch bleiben: jede Konkretisierung der Gerechtigkeitsidee hat bislang nur zu Blutbädern geführt.
Gerechtigkeit, mit anderen Worten, ist kein politisches Programm. Demgegenüber war Barack Obamas Rede handfest und konkret - er redete von Dingen, die man tun muß, von Herausforderungen,die man annehmen, von Anstrengungen, die man sich zutrauen muß. Yes, we can. Das würde ich gerne mal hierzulande hören.
Und jetzt geh ich wieder an meine Kurzgeschichte über Bad Boltenhagen. Das ist ein kleiner, bescheidener Ort an der Ostsee, an dem eines Tages...
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Mittwoch, 14. Januar 2009
Die Wirklichkeit und der Krimi - ja, das ist ein Thema, das viele umtreibt, auch Krimiblogger dpr:
"Ich bin mal gespannt", sagte ich auf der letzten Frankfurter Buchmesse zu einem befreundeten Kollegen, "ob der deutschsprachige Kriminalroman weiterhin die Augen vor der Wirklichkeit verschließt. Finanzkrise, Armut - man kann es doch nicht mehr übersehen, oder?" Der Kollege, ein weiser Mann, schnaufte hörbar. "Ja", sagte er schließlich, "es ist zu befürchten, dass auch der Deutschkrimi die ökonomische Realität thematisieren wird. Machen wir uns auf Unmengen Peinlichkeiten gefasst." mehr...
Mal abgesehen davon, daß der deutsche Kriminalroman meines Erachtens keine Augen hat, die er verschließen könnte, höchstens die Blauäugigen unter uns Autoren - der weise Kollege hat recht. Dieser Realitätsbegriff läßt Bekenntnis- und Betroffenheitsprosa erwarten, und die Vorstellung, daß hierzulande die Armut das gleiche Ausmaß habe wie die Finanzkrise - das, lieber dpr, läßt darauf schließen, daß manch einer offenbar keinen Begriff mehr von Armut hat. Hier die (bösen) Reichen, dort die (guten) Armen - so einfach ist das also? Nebbich. Das ist unterkomplexer Sozialkitsch und gehört zu jenen Peinlichkeiten, die man wirklich nicht lesen will.
Nebenbei: ich möchte den deutschen Krimiautor sehen, der Obdachlosen den Stolz beläßt, die viele von ihnen haben - nämlich kein Opfer zu sein und obdachlos sein zu wollen. Das würde ins beliebte Betroffenheitsschema nicht reinpassen. Wir lieben Opfer. Dabei wäre das ein weit spannenderes Thema.
(Nachtrag: wie konnte ich übersehen, daß Wehner und Karr genau das gemacht haben... in Berbersommer!)
Interessant in dem Zusammenhang: Liza Marklund, ein Profi der schwedischen Krimiszene, die nicht müde wird, die Realitätslastigkeit ihrer Bücher zu betonen (O-Ton: "Ich muß solange Krimis schreiben, solange es Elend auf dieser Welt gibt"), hält offenbar die selbsterfunde Realität für realistischer als die Wirklichkeit. Ein im 8-Millionen-Land Schweden 800 000 Mal verkauftes Buch von ihr, untertitelt "Eine wahre Geschichte", ist offenbar das am allerwenigsten: mehr...
Und noch einmal zu Norbert Horst: sein neues Buch ist deshalb so verstörend, weil es ganz und gar unspektakulär realistisch ist. Nämlich ohne die großen Linien der Sozialkritik. In der Literatur sollte es konkret zugehen. Die großen Linien dürfen wir getrost den Predigern und den Soziologen überlassen. Siehe dazu auch Thea Dorn: mehr...
In diesem Kontext empfehle ich allen die statistischen Untersuchungen von Stefan Niggemeier, zum Beispiel "Die Medien sind für mehr getötete Kinder", in dem es um das Umbiegen der Wahrheit im Interesse der guten Absicht ("Mahnen und Warnen") geht.: mehr...
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Montag, 12. Januar 2009
Manchmal bin ich des geliebten Genres überdrüssig. Maule herum. Mag weder Grimmi noch Krimi mehr lesen. Verfalle dem großartigen William Boyd (Restless - ein Buch von ungeheurer Spannung, KEIN Krimi) und der unwiderstehlichen Kate Atkinson (jüngst: Lebenslügen) oder Hanne Vibeke Holst (Seine Frau). Alles Romane mit hohem Unterhaltungsert, aber keine Krimis, und wenn Kate Atkinson noch so sehr mit ihrer Ermittlerfigur spielt.
Oder sollte ich, im Gegenteil, die Crimeness all dieser Bücher hervorheben? In denen es nicht deshalb spannend zugeht, weil Menschen brutalstmöglich um die Ecke gebracht werden und die Polizei kommt und betroffen ist?
Weshalb ich mich an dieser Stelle einmal über den Leser beschweren möchte (nein! Sie sind nicht gemeint!!! Und Sie auch nicht!), obwohl man das gemeinhin nicht tun sollte. Nur über diese ein, zwei Nörgler, die partout nicht begreifen wollen, welche Perle Norbert Horsts neuer Roman ist (meine Meinung zu "Sterbezeit" hier...). Der Stil sei abgehackt, das Ganze sei nicht spannend - ja mei! Das kann einem passieren, wenn man inneren Monolog und Rollenprosa nicht versteht und mit dem ganzen Serienmörderquatsch derartig vollgequarkt ist, daß einem die Realität irgendwie lahmarschig vorkommt. (Und schon ein simpler Perspektivwechsel überfordert.)
Liebe Leser, laßt uns bitte nicht mit all denen allein, die vom Genre nur einen bis zum Erbrechen wiederholten Aufguß des Üblichen erwarten! Bluttriefende Serienmorde und diabeteskranke Ermittler - wie fade das doch ist. Meistens jedenfalls.
Und deshalb wird hier gleich weitergenörgelt. Über das neue Buch von John le Carré, dessen großer, großer Wurf "Der Spion, der aus der Kälte kam" Pflichtlektüre sein sollte, für alle, alle drei Monate. "Marionetten" aber hat nichts von der alten Subtilität, dafür strotzt die Geschichte nur so von guten Menschen mit besten Absichten. Und der richtigen Denke, versteht sich. Der Plot ist dünn, die Charaktere bleiben blaß und auch das Klischee vom älteren Herrn, der sich in die junge tugendhafte Anwälting verliebt, bleibt dem Leser nicht erspart. Ganz zu schweigen von der Erkenntnis, daßTschetschenen auch Menschen sind. Ach?
Da fragt man sich im übrigen nicht mehr, ob das ein Kompliment ist, das Gustav Seibt dem Autor gemacht hat: "Ein Roman von John Le Carré sagt mehr als tausend Leitartikel." So?
(Über die "Leitartikelei" von Sjöwall/Wahlöö eine herzerfrischende Polemik von Elmar Krekeler: hier...)
Irritierend auch "Schneemann" vom ansonsten großartigen Jo Nesbö. Noch irriterender eine Rezension im "Spiegel". Über den Serienmörder heißt es da, dieser habe sich nie helfen lassen und helfe daher sich selbst, indem er "das schlimmste Erlebnis seines Lebens immer wieder nachstellt" - jene "dunkle Qual", die er als Junge "erlitt".
(Nicht weiterlesen, wenn man noch auf das Buch gespannt ist!)
So kann man das natürlich sehen. Es nimmt einen schon mit, wenn man als Kind die eigene Mutter erschlägt... Aber das ist wohl nicht gemeint. Die "dunkle Qual" für den Jungen bestand offenbar darin, mit anzusehen, wie seine Mutter mit einem anderen Mann als dem Vater Sex hatte. Und deshalb mußte der Knabe seine Mutter töten und später Rache nehmen - an all den offenbar ziemlich vielen Frauen, die ihre Männer betrügen. Was ist dem Rezensenten da wohl durcheinandergegangen? Alles Ödipus Schnödipus?
Im übrigen: Ich bin da ja eigentlich nicht übertrieben empfindlich, aber ist so ein Plot nicht irgendwie, nunja, ziemlich frauenfeindlich??? Frauen, die ihren kleinen Söhnen Ehebruch antun, müssen damit rechnen, daß der Kleine irgendwann zum Serienmörder wird, schon, um sich selbst zu helfen? Mal abgesehen von der Frage, seit wann Serienmörder ein offenbar für manche auch noch plausibles Motiv haben. In der sog. Realität haben sie genau das am wenigsten.
Aber was heißt schon Realität? In Krimiland herrschen andere Gesetze. Und es ist und bleibt peinliche Selbstüberschätzung, wenn Autoren glauben, mit ihren Phantasieprodukten "die Finger in die Wunde" der Gesellschaft zu legen. Als Verkaufsargument funktioniert das vielleicht. Aber merke: nichts lieben manche Leser weniger als - "die Realität".
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Freitag, 9. Januar 2009
Geneigte Leser und Leserinnen,
ja, ich weiß, hier war seit Monaten nichts - NICHTS - Neues zu lesen. Ich könnte ein paar Gründe dafür nennen: etwa die unermüdlichen Lesetouren, die ich absolviert habe. Und darf ich hier an dieser Stelle sagen, daß es schön war, mit euch, mit Ihnen? Daß ich eigentlich immer gern gelesen habe, egal, ob es proppevoll oder eher sparsam besetzt war? Ja? Danke....
Nur am 3. Dezember mußte ich eine Lesung absagen. Gegen 15 Uhr starb mein Vater, ich habe es um vielleicht eine Stunde verpaßt, ihm noch einmal zu begegnen. Dafür war ich dabei, wie sich sein Körper in eine vergängliche Hülle verwandelte. Helmut Stephan, Landgerichtsrat a.D., starb offenbar friedlich, im Schlaf, kurz vor seinem 95. Geburtstag. Lebenssatt. Im Reich der Zufriedenen... Ob es mir gut gehe, fragte er einmal, als er schon nicht mehr alles begriff und alles erkannte, was um ihn war. Als ich "ja" sagte, lächelte er mich an: "Willkommen im Reich der Zufriedenen."
Das Schicksal meiner Eltern hat mich irgendwann intensiver beschäftigt, spätestens, als ich meines Vaters Lebenserinnerungen las und einige der Briefe, die meine Eltern miteinander wechselten (siehe hier). Kiloweise Briefe. Über zehn Jahre hinweg, die mein Vater mit Wehrdienst und Krieg und Gefangenschaft verbrachte.
Wir Nachgeborenen sind gewohnt, von solchen Erlebnissen (und diesen zehn Jahren) viel abzuleiten. Im Rückblick auf das Leben meines Vaters bin ich mir nicht mehr so sicher. Zehn Jahre Krieg, verlorene Zeit, ohne seine Frau, die er (hier stimmt das Wort) bedingungslos liebte (und die bis zuletzt bei ihm war). Um die 30 Jahre Berufstätigkeit - er war nicht gerne Richter und war für seine schnellen Scheidungsurteile bekannt. Und dafür, daß er mittags zu sagen pflegte: "Meine Herren, die Sitzung ist beendet, ich muß nach Hause, die Kartoffeln aufsetzen." Aber weit über 30 Jahre war er Hausmann und Gärtner im eigenen Haus, im eigenen Park. DAS, scheint mir heute, war sein Leben. Unspektakulär. Mit einem überwältigenden Bedürfnis nach Normalität. Aber auch das ist vielleicht schon zuviel interpretiert.
Ich habe mich von alledem im sonnigen Laurac erholt. Naja: nicht immer sonnig, letzte Woche hat es sogar zaghaft geschneit. Und arschkalt ist es auch - nachts um die 3 Grad minus. Aber das ist wirklich nichts gegen die arktischen Temperaturen zuhause: meine Nachbarin im Vogelsberg meldet 20 Grad Minus und hat meine auf Frostschutz geschaltete Heizung und damit auch die ganze Hütte gerettet. Danke, liebe Rosi!
Und wenn ich das ganze Prokrastinieren (vulgo: das lustvolle Aufschieben des Nötigen durch intensives Befassen mit allem Möglichen) hinter mir habe: auf ein Neues. Der Plot fürs nächste Buch steht; muß ja auch, im Laufe des Sommers muß der neue Roman fertigsein.
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Montag, 17. November 2008
Danke, Daye di Simoni, für den schönen Film in der "Hessenschau" - Mörderisches Klein-Roda ...
Die Hessen haben prompt reagiert und "Schei nach Stille" hoch in die Charts geschossen. Weiter so, tapfere Landsfrauen und -männer! Ich verspreche hiermit feierlich, auch weiterhin die Mordrate hoch zu halten. Auch wenn ich schwöre, daß ich nie und nimmer dem Ystad-Syndrom verfallen werde...
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Samstag, 15. November 2008
Ja, das sind so die Gründe, warum man von Frankreich schwärmt: Markt in Les Vans, einst Hippiemetropole der Ardeche. Man sieht es noch heute an den wunderschönen nicht mehr ganz jungen Frauen, die den Chevre und das biodynamische Gemüse verkaufen - und an ihren Töchtern, Söhnen, Enkeln, die Mädchen ebenfalls unfaßbar schön und die Jungs mit hoch aufgetürmten Dreadlocks.
Dazwischen dein französischer Bauer, wie er im Buche steht: Baskenmütze, Brombeeraugen, schwätzend mit diesem oder jenem aus derselben Altersklasse. Hier ist da, wo das Klischee Wirklichkeit wird.
Und dann im Café sitzen, in der Sonne, und eine Pizza vom Pizzawagen zum Milchkaffee essen. C'est la vie en France!
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Donnerstag, 13. November 2008
Mistral. Blauer Himmel in Laurac.
Und ich habe nichts besseres zu tun als mich zu fragen, was an den brutalstmöglichen Serienkillerromanen dran ist, die derzeit den Markt dominieren. Das Böse ist immer und überall - na klar. Und deshalb gibt es reichlich Blut und feine Schlachthofszenen (wer Karin Slaughter heißt, kann offenbar nicht anders). Wer das mit der Wirklichkeit verwechselt, lebt im Nirwana. Aber darum geht es ja auch nicht - nur: was ist so spaßig an durchgeknallten Mengenmördern und psychisch gestörten, alkoholkranken oder sonstwie am Abgrund lavierenden Ermittlern? Und was sagt uns das? Muß es erst ordentlich splattern, bevor der Leser wach wird udn "Spannung" empfindet?
Keine Ahnung, seufzt Anne "spannungsarm" Chaplet, die keine Lust hat, den neuen Roman mit einem hardcore Blutbad zu eröffnen.
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Dienstag, 11. November 2008
Warten. Diesmal auf Nikita. Wie macht er das nur? Daß er es ahnt, wenn er wieder mal am Schlaffitchen gepackt werden, ins Auto verfrachtet und nach Frankreich fahren soll? Dort ist das Katerchen immerhin geboren - einmal Franzose, immer Franzose! - und hat offenbar einschlägige Erfahrungen des Schreckens gesammelt. Allersdings nicht beim Autofahren. Was also haben wir falsch gemacht?
Die beiden Damen ratzen derweil auf der Heizung bzw. oben auf dem Bücherregal. Da ist Widerstand nicht zu erwarten. Er ist im übrigen zwecklos. Weiß das der Kleine nicht, der draußen durch den Regen irrt?
Mir gibt das Gelegenheit, mich zu entspannen, bevor es on the road geht. Noch regnet es in Laurac, aber ab morgen wird Mistral erwartet, dieser scharfe Nordwind, der einem die Tränen in die Augen treibt und jeden Knochen im Gesicht schmerzend spüren läßt. Aber er bläst den Himmel frei - Sonne als Entschädigung. Und das brauche ich auch - sowie ein paar Eingebungen für den neuen Roman, der zwar wächst und gedeiht, aber bislang vor allem in Gedanken.
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Sonntag, 9. November 2008
Hamburg und die Hamburger: zu schön, um wahr zu sein? Zu spröde, um Spaß zu haben? Achwas! Nur die Grünstädter waren ähnlich aufgeräumt wie die Anwesenden im voll besetzten Speicherstadtmuseum - am Freitag während des Hamburger Krimifestivals. Sehr hoch angesiedelt auf meiner Skala des Vergnügens... Und danke insbesondere an Bärbel Dahms, die das Ganze moderiert hat!
Übrigens, was das Krimifestival betrifft: Perfekte, freundliche Organisation durch Literaturhaus, Buchhandlung Heymann und das Hamburger Abendblatt - beispielhaft, wie man mit Lust und Expertise in zwei Jahren einen riesigen Erfolg hinlegen kann. (Merk Dir das, Frankfurt!)
Vorher: Besuch bei Regula. Blick auf den Hafen. Atemberaubend. Nachher: Konspiration mit Henrike Heiland und Nina George. Wir planen die Heidenreich-Nachfolge: Unsere Sendung wird "Lies das!" oder "Lies! Mich!" heißen - Copyright ist hiermit angemeldet.
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Mittwoch, 5. November 2008
Liza Marklund will mit ihren Krimis die Welt verändern. Weil: jeder kann was tun! Stricken gegen Rechts, Kochen für den Frieden, Schreiben gegen das Böse, Joggen für die Völkerverständigung, Biertrinken für den deutschen Wald usw. Toll. Und sie scheint auch noch an die eigene Mission zu glauben! Verblüffend.
Andererseits: wenn man mit ein paar Glas Bier und einem Kistchen Mineralwasser den Regenwald retten kann, ist es wohl nur recht und billig, wenn man mit Krimis nicht nur Geld verdient. Obwohl: Bücher - Papier - Regenwald? Ist Literatur (U) nachhaltig genug? Oder sollte man nicht warnen vor dem unbedachten verschwenderischen Verbrauch von knappen Ressourcen?
Ja, das sind Fragen. Man will es sich ja nicht immer leicht machen!
Etwas so: Schreiben macht glücklich. Und wenn einige Leser das Produkt ebenfalls beglückend finden, ist genug erreicht. Immer schön bescheiden bleiben.
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Sonntag, 2. November 2008
Bin in eine Zeitschleife geraten. Bei Youtube alte Aufnahmen von Grace Slick (Jefferson Airplane) mehr und Janis Joplin mehr... angesehen. Woher hatten diese Weiber solche Kraft? In der Stimme? Stahl in Schwingung? Ja, da wird man verdammt klischeemäßig kitschig - meine Güte, wo gibt es das noch? Stimmen, die aus dem Innersten zu kommen scheinen, ja, klar, aus dem Gedärm? Und dann hört man sich heute diese niedlichen Bräute an, diese Brunis und - ogott: Rosenstolz. Ich kriege tiefe Sehnsucht nach den 60ern.
Wenn Mutti vom Krieg erzählt? Wahrscheinlich. Aber guckts euch doch selbst mal an. Noch mehr!
Und, naja, okay: Melissa Etheridge.
Ja. es gibt Hoffnung: Joss Stone.
Und, für die Kämpfer und zum Abweinen: Gabriel and Bush
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Sonntag, 2. November 2008
Und ewig die deutsche Debatte: was ist,was soll der moderne Kriminalroman? Fundamentale Gesellschaftskritik leisten, immer an der Seite aller Hartz-IV-Opfer und Globalisierungsverlierer? Mit Helden, die Robin Hood-mäßig den Reichen nehmen und den Armen geben und auch schon mal Banker umbringen, denn was ist schlimmer als eine Bank ausrauben? (Eben.) Krimis als verlängerter Arm des Proletariats, subversive Kassiber zur Beförderung der Revolution?
Wirklichkeitsnah ist der Politkrimi a la Mankell selten. Der Plot aus Krimiland natürlich auch nicht. Dort herrschen eigene Gesetze, werden die absurdesten Verbrechen begangen, sind Täter und Opfer Charaktermasken. Manchmal ist das sogar komisch. Aber nicht realistischer als ein satter fetter Fantasyroman.
Was also?
Wer sich an die Realität hält, kann weder auf Lacher setzen noch auf den Sensationswert besonders einfallsreicher Verbrechen. Und der Täter repräsentiert auch selten "das Böse". Im Gegenteil: die meisten Gewalttaten entstehen aus Beziehungskonflikten. Solche Mörder und Totschläger waren für eine Person, nicht aber für alle anderen gefährlich. Wiederholungsgefahr ist nicht gegeben. Vom Täter geht keine Gefahr für die Allgemeinheit aus. Angesichts dessen ließe sich über das Strafmaß nachdenken.
Diese Täter, meistens Männer, sind weder Opfer der Gesellschaft, der Verhältnisse, der Schlechtigkeit der Welt. Und sie sind ebensowenig rasende Serienmörder, denen man das Handwerk legen muß. Oft entstammen sie jener breiten Mittelschicht, die ihr je eigenes Unglück hätschelt.
Wo ist da die Botschaft?
Es gibt keine. Eben. In diesem Sinn bekenne ich mich zum "bürgerlichen" Krimi.
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Samstag, 1. November 2008
Morgens zum Markt nach Gießen. Irgendwie ist mir heute hausfraulich zumute.
Aber es muß noch die Umsatzsteueranmeldung vom Tisch - bin im Rückstand mit dem 3. Quartal. Den November gleich noch dranhängen. Eine Tätigkeit, die ich liebe...
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Freitag, 31. Oktober 2008
Home, sweet home. Ich fühle mich wie Paul Bremer, der in sein geliebtes Auenland zurückkehrt nach langer Fahrt. Die Katzen spielen vor Begeisterung Fangen mit mir, Rosi legt mir Chinakohl und Wirsing und Salat auf den Gartentisch, bei Hubert gibts frische Eier. Abends wird das Feuer im Kamin entzündet...
Braunschweig war ebenfalls ein Fall für Tageslicht und besseres Wetter. Es ist eine schöne Stadt mit viel gebauter Geschichte - und auch wenn das riesige Einkaufszentrum dahinter nervt: ist schon recht, daß sie die Schloßfassade wieder aufgebaut haben. Daß es schlimmeres gibt, zeigt der Blick auf die naheliegende Galleria Kaufhof. Außerdem gibt es gute Kneipen - die schönste heißt Strupait (am Magnitor): Kandelaber überall, hohe Decken, Stuck, abends Kerzenlicht, morgens Sonnenschein. Großartige Bedienung. Wunderbarer österreichischer Wein. Aber ich bin ja nicht zum Amusement hier. Also:
Die Lesung im Augustinum ist gut besucht, die Stimmung prima, die Menschen von der Buchhandlung Graff und vom Kulturinstitut der Stadt sind geduldig (mit mir) und richtig nett. Danach vorzüglicher Rotwein mit den Buchhändlernund Ingrid Noll. Danach ins Bett. Und morgens Abreise bei Sonnenschein. Und jetzt: siehe oben.
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Donnerstag, 30. Oktober 2008
Und treffen wir uns nicht auf dieser Welt - dann treffen wir uns in Bielefeld!
Nun, den Spruch kann man so oder so auffassen: ist Bielefeld die Hölle? Oder nicht vielleicht doch der Himmel? Ich fand die Altstadt angenehm flanierfreudig, mit schönen Häusern und ausgeruhten Menschen, großartigem westfälischen Knochenschinken im Ratskeller (mit Pumpernickel!) und überaus aufgeräumtem Mundschenk. Nur schade, daß der Kollege Norbert Horst derweil in Osnabrück las.
A propos: auf der Fahrt dorthin Heimatgefühle gekriegt, obwohl ich nur bis 17 in und um Osnabrück gewohnt habe. Irgendwie hat er was, der Norden, der natürlich keiner ist, nur für die, die glauben, jenseits des Mains beginne der Süden.
Nun - ICH habe das immer geglaubt...
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Mittwoch, 29. Oktober 2008
Warum finden Lesereisen meistens zu weniger hellen Jahreszeiten statt? Auf dieser Tour durch Deutschland würde man gern mehr sehen - zum Beispiel von der Stadt Lohr am Main, im Spessart. Der Saal im Alten Rathaus jedenfalls ist beeindruckend, die Stimmung spitze - und die Kollegin Krystyna Kuhn hat mich mit ihrer Anwesenheit beehrt. Ich grüße sie herzlich - hallo, Krystyna! - , wir landeten zusammen mit Ute Flammersheim - hallo! - hinterher in einer Weinstube, in der man glatt die Revolution von 1848 hätte konspirativ verabreden können - das Weinhaus Mehling ist absolut sehenswert.
Aber irgendwie wird aus einer Lesereise selten soetwas wie Urlaub. Zum einen ist Lesen anstrengend - doch! Kann jeder bestätigen. Zum anderen mußte ich in der Nacht noch zurück. Denn gleich gehts nach Bielefeld.
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Sonntag, 26. Oktober 2008
Nette Veranstalter (danke, ihr Menschen von Mediakontakt Laumer und von der Buchhandlung mit dem traut-heimatlichen Namen "Roter Stern"!) und ein großartiges Publikum (inklusive Hardy, dem charmanten Havaneser), eine Stadt im Nebel und ein anständiger Wein nach gehabter Lesung - das war Marburg. Das Krimifestival. Und wir haben ausgerechnet: ich war bereits zum 4. Mal dort udn niemand scheint es bereut zu haben! Ich auch nicht.
Und ganz besonders freute ich mich über die Anwesenheit von Emmi und Gerhard Walter aus Ebsdorfer Grund. Die beiden machen die absolut beste Bratwurst, die auf dem Bauernmakrt auf der Frankfurter Konstablerwache zu haben ist - siehe "Caruso singt nicht mehr". Das schreit nach einer weiteren Verherrlichung im neuen Roman. So soll product placement sein!
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Freitag, 24. Oktober 2008
Die Pfälzer sind schon was Besonderes! Gestern Lesung in Grünstadt. In meinen Unterlagen stand 20 Uhr - also wa r ich um 19.30 da. Da war die Buchhandlung aber schon bis auf den letzten Zentimeter besetzt und die einladenden Damen führten mich mit eisernem Griff ab, nicht ohne mir vorher noch einen überaus bekömmlichen Spätburgunder einzuflößen. "20 Uhr? Asche!" sagte die Frauenbeauftragte konzise. "Ist längst überholt." 19.30 war also der neueste Stand. Schön, daß die Autorin gerade rechtzeitig davon erfahren hat!
Und dann hatten wir viel Spaß miteinander. Die Damen lachten an den richtigen Stellen, manchmal sogar zu früh, und mitten in die angeregte Unterhaltung hernach ("Wenn Sie Fragen haben... ") platzten zwei gepflegte Frauen mit offenkundig antiautoritärer Vergangenheit mit der auffordernden Frage: "Kann ich jetzt endlich ein Buch kaufen?"
Und das taten sie dann auch, die wackeren Grünstädter - nicht nur eins, nein - und ich kam mir mal nicht vor wie ein Rheumadeckenvertreter. Ist nämlich durchaus ebbes peinlich für halbwegs manierlich erzogene Kleinbürgerinnen, wenn in ihrer Gegenwart lauthals zum Kauf ihres Produkts aufgerufen wird. Tun wir das alles recht eigentlich nicht aus reiner Liebe zur Literatur? Und niemals bloß des Geldes wegen???
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Mittwoch, 22. Oktober 2008
Hier sehen wir yours truly in bester Gesellschaft:
Fotogalerie beim "Buchmarkt"...
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Dienstag, 21. Oktober 2008
Und hier kommen weitere Beweise für meine Existenz:
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Dienstag, 21. Oktober 2008
Danke! Danke an alle Buchhändler, Käufer und Leser - aber ganz besonders an die tapferen Bad Driburger, denen ich gestern in der Buchhandlung Saabel (NOCH eine Baustelle und SCHON ein schöner Lesungsort) ein Versprechen gegeben habe:
Wenn sie nichts in ihrer Macht stehende unversucht lassen, "Schrei nach Stille" eine weitere Auflage zu bescheren, korrigiere ich den Schimanski-Look auf S. 35 von (FALSCH!) "Jeans und Lederjacke" in (RICHTIG!!!) "Jeans und Parka"!
Einen Tag später: Schon geschehen! Danke - an alle...
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Montag, 20. Oktober 2008
Erwischt???? Och nö... ich wußte das schon immer....
Wie Autoren zu ihrem Foto kommen
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Sonntag, 19. Oktober 2008
Friede. Mit dem kleinen weißen EeePC (warum nur erinnert mich der Asus immer an einen Esel? Wegen Asinus? Oder weil er so niedlich ist?) im Garten sitzen, umgeben von würdevoll denselben schwingenden Schweifträgern, und die Buchmesse verdauen. Nicht, weil es dort schlimm gewesen wäre, sondern weil es so viel davon gab: Leute, Verabredungen, Wein, Würstchen (sowohl diese also auch jene), Leute, Gerede, Wein, Kekse. Und wieder von vorn, das Ganze.
Aber der Wein war nicht schlecht und die Leute auch nicht: Verlagsmenschen, Autorenkollegen, Fans. Alte Freunde wie Lore Kleinert, Kollegen wie Ralf und Monika Kramp, Gisa Klönne, Norbert Horst. Henrike! Heiland! Anobella! Rebecca, Martina und Moritz!
Und dann ein Gespräch am List-Stand mit Margarete von Schwarzkopf vom NDR, bei dem sich die Autorin auf wunderbare und seltsame Weise verstanden fühlte in ihrem Bemühen um, äh, Werk und Welt.
Und am Samstag nach dem Messedienst um 16 Uhr auf den Bauernmarkt. , um dort aufs gründlichste zu versacken mit Ellen, Conny - und Heike aus Georgsmarienhütte. Hallo, ihr!
Was einem dann doch am Rande so auffällt (eigentlich geht es ja auf der Messe gar nicht um Bücher!): es wird ein Quatsch zusammengedacht und -gefaselt über den Unterhaltungsroman an und den Krimi für sich, daß es einem graust. Da ist fast jedes Klischee erlaubt. Am allerschlimmsten die depperte Herablassung eines alten Kollegen von der Sachbuchfront. Krimi-Mimi! Sososo! Da möchte man dem lieben Gert zurufen: probier's doch mal selbst! Ein halbwegs lesbares Sachbuch kann schließlich jeder Otto zusammenklieren.
Oder?
Und heute abend zur Lesung nach Bad Driburg. Life goes on.
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Montag, 13. Oktober 2008
Die Bilder von der Lesereise sind eingestellt - Copyright Rudolf Westenberger. Artigsten Dank!
Unter "Hören und Sehen" gibt es ein kleines Interview für HR 4. Und ansonsten geht es morgen zur Buchmesse...
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Freitag, 10. Oktober 2008
Gleich fahre ich nach Köln - dort ist heute abend eine Lesung im Weinhaus Gharavi. Und morgen dann gehts bei Regensburg aufs Wasser - mit dem Schiff Rataspona. Schöne blaue Donau. Ich werde schon nicht untergehen.
Lesereisen sind anstrengend, einerseits. Andererseits: ich gestehe, dabei vor allem Spaß zu haben. Das fing an mit der Buchvorstellung bei Carolus in Frankfurt. Voll bis auf die Stehplätze. Es 'moderierte' Eva Demski - nein: sie moderierte nicht, sie machte mir das dann doch eher seltene Vergnügen, mit einer kundigen Kollegin über das Schreiben reden zu dürfen. (Das ging übrigens auch verdammt gut mit Hanne-Vibeke Holst, der dänischen Autorin, ein paar Wochen später in Schleswig).
Und dann die Heimspiele: Mücke-Niederohmen - mehr als hundert. Kestrich, die alte Synagoge: voll bis auf die Ränge. Grünberg: ca. 140, fantastisches Büfett, angenehmes Fachsimpeln mit dem Buchhändler, dem netten Fritz Reinhard. Kestrich stellte sich als Hort intimster Informationen über das Landleben heraus: nach der Lesung auf ein Bier in der Kneipe um die Ecke saßen sie beisammen, die Stadtflüchtlinge, die in den 70er Jahren das alternative Leben im Vogelsberg suchten (und die es dabei zu teils beachtlichen Karrieren gebracht haben - wie zum Beispiel die Eigner meines Lieblingsluxusnaturkostladens, "Klatschmohn" in Gießen).
Hellweg: eine Lesung mit Gisa Klönne in einer noch aktiven Getreidemühle in Hamm, am nächsten Tag eine Matinee in Lüdenscheid, bei Regen und Sturm. Ingolstadt: Wiederbegegnung mit der schönen Stadtbibliothek. Und dann - Iserlohn.
Literaturhotel Franzosenhohl heißt die einzigartige Institution - ein Luxushotel mit Buchhandlungscharakter (mehr...) Hier haben sich zwei einen Traum erfüllt: Dr. Helmut Holzhauer, der ehemals praktizierende Arzt mit der sympathischen Lebensphilosophie (mehr...) - und die Seele des Ganzen, Andrea Reichart, einst Buchhändlerin, heute Gestalterin eines spannenden Konzepts: im Hotel, das am Waldrand liegt, kann man in Ruhe und nächtlicher Dunkelheit entspannen, lesen - und Autoren kennenlernen, die Andrea Reichart regelmäßig zu Lesungen oder Werkstattgesprächen einlädt. Das übrigens bei einem Büfett vom Feinsten.
Wie gesagt: Lesereisen sind anstrengend. Aber man kann verdammt viel Spaß dabei haben.
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Montag, 6. Oktober 2008
Liebes Tagebuch,
ich komme zu nichts - weil ich von Hamm über Lüdenscheid bis Kestrich, Schleswig, Mücke, Ingolstadt und Iserlohn durch die Gegend falle. Man nennt es Lesetournee! Bislang ist alles wunderbar - tolles Publikum, full house, auch die Buchhändler gucken zufrieden. Nur das Wetter ist zeitweilig besch...
Kestrich war besonders lustig - jede Menge ehemalige Stadtflüchtlinge, die in den 70er Jahren das alternative Leben auf dem Land ausprobieren wollten.
Demnächst mehr - hofft immer noch: yours truly
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Donnerstag, 11. September 2008
Eine Rezension aus www.vorablesen.de, die zu schön ist, um sie dort untergehen zu lassen:
Tja, da bin ich der guten Frau Chaplet im Regen nachgedackelt und habe die Leseprobe verschlungen und siehe da – das Buch entwickelt sich ganz anders als gedacht. Die einen mögen das als „böse“ ansehen, da das Buch jedoch auf der ganzen Linie überzeugt ist und war es mir ziemlich egal. Insbesondere in der Person von Sophie Winter, die , nun sagen wir, völlig durch ist, rein mental gesehen, spiegelt sich die Zerrissenheit wieder, die sich ebenfalls in der Person des Polizisten DeLange abbildet, die allesamt mehr als reich desillusioniert durchs Leben ziehen. Teilweise meint man, dass hier eher eine dörfliche Sozialstudie denn ein Krimi am Werk ist, die Lesefreude kann es jedoch nicht mindern, im Gegenteil – selbst in einem Dorf in Hessen als Punk aufgewachsen kann man vieles nachvollziehen. Sie sind in vielen Dingen wirklich so. Am Anfang haben mich die vielen Namen etwas durcheinander gebracht, aber schließlich habe ich sie den Gesichtern nach geordnet und dann gings ( ja, sie haben Gesichter!). Schreibtechnisch fand ich es richtig gut geschrieben. Sowohl die fast lyrischen Beschreibungen beim Gemütszustand von Frau Winter als auch die „normalen“ Darstellungen bei „den Anderen“. Ich bin aber auch froh, dass keine Glorifizierung im vierten Jahrzehnt nach 1968 in diesem Buch stattfindet. Ebenso wie letztes Jahr im dritten Jahrzehnt nach 1977 (Punk) bin ich nämlich leid ständig die ach so tollen Zeiten von ehemaligen Protagonisten erzählt zu bekommen. Bevor ich zu sehr ins Schwafeln gerate: gutes Buch, super geschrieben – lass dir nichts anderes erzählen – und jetzt - ein Whisky für die Dame.
Jerk
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Dienstag, 9. September 2008
Die letzten Birnen matschen auf der Straße, umtorkelt von trunkenen Hornissen. Die ersten Äpfel zerplatzen auf dem Pflaster. An denen, die im Garten landen, nagen die Igel. Die Bohnen sind abgeerntet, der Chinakohl wächst noch, auf dem Wirsing tummeln sich die Raupen. Die Katzen tatzen schläfrig nach Schmetterlingen und der Himmel ist leer. Keine Schwalben, keine Mauersegler. Schon Herbst? Barbaras Pfirsiche duften im Schuppen, das Reh ist zerteilt und wartet in der Tieflkühltruhe auf Besuch im Winter. Nächtens ein halber Mond am Horizont, tags eine verschämte Sonne. Herbst ist was großartiges.
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Donnerstag, 4. September 2008
Danke, Henrike!
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Montag, 1. September 2008
Die ersten Pressestimmen zu "Schrei" sind da und eingearbeitet. Ich lasse, keine Sorge, nichts aus: auch nicht die richtig bösartige(n). Nur auf die online-Rezensionen verzichte ich: man kann sie leichter an ihrem ursprünglichen Ort lesen - bei vorablesen oder bei amazon.
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Donnerstag, 28. August 2008
Und vielleicht komme ich morgen sogar wieder zum Tagebuchschreiben....
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Dienstag, 26. August 2008
Danke
an alle, die sich die Mühe gegeben haben, das Buch auf Vorablesen und amazon zu rezensieren! Ich war und bin, ehrlich gesagt, sehr beeindruckt...
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Freitag, 22. August 2008
Schauen Sie doch mal bei www.vorablesen.de vorbei, wenn Sie wissen wollen, wie andere die ersten Seiten von "Schrei nach Stille" gelesen haben... Wer am Sonntag die zwei Stunden Talk mit Daniella Baumeister auf Hr 1 verpaßt hat: es gibt einen Podcast dazu. Und für alle, die Kieser-Training schätzen: das Gewinnspiel im neuen "Reflex" kann ich Ihnen nur ans Herz legen !
Ach und hier gibts was zu lachen - auf Youtube...
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Donnerstag, 21. August 2008
Zwei "freie" Tage, um ans neue Buch zu gehen. Die erste Szene steht eigentlich schon - with a little help from my friends - und muß nur noch aufgeschrieben werden. Und das unter einem wieder strahlend blauen Himmel.
Neuentdeckung: Tana French, Grabesgrün. Feine, lebendige Dialoge, eine ungemein melancholische Liebesgeschichte, ein Plot, der o.k. ist - vor allem aber ist dieses Debüt richtig gut geschrieben (oder jedenfalls richtig gut übersetzt). Mein Favorit fürs Glauser-Debüt - hört das jemand da draußen?
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Dienstag, 19. August 2008
Gestern noch traumhaftes Spätsommerwetter, heute Regen. Das stimmt etwas melancholisch, das Wetter da draußen. Und wirklich keine Aussichten mehr auf warme Sommernächte? Ich bin noch nicht so weit...
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Montag, 18. August 2008
Das Schiff ist auf hoher See. Jetzt hilft nur noch beten. Und - ans nächste Projekt gehen.
Vorher vielleicht noch Pressestímmen sortieren, sich über die eine nicht ärgern und über die andere nicht zu sehr freuen.
Keinesfalls einem Rezensenten ein artiges Dankeschön sagen!
Was mach ich also mit dpr, dem großen blutigen Verreißer und Chaplet-Basher? Er hat mich überrascht, ich geb's zu, mit seiner Aufnahme von "Schrei" in seine "Glorreichen Sieben". Aber er hat mich gerührt, weil er verstanden hat, worum es der Autorin geht mit diesem Buch: "Ohne es zu groß beschreiben zu müssen, deutet Chaplet hier an, was von allen 'Erinnerungen', allem Medialen zum historischen Ereignis zu halten ist: nichts als ein Zurechtbiegen, ein Beschönigen, bestenfalls eine weitere Interpretation unter vielen, die der schnöden Wirklichkeit nicht standhalten." (Watching the detectives)
Sorry, dpr, auch wenn ich Deinen Ruf womöglich nachhaltig beschädige - aber dafür dankt sehr artig Anne "bürgerlich" Chaplet
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Sonntag, 17. August 2008
Berichte aus der Tierwelt II: gestern beim Galopprennen auf der Rennbahn Niederrad viel zu viel Geld verzockt. Warum gewinnen immer nur die anderen? Meine Pferdchen waren klasse! Wenn nicht die anderen besser gelaufen wären...
Was man an dieser Rennbahn wirklich bemängeln muß: die Gastronomie ist gruselig. Da wirken sie noch anachronistischer, die wunderbar gestylten Rennpferd- oder Rennstallbesitzer in Full Monty. Schade, daß wir hierzulande so wenig Herz für gelungene Show und Selbstdarstellung haben.
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Freitag, 15. August 2008
Die Website ist renoviert - bis auf die Seite mit den links. Bitte um Geduld! Ich arbeite dran. Aber es gibt auch noch ein bißchen was zu tun, bis "Schrei nach Stille" endlich ausgeliefert wird.
Bis dahin danke an alle, die bei "Vorablesen" ihre Meinung und ihre Sternchen hinterlassen haben!
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Montag, 4. August 2008
Und weiter mit den Berichten aus der Tierwelt: Am Wochenende Teilnahme an einem Seminar für Führungskräfte auf dem hessischen Landgestüt Dillenburg mit Brigitte Marx-Lang - Menschenkennerin - und Obersattelmeister Dieter Lauterbach (nicht nur Pferdeversteher) sowie u.a. den Hengsten Balou und Logarithmus (und den wunderbaren Kaltblütern Nobel und Arminius). Meine Güte, was Pferde einem über Menschen beibringen können! Und wie gut sich das anfühlt, eine Kutsche hinter zwei Rheinisch Deutschen Kaltblütern lenken zu dürfen! Mehr darüber hier: Oder bei Brigitte Marx-Lang...
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Dienstag, 29. Juli 2008
Radfahren bei Gegenwind, zum zweiten: heute kam mir ein junger Hase entgegen. Roch mich nicht, sah mich nicht, hörte mich nicht. Aber dann! Hoppelte er gemächlich davon. Ich war als bedeutungslos und ungefährlich enttarnt...
Das Radfahren ist dennoch eine tückische Angelegenheit, nicht nur auf Schotterwegen und angesichts uneinsichtiger Autofahrer. Man macht sich nämlich auch so seine Gedanken - nicht nur über das neue Projekt, das ginge ja noch. Auch über die Frage, was der Krimi ist, sei und soll. Und ob Frauen anders als Männer...
Zum zigsten Mal: ja. Was unsere Meisterblogger unter Krimi verstehen, ist nur eine Variante des mittlerweile an Spielarten ungemein reichen Genres. Die hard-boiled und noir-Variante mögen die Herren ja bitte gerne als das Größte und Beste auffassen, einige Autoren und viele Leser sehen das offenbar anders.
Wenn man nach den Bestsellerlisten geht - derzeit dominiert da übrigens das gefühlvolle/selbstironische Frauen/Familiengeschichtsbuch - so wird hierzulande im Krimi die gerade, schnörkellose Geschichte geschätzt: die überschaubaren Plots von Donna Leon und die gemütlichen Provinzkrimis von Klüpfel/Kobr. Dagegen spricht nichts - diese Art von Büchern hat ihr Publikum.
Was bei uns offenbar nicht ganz so beliebt ist, ist die britische Variante des Kriminalromans - dank einer durchaus ungerechten Kritik von Raymond Chandler als "cozy" verschrien, als ob aus Großbritannien nur, auch noch in hundsmiserabler Übersetzung, Edgar Wallace und Agatha Christie zu uns herübergeweht seien. Dabei gilt der Kriminalroman in England bis heute als ein höchst intellektuelles und insofern anspruchsvolles Vergnügen, das beim Leser geistige Anstrengung voraussetzt. (Nicht so bei uns: da wird schon geklagt, wenn man sich ein paar Personen mehr als üblich merken muß - und Perspektivwechsel scheinen manche Leser vollends zu überfordern).
Kein Wunder, daß intellektuelle Schwergewichte wie Reginald Hills Romane hierzulande nicht der ganz große Hit sind. Ein Wunder andererseits, daß Elizabeth Georges Romane jahrelang zuverlässig in den deutschen Charts auftauchten - denn auch ihre dickleibigen Romane sind keine leichte Ware und gewiß nicht "cozy", trotz des bißchen britischen Adels, der, wie wohl auch Martha Grimes meinte, die andere amerikanische Lady, die "britisch" schreibt, schon sein muß seit Dorothy Sayers und Lord Peter Wimsey.
Ihr neuer Roman, "Careless in Red", ist wieder so ein Puzzle in Schmökerformat, hat mich allerdings ziemlich kalt gelassen. Spannend ist noch der "neue" Thomas Lynley, der nach dem Tod seiner Frau Helen schon seit Wochen blind vor Regen und Tränen an der Steilküste Cornwalls ins Ungewisse wandert, ebenfalls die enigmatische Daidre Trahair, eine Tierärztin, oder die traumatisierte Tochter einer nymphomanischen Mutter. Und gottlob taucht Barbara Havers zum rechten Zeitpunkt auf, die mir die liebste Ermittlerin überhaupt ist. Aber es läuft viel zu viel Personal herum und es werden viel zu viele falschen Fährten auch noch halbherzig ausgelegt für einen viel zu dürftigen Plot.
Ohne Ingrid Noll hätte der deutsche Krimi nicht soviel Aufwind erhalten - obwohl ihre Bücher im strikten Sinn keine Krimis sind, vor allem nicht im Sinn unserer Meisterblogger. Es sind zutiefst boshafte Geschichten aus dem Leben mehr oder weniger frustrierter Frauen, und die neueste, "Kuckuckskind", ist nicht nur meiner Meinung nach die beste der letzten drei, sondern wartet sogar mit einer Art Happyend auf. Gut, der eine oder andere muß dafür auf der Strecke bleiben, aber... fast alles wird gut.
Bis zu diesem glücklichen Ende, liebe Ingrid, hat sich verdammt gut amüsiert Deine Anne
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Montag, 28. Juli 2008
Gegenwind kann auch was schönes sein beim Radfahren: zum Beispiel, weil die Iltismutter die Radfahrerin weder riecht noch hört, während sie ihre Kleinen über den Feldweg begleitet. Doch da ist er schon nahe, der Mensch, bevor das dritte der Kleinen den Weg überqueren konnte - und hält fasziniert an. Und wartet, während der kleine Iltis durchs hohe Gras zurückzufinden versucht zu seiner Familie - verzweifelt zwitschernd. Kurz sieht man das kleine hübsche Gesicht mit der Maske - da ist man selbst entdeckt und das Tier flüchtet zurück ins Gebüsch. Also fährt die gerührte Radlerin schnell weiter und hofft auf die glückliche Zusammenführung der Iltisfamilie.
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Dienstag, 22. Juli 2008
Mich hat's zum zweiten Mal erwischt: eine Zecke, vollgeladen mit Borrelien. Die machen einen lahm und blöd auf die Dauer, wenn man die Attacke nicht bemerkt hat. Rechtzeitig behandelt, lassen sich die Borrelien aus dem Körper vertreiben. Ob eine Zecke verseucht war, erkennt man an dem geröteten Hof, den ihr Biss hinterläßt.
Da das Wetter soeben wieder besser wird: leichtbekleidet im Garten auf Zecken achten! Und zur Not vorsorglich Chemie einsetzen.
Ich hasse diese Dinger.
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Montag, 21. Juli 2008
Christoph Mäckler heute in der FAZ über das rundum klimdadichte Energiehaus und warum man darin nicht wohnen wolle: die Frankfurter schätzten Altbauten aus dem 19. Jahrhundert, allesamt Energiefresser mit ihren hohen Decken und filigranen undichten Fenstern - ja, es gehöre offenbar zum Wohlfühlen dazu, daß sich im Haus die Luft bewegt. Ich kann das nur bestätigen, kenne schließlich seit Jahren das Leben in Ruinen (im Vogelsberg und in der Ardeche): abgedichtete Räume ruinieren die Schleimhäute und die Atemwege und vermitteln das Gefühl, lebendig begraben zu sein. Der Geist eines Hauses ist der leise Lufthauch, der es durchzieht. Und die verschiedenen Klimazonen...
Mich machen Räume, in denen ich kein Fenster öffnen kann, krank.
Also ist ein Altbau demnächst unbezahlbarer Luxus? Sieht so aus. Es wird wohl wieder eine Zerstörungswelle das Land durchziehen, man wird die Stuckdecken abhängen und alte Türen und Fenster durch luftdichte Plastik ersetzen udn die Außenhaut des Hauses verschweißen. Diese Manie hat in meinem Elternhaus ein Teil der alten Eichenbalken das Leben gekostet.
Was tun? Wärmer anziehen.
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Samstag, 19. Juli 2008
Es gibt Geräusche, die verloren gegangen sind. Und welche, die wiederkehren: seit geraumer Zeit erschallt hier im Vogelsberg morgens wieder ein platzgreifendes Husten vom Haus gegenüber. Er ist zurück, der Nachbar!
Willkommen!
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Mittwoch, 16. Juli 2008
Die Gerste wird eingebracht. Den ganzen Tag über stampft dampfendes und abends auch noch blinkendes schweres Gerät über die Dorfstraße. Das hat was. Faszinierend finde ich allerdings auch die Entwicklung von Ernterobotern, die die ganze Angelegenheit geräuscharm und nachts (!) erledigen sollen. Andererseits: womit beschäftigt sich derweil der Landmann? Mit der Steuererklärung oder dem Einreichen von Subventionsanträgen???
Ich sehe der Zeit bangend entgegen, wenn mein kleines stinkendes Dorf keinen einzigen landwirtschaftlichen Betrieb mehr hat. Und keine(r) die traumhaft schönen Bauerngärten mehr bestellt.
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Montag, 14. Juli 2008
Also der Nachtigall ist ein sehr aggressiver Kerl. Nicht nur, weil mensch aus dem Tiefschlaf hochschreckt, wenn der Kerl vorm Schlafzimmerfenster so gegen 4 Uhr loslegt. Der Nachtigall will ja keineswegs dem menschlichen Ohr eine Freude sein, sondern dem Konkurrenten zeigen, was ein Revier ist (dessen Echo hört man ebenfalls laut und deutlichin der Ferne). Und außerdem verfügt der Nachtigall über ein Repertoire durchaus unterschiedlicher Güte: der eine dudelt und schmalzt aufs possierlichste, der andere beschränkt sich aufs Schnarren und "Schlagen", wie es sehr zu recht heißt.
Dennoch ist er unentbehrlich, der kleine Schläger. Ich habe ihn seit einigen Tagen nicht mehr gehört. Ist ihm das Wetter zu schlecht? Oder haben etwa die Katzen...???
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Dienstag, 8. Juli 2008
Heute morgen in der FAZ :
"Laut polizeilicher Kriminalstatistik sind die in Deutschland erfaßten Straftaten im Jahre 2007 um 0,3 Prozent zurückgegangen. Umso sicherer es wird, desto lieber lehnt man sich zurück - und liest einen Krimi. Eine Umsatzanteilssteigerung von 4,7 Prozent hat die "Warengruppe Krimis/Spannung" laut neuesten Marktdaten von media control GfK Internationl vorzuweisen. Der Anteil der Krimis in der Warengruppe Belletristik betrug 2007 25,6 Prozent (2006: 20,9 Prozent)."
Hab ich's nicht immer schon gesagt???
Und heute mittag im Netz: eine lesenswerte Rezension - von Ludger Menke, mit dem ich ansonsten selten übereinstimme. Aber sein Verriß der jüngsten Propagandaschrift von Henning Mankell ist ausgesprochen treffend: www.krimiblog.de, Stichwort: "Platzpatrone"... aber wenn sich's gut verkauft oder irgendwie "sozialkritisch" ist, nickt manch einer im deutschen Feuilleton noch den größten Mist ab.
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Montag, 7. Juli 2008
Shit happens - manchmal in kaum noch kompostierbaren Mengen. Erst geht der Laserdrucker in die Knie. Der Wartungsmensch ist unbekannt verzogen. Und dann kommt auch schon das Wochenende.
Das bringt einen Trojaner, der ohne anzuklopfen reinmarschiert (Vielen Dank, lieber Herr Kaspersky, für das Türaufhalten!). Der blockiert die aktuellen Dateien und damit Word. Prima.
Gut, daß es den Laptop gibt. Und den kleinen Reisedrucker. Und den frischen Wind und den Sonnenschein draußen und den Sound der Äpfel, die der Baum auf das Dach meines Autos wirft. Und die Faulfelle von Katzen, die den Tiefschlaf der Gerechten schlafen, bevor sie der Appetit in die Flußaue auf einen Mäusehappen treibt.
Draußen segeln aufgeplusterte weiße Wolken vorbei. Die schwarzen Johannisbeeren sind mehr als reif. Kohlrabi und Kopfsalat wachsen, daß man's hören kann. Jetzt müßten nur noch die Zucchini und die Bohnen ein paar Umdrehungen zulegen, dann könnte ich - fast - aus dem Garten leben. Was die Nachbarinnen tun - allerdings in einem solchen Ausmaß und in solcher Perfektion, daß man sich nicht wundert, wieso man auf dem Land kein vernünftiges Gemüse kaufen kann. Und wenn man beim Kirschenpflücken hilft, kriegt man welche ab, jedenfalls bei einer Nachbarin wie Rosi - die beste denkbare.
Mal abgesehen also von allem , was einem das Leben vermiesen kann: Think positive!
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Dienstag, 1. Juli 2008
Und heute ist der Scheck von der VG Wort in der Post - schon ist das Leben erheblich entspannter...
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Montag, 30. Juni 2008
Sorry Jungs - die Spanier waren einfach besser!
Aber faszinierend noch immer: wie Fußball neuerdings ein durchweg entspanntes Gemeinschaftsgefühl begünstigt, das weit über die Fangemeinden hinausgeht. Ich erinnere mich an die 60er Jahre, als Durbridge - Das Halstuch, oder? - zum Straßenfeger wurde, weil alle vor der Glotze hingen. Am nächsten Tag konnten alle (außer mir) darüber reden - eine gemeinsame Erfahrung hatte stattgefunden. Spätestens seit der WM 2006 fällt das Betrachten und darüber Kommunizieren in eins: Frankfurt war eine einzige Public Viewing-Area, kaum einer schien zuhause allein vorm Fernseher zu hängen. Schön war das. Auch die deutsch-türkische Verbrüderung (da war ich übrigens der Meinung, die Türkei hätte mindestens noch ein Tor verdient...)
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Donnerstag, 26. Juni 2008
Wenn man morgens im Arbeitszimmer auf dem Fahrrad sitzt (das ist das Pflichtradeln, das Lustradeln kommt nach Feierabend) und sich langweilt, erweist sich wieder einmal der Vorteil der guten alten Zeitung - bzw. ihrer Magazinbeilage. Zeitmagazin. Ein Beitrag von Heike Faller - über die Sache mit der Selbstdisziplin. Die Erkenntnis in diesem sehr lesenswerten Beitrag: Genie ist prima, aber mehr noch hilft Triebaufschub, vulgo: Selbstdisziplin. Und wenn einen andere nicht motivieren - zur Selbstmotivation greifen.
Also ab jetzt eisenhartes Programm: ab 8, nach dem Fahrrad, 5 Stunden lang schreiben. Egal was. Und ab 13 Uhr den Rest der lebenswichtigen Angelegenheiten erledigen.Oder Lustradeln, grillen, dumm rumschwätzen, Wein trinken. Ist schließlich Sommer - und man kann es mit der Selbstdisziplin auch übertreiben.
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Montag, 23. Juni 2008
Ja, doch, ich habe mir das Trauerspiel angetan - vor einem ziemlich betagten Röhrenfernseher unter lauter wortkargen Männern (danke fürs Asyl in Groß-Eichen...). Und ich leiste, wie so viele andere auch, Abitte: was war das für ein tolles deutsches Spiel! Sehenswert von der ersten bis zur letzten Minute. Und, nein, ich bin ja gar nicht schadenfroh - aber es war schön anzusehen, mit welcher Lässigkeit der erfolgsverwöhnte Ronaldo mattgesetzt wurde.
Ich hätte mir das übrigens nie zugetraut, daß ich in fortgeschrittenen Jahren nochmal Fußballfan werde. Aber man lernt nicht aus...
Mittwochabend bin ich wieder in der Großstadt. Das will ich sehen, das Spiel der deutschen gegen die türkische Mannschaft.
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Mittwoch, 18. Juni 2008
Die Saison ist eröffnet. Heute das erste Mal mit dem Laptop in den Garten gezogen. Während die Meisen und Spatzen toben, die Katzen pennen und die Rosenblätter auf die Tastatur rieseln...
Frankfurt bei großen Fußballevents ist übrigens, allen Freuden des Landlebens zum Trotz, seit der WM ein Muß. Die Stimmung ist riesig, Frankfurt ein großes fröhliches Freiluftkino (nur die Polizeihubschrauber stören, die fünf, zehn Minuten über der Innenstadt schweben). Aber selbst informierten Laien fällt auf, wie schlecht die Deutschen spielen. Wie wieselschnell dagegen die Kroaten. Wie strotzend vor Selbstbewußtsein die Türken. Sogar die Österreicher haben vergleichsweise tapfer gekämpft. Donnerstag geh ich nicht ins Café Hauptwache oder auf den Liebfrauenberg zum Kollektivglotzen. Vielleicht findet sich im Vogelsberg eine nette Kneipe, die mir Asyl gibt. Andererseits: soll ich mir das Trauerspiel nochmal antun?
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Samstag, 14. Juni 2008
Ja, die lieben Kollegen. Heute im Feuilleton der "Welt" über ein Konzert von Celine Dion (DARF man die überhaupt mögen?): Die Sängerin wird "auf die Bühne rausgeschuppst", schreibt der nette zur kritischen Berichterstattung verpflichtete Konzertbesucher und zitiert dann vorsichtshalber die "tageszeitung" - die habe ein ästhetisches Todesurteil über Dion "verhenkt" .He! Ein Wortwitz? Oweh. Ich fürchte, das ist einfach so - schwub! - in die Feder geschwabbt. Verhenkt, äh, verhext!
Was las man noch jüngst? Die Rechtschreibreform wird von den Deutschen überwiegend abgelehnt. Eine noch größere Mehrheit ist der Meinung, daß seither die Unsicherheit erheblich größer geworden sei, wie man's denn nun richtig schreibt. "Satellit" können heutzutage die meisten - schon wegen der gleichnamigen Schüssel, nehme ich mal an. Aber ansonsten blicken noch nicht einmal die Journalisten durch (das gilt übrigens auch für die Edelfedern von der FAZ).
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Donnerstag, 12. Juni 2008
Gut, daß das Wetter nicht mehr ganz so strahlend schön ist im Vogelsberg. Das ist zwar schade für die Rosen, deren Duft tapfer dem aus Rudis Schweinestall standhält. Und Regen mögen sie schon mal gar nicht. Aber der Schreibtisch sieht langsam halbwegs manierlich aus - und das ist ein sicheres Zeichen, daß es Zeit wird ans neue Projekt zu gehen...
Aber erstmal die englische Probeübersetzung von "Schrei nach Stille" durchsehen. Wie nennt man auf englisch den Nachtvogel? Und den Tagvogel? Und den Machandelboom? Juniper - aber damit verliert er ein bißchen sein Geheimnis, oder?
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Freitag, 6. Juni 2008
In Frankfurt vielleicht 40, in Nürnberg um die 30 Buchhändler auf einem Haufen - das hat schon was! Meine Lektorin Katrin Fieber ist meine Gesprächspartnerin, danach wird ein Stückchen gelesen - und dies alles, um ihnen "Schrei nach Stille" ans Herz zu legen.
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Sonntag, 1. Juni 2008
In Südfrankreich regnet es seit einer Woche., Es ist kühl, so zwischen 18 und 20 Grad. Für die Landschaft ist das wunderbar, Menschen, Hunde und Erdbeerenernter leiden etwas. Dennoch gestern mit Berts junger Hündin Chardo durch die Berge gestiefelt. Hinterher war der Hund auch k.o. DAS erlebt zu haben...
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Donnerstag, 22. Mai 2008
Langsam verstehe ich, was Paul Bremer umtreibt. Nicht nur der Konflikt zwischen Land und Stadt, der ihn sein kleines Schweinedorf so sehnsüchtig verteidigen läßt - eine Sehnsucht, die nie zur Ruhe kommt. Weil Bremer nie zur Ruhe kommt: um in Klein-Roda beheimatet zu sein, müßte man schon seit Generationen dort leben.
Ich habe Heimat immer für verzichtbar gehalten, das tu ich auch heute noch, deshalb habe ich so ca. dreieinhalb. Daß das keineswegs Ergebnis klaren und vernünftigen Nachdenkens allein ist, lese ich in dem leidenschaftlichen und immer wieder atemberaubenden Buch von Andreas Kossert: Kalte Heimat. (Siedler-Verlag, dieser Tage erschienen). Schließlich ist es ziemlich einfach, auf etwas zu verzichten, was man nie hatte.
Kossert beschreibt, was Heimatverlust durch Flucht oder Vertreibung nach 1945 in Deutschland hieß: 14 Millionen vertrieben und geflohen, und von weit offenen Armen in den Westzonen war keine Rede. Die Integration, die heute so gefeiert wird, war ein Erfolg der Vertriebenen, der weitgehend ohne Unterstützung der Einheimischen im Westen auskommen mußte.
Was Klein-Roda in manchen Momenten ist: eine Ansammlung Verhockter, die alles Fremde mißtrauisch beäugen, das war Bramsche, Osnabrück, Emden noch in viel stärkerem Ausmaß damals, in Zeiten geringer Mobilität.
Wer schon als Kind verstehen lernt, daß man als "tolopen Pack" (dahergelaufenes Pack) nicht dazugehört, entscheidet sich zu emotionsloser Weltoffenheit. So haben auch die Kinder von Vertriebenen Teil am Schicksal ihrer Eltern und Großeltern - und das bis heute.
Ist Paul Bremer Sohn von Vertriebenen? Einer, der sich abarbeitet an diesem Dorf, das ihn einlädt und ausschließt zugleich? Möglich wärs.
Andreas Kossert hat Spuren im Gefühlsleben von Nachgeborenen beschrieben, die diese wahrscheinlich leugnen würden. Aber man frage mal seine Freunde und Bekannten: ein Viertel bis ein Drittel dürfte auf die entsprechende Frage die entsprechenden Erfahrungen preisgeben. Sie ähneln sich.
Achso: bitte jetzt nicht wieder damit kommen, daß die Frauen, Kinder und alten Männer damals alle Nazis gewesen wären. Und ihr Schicksal allesamt verdient hätten. Das fällt weit hinter die Gesten etwa der Ungarn oder Slowaken zurück. Und ist ein Argument der damals Einheimischen gewesen, der Deutschen, die keine Lust aufs Teilen hatten mit der bucklichten Verwandtschaft aus dem Osten.
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Dienstag, 20. Mai 2008
Es gibt Geräusche, die ich nicht vergesse und die ich, sentimental, vermisse. Zum Beispiel den Ruf meiner Nachbarin im Vogelsberg, morgens und abends, wenn sie die Kühe auf die oder von der Weide trieb: "Aaaaaauf!" - und dann das trockene Schmatzen, mit dem die Kuhfladen auf den heißen Asphalt brezelten. Jetzt brüllen in Solms nur noch die Schweine.
Ähnlich geht es mir in Laurac. Ich vermisse, daß der Nachbar nicht mehr Holz hackt, jeden Tag, für den Küchenherd seiner Frau. Wie die wohl heutzutage kocht? Ich vermisse das Gepröttel seines Mopedchens, mit dem der nur äußerlich grimme Kerl nach Joyeuse in die Bar fuhr.
Ja, der andere Nachbar hat's bestätigt: vor zwei Monaten ist der alte Herr gestorben. Einfach so umgefallen. Tot war er. Aus.
Heute hat schon wieder das Totenglöckchen geläutet. Die alten Leute sterben weg, das ist der Gang der Dinge. Aber es fehlt was.
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Montag, 19. Mai 2008
Kaum macht man mal ne freche Bemerkung, schon kriegt man Liebeserklärungen rufschädigender Art - lieber dpr, könnten Sie das bitte lassen, mich zu lieben? Ahh - ich sehe: er hat schon gekuscht, kaum hat ihm jemand bierernst den politisch-korrekten Hammer gezeigt. Das sind mir Liebhaber!
Dabei habe ich nur das Offensichtliche angedeutet: der Krimi boomt, die Mitgliederzahl im "Syndikat" verdoppelt sich täglich - aber heißt das schon, daß wir alle Weltbestseller schreiben? Natürlich nicht; obwohl der deutsche Krimi mittlerweile auch über die Grenzen hinaus einen berechtigt guten Ruf hat (hat das deutsche Publikum das eigentlich auch schon mitgekriegt???). Doch jeder dampfende Zug hat so seine Trittbrettfahrer; auch im deutschen Krimi gibt es Leute, die "Das kann ich auch!" sagen ("Ich könnte da Sachen erzählen!") - womit sie sich nicht selten irren. Und die finden manchmal auch Verlage, die vom Boom ebenfalls profitieren wollen. Ist ja alles erlaubt, klar - aber es ist nunmal nicht immer ein schöner Anblick.
Mit anderen Worten: es ist dem Ruf des deutschen Krimis nicht unbedingt zuträglich, wenn der Markt mit allem möglichen zugeschissen wird - das tut dem Krimi alllerdings generell nicht gut. Denn es wird ja auch aus dem Skandinavischen und Englischen alles übersetzt, was sich nicht wehrt - bzw. wo die Lizenz billig zu haben ist und die Übersetzerin nicht allzu teuer. Das Ergebnis ist danach - zumal es bei einigen Verlagen auch kein Lektorat mehr zu geben scheint, das die schlimmsten Schnitzer ausbügelt. Von diesen Billigproduktionen habe ich die Nase gestrichen voll (man kriegt ja allerhand auch unaufgefordert zugesandt...) Das sind die Bücher, die nach einmal Durchblättern in die Papiertonne kommen. Denn Mist sollte man auch nicht verschenken. Höchstens an Leute mit einem besonders aggressiven Komposthaufen.
Mind you: nichts gegen einen schlicht gestrickten Thriller, der einfach nur abgeht. Aber auch das funktioniert nicht ganz ohne den Einsatz von Logik und Sprachvermögen.
Wenn jetzt wieder jemand beleidigt ist: nein, du, sie und es sind nicht gemeint. Ich schwör.
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Samstag, 17. Mai 2008
Die Programmvorschauen der Verlage für den Herbst durchgeblättert. Depressionen gekriegt. Alle in die Papiertonne geworfen. Erleichterung.
Es gibt Dinge, die ein Autor nicht wissen will. Nicht wissen muß. Nicht wissen sollte.
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Freitag, 16. Mai 2008
25 Leseexemplare von "Schrei nach Stille" signiert. Circa 30 mit persönlichen Widmungen versehen und versandt. Also kiloweise Bücher gestemmt. Es gibt Schlimmeres!
Das neue Buch sieht großartig aus. Näheres erfährt man nach dem 18. August (Auslieferung).
Und deshalb: auf ein neues. Ich ziehe mich nach Laurac zurück und gehe ans neue Werk.
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Donnerstag, 15. Mai 2008
Was ist: Dänen lügen nicht, lesen aber gern, zum Beispiel Krimis aus Deutschland. Die Skandinavier sind langsam durch.
Mein Verleger Ole Sohn hat mich am Donnerstag vor Pfingsten zur Vorstellung der dänischen Übersetzung von "Caruso singt nicht mehr" ( Caruso synger ikke mere) nach Kopenhagen eingeladen. Das Wetter war großartig und der Verleger hatte die dänische Szene flächendeckend mit Vorausexemplaren eingedeckt - so kamn es zu Interviews mit "Politiken" und "Information".
Dabei stellte sich heraus, daß Ole Sohn (heute Folketingmitglied für die sozialistische Volkspartei) bis 1991 Vorsitzender der dänischen Kommunistischen Partei war. Was sich seit her geändert hat, kann man daran erkennen, daß er mit "Caruso" ein ausgesprochen DDR-feindliches Buch veröffentlicht hat. So versanden die Gräben.
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Montag, 12. Mai 2008
Was war? Die Criminale war - in Wien. Das Spektakel derart groß, daß man kaum noch mit dem Umarmen nachkam - derjenigen, die man überhaupt noch kennt. Die deutsche Krimiszene ist unglaublich angewachsen. Schön ist das, einerseits. Ein bißchen mulmig wird einem auch: der Krimi als Versuchsfeld fürs neue Prekariat?
Egal. Das sind Petitessen. Es geht unaufhörlich aufwärts - was naturgemäß ziemlich anstrengend ist.
Deshalb zur Erholung: ins Krankenhaus! Im Ernst: alles, was, was man da heutzutage erlebt, dürfte erträglicher sein, als das fromme Grauen in frühmittelalterlichen Siechenhäusern, das in Ken Folletts neuem Schinken beschrieben wird. Wer ins Krankenhaus muß: unbedingt vorher lesen, wie eine tapfere Nonne die Krankenversorgung revolutioniert gegen den Widerstand machtgeiler Mönche! Dann freut man sich richtig auf die moderne Chirurgie...
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Samstag, 12. April 2008
Abschied in St. Melaney von Bert und Jette. Neben dem Tal der Beaume liegt das Tal des Drobie - und ist doch eine andere Welt. Die Häuser aus dunkelrotgoldenen Platten, nicht aus sandfarbenen Quadern; die sich einfügen in terrassierte Hügel wie die Stätten der Azteken. Kiefern bis an die Gipfel, dazwischen lieblichste Obstgärten. Wasserfälle. Maultierpfade. Mittendrin Jettes Kneipe, Heimat. Draußen sitzen mit Bert und dumme Gedanken denken über Vergänglichkeit und so.
Kann noch etwas warten, die Vergänglichkeit, finde ich.
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Freitag, 11. April 2008
Alles ist intensiver hier: das Licht, die Vegetation, die Gefühle. Und der Regen: wenn es hier regnet, dann am Stück. Seit einem heftigen Gewitter gestern abend stürzen die Wasserfluten herab und der kanalisierte Bach unten unter der Straße quillt aus den Gullys und nimmt sich wieder, was er einst ausfüllte.
Das Auto ein paar Straßen höher geparkt. Einen Lappen an die einzige Stelle gelegt, durch die es tropft. Und jetzt schaue ich zu, wie der Himmel aufreißt. Bevor ich am Sonntag die Katzen zur Rückfahrt überrede, soll es morgen noch einen halbwegs sonnigen Tag geben.
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Mittwoch, 2. April 2008
Morgen in aller Frühe aufstehen, 3 Stunden nach Lyon fahren, über Frankfurt nach Berlin fliegen. Freitag über München zurück. Spaß macht das nicht unbedingt - aber es ist Vertreterkonferenz (wie derzeit bei allen Verlagen, also wundere man sich nicht, wenn man von dort keine Antwort bekommt...) Und es ist schön, wenn man dazu eingeladen wird.
Verlage sind seltsame Gebilde: manchmal kleine, oft große Maschinen, mit denen, bei aller Liebe zum Buch, Geld verdient werden soll. Hier gibt es kühl berechnete Marketingstrategien und Vertriebsmethoden - neben Dickköpfigkeikt, Beharrlichkeit und, ja: Sentimentalität. Wir Autoren möchten geliebt werden - aber vor allem, daß Verlage unsere Bücher verkaufen, und das läuft nicht nach der Methode Tante Emma.
Oder?
Denn die Vertreterkonfernez, ja überhaupt die Existenz von Buchvertretern wirkt wie etwas Exotisches innerhalb all der ausgeklügelten Vertriebsstrategien, wie etwas hoffnungsvoll Altmodisches. Und das ist es ja auch - und ebenso nicht: Vertreter entscheiden noch vor den Buchhändlern, welche Titel ein Verlag verkauft. Sie sind das Bindeglied zwischen der kühlen Kalkulation und der Aura des Persönlichen, die noch immer über dem Buch geistert. Wer als Autor seine Vertreter überzeugen kann, hat viel erreicht.
Deshalb zittert man davor und freut sich drauf. Ich jedenfalls.
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Sonntag, 30. März 2008
Was mir Sorgen macht: ich sehe seit meiner Ankunft in meinem französischen Dorf den alten Herrn von Gegenüber nicht mehr. Jeden Tag pflegte er in seiner Cave Holz zu hacken, feine Scheite, die er nach oben in die Küche brachte. Jeden Tag fuhr er mit dem Moped in die Kneipe, ich traf ihn, wenn ich vom Einkaufen kam oder vom Zeitung holen. Doch jetzt sind auch tags die Fensterläden geschlossen. Urlaub? Oder...
Die Totenglocke läutet. Oben vor der Kirche liegt das Kondolenzbuch aus. Ich vermisse den alten Mann und hoffe noch immer.
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Samstag, 15. März 2008
Die neuen Autorenfotos sind fertig. Das Cover von "Schrei nach Stille" auch. Neuauflagen von "Caruso sing nicht mehr" und "Wasser zu Wein" werden demnächst bei List erscheinen. Alles neu noch vor dem Mai - und diese Website müßte dringend renoviert werden.
Demnächst - o.k.?
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Mittwoch, 12. März 2008
Sonnenaufgang 6.45 - Sonnenuntergang 18.24. Na also - geht doch. Und Ende des Monats mit Umstellung der Sommerzeit noch besser... On the road.
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Dienstag, 11. März 2008
Das Manuskript von "Schrei nach Stille" ging gestern in die Herstellung. In Mai gibt es ein Vorausexemplar. Und ich fahre morgen mit drei Katzen nach Laurac - durch die Cevennen latschen/radfahren und nachdenken. Nach dem Buch ist... Genau. Ich wünsche frohe Ostern! Und dank allen Fans. Tut gut. Motiviert...
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Mittwoch, 5. März 2008
"No country for old men" - was für ein großartiger Film! Und zum Schluß das Gesicht von Tommy Lee Jones als Sheriff vor der Schwarzblende, sozusagen als Film im Film... Ein Film voller Anspielungen und Zitate -- ein uramerikanischer Film also. Ein Film, passend zur Landschaft. In einer der Schlußszenen besucht der Sheriff den alten Freund in seiner einsamen Hütte. Allein der Sound des Windes, der durch die Ritzen des Hauses pfeift, erzählt eine ganze Geschichte.
Irgendwie habe ich nicht das Gefühl, daß deutsche Landschaften ähnliche Geschichten erzählen. Nicht der Vogelsberg, obwohl doch auch dessen Landschaft Abwesenheit beschreibt: Abwesenheit von Kulturpflanzen wie Wein und Hopfen oder Gemüse. Hier ist Viehcountry, Rinder und Schweine. Aber eben nur im kleinen Maßstab - es fehlt die Weite.
In der windumtosten Rhön sieht es nicht anders aus, oder?
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Sonntag, 2. März 2008
Nach dem Buch - ist eine Phase, die ziemlich lange anhält: Lektorat, Korrektur, Kollationieren... Ich sitze leicht verschnupft - ein Zustand, der störende Außenreize aufs angenehmste fern hält - über dem Lektorat von Katrin Fieber und gehe ihrer Kritik, ihren Verbesserungen und Anregungen nach. Nichts könnte friedlicher sein - während sich draußen Sturm Emma mit leeren Mülltonnen und den Deckeln von Wassertonnen amüsiert.
Beim Frühstück die "Literarische Welt" von gestern und die FAS von heute gelesen. In der "Literarischen Welt" mutiert der Krimi zum "Krimie". Und in der FAS lautet die Schlagzeile auf der ersten Seite der "Gesellschaft": "Das wägt einen in falscher Sicherheit."
Jaja, die Rechtschreibreform. Sauber, Kollegen!
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Donnerstag, 21. Februar 2008
Man nennt es, glaube ich, Finissage: wenn die Show zum letzten Mal gezeigt wird... Vorgestern also war, was "Doppelte Schuld" betrifft, Finissage - in der Stadtbibliothek Bremen-Vegesack. Das Publikum war geneigt, das Hotel romantisch am Hafen gelegen - und die letzte Lesung für dieses Frühjahr wurde hernach standesgemäß mit Gerald und Aenne in der Strandlust begossen - danke für den schönen Abend...
Wer sich mit Matthias Beltz so gut verstanden hat, daß ein witziges, warmes und auch noch gehaltvolles Interview entstand, kann kein ganz schlechter Mensch sein, dachte ich, als Gerhard Steines mir schrieb. Der Mann ist Chefredakteur der Gießener Allgemeinen - und, soweit ich Chefredakteure kenne, ein ganz besonderes Exemplar. Denn eigentlich wollte er der Welt bester Kugelstoßer werden. Und er war auf dem Weg dahin...
Warum er mit mehr oder weniger sportlichen Menschen über Sport redet und was dabei herauskommt - darüber mehr demnächst an dieser Stelle.
Übrigens: am Wochenende soll das Wetter wunderbar und frühlingshaft werden. Ich bin bereit für die nächsten Rosenattacken...
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Montag, 18. Februar 2008
Ein guter Roman, zu Anfang. Solide geschrieben, viel Atmosphäre, überzeugende Figuren. Und dann, zum Schluß,der Schweden-Sozialkitsch-Effekt: Es geht nicht um individuelles Schicksal, sondern um ein am Individuum abgehandeltes allgemeines Verhängnis: Gewalt von Männern gegen Frauen. Schon wird der innere Monolog der Ermittlerin zur Anklage. Verschwinden Opfer und Täter im Nebel des Allgemeinen. Geht die Autorin in die Mankell-Falle: daß ein Krimi stellvertretend Politik zu machen habe.
Schade. Auf der Strecke bleiben, wir ahnen es: Spannung, Lebendigkeit, Plausibilität. Wenn doch unsere deutschen KrimiautorInnen nicht dauernd Literatur mit Botschaft verwechseln würden. Und, nur mal nebenbei: nicht alle Ermittler sind Sozialdemokraten, Grüne oder "Linke". Vielleicht wäre es ertragreicher, man schriebe nicht immer jene Figuren herbei, die der eigenen Weltanschauung am nächsten stehen?
Sind wahrscheinlich alles müßige und vor allem kurzsichtige Anmerkungen. Im Grunde kommt es wohl nur darauf an, die vermutete Käufermehrheit mit Wohlfühldenke zu versorgen.
Prost Mahlzeit.
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Samstag, 16. Februar 2008
Am letzten Wochenende einen Anfall von Gartenlust gehabt. Schwere Verletzungen davongetragen: Rosen haben Dornen...
Doch jetzt ist wieder Winter - strahlende Sonne, lausig kalt. Wunderbar.
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Freitag, 15. Februar 2008
Ausgesprochen spannend und schön anzuschauen, wenn so eine große Maschine wie ein Verlag warmläuft... Coverplanung, Programmvorschautexte, Einladung zur Vertreterkonferenz im April - langsam mehren sich die Zeichen, daß aus dem Manuskript ein Buch wird. Heute Fotosession in Berlin. Vorher Besuch in dem rosafarbenen Backsteinhaus in der Friedrichstraße, in dem die Ullsteinverlage sitzen. Die Vertriebschefin macht positive Geräusche. Und nicht nur sie. Dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen...
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Donnerstag, 31. Januar 2008
So ein Buch macht das Kaminfeuer noch gemütlicher und läßt einen den Luxus des Lebens in der heutigen Zeit innigst empfinden: ich lese, nein: ich verschlinge gerade "Die Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung" von Wolfgang Behringer (Historiker, Prof. an der Uni Saarland). Das Buch ist, genau: spannender als (fast) jeder Krimi. Es läßt einen nicht kalt, es läßt einen frieren. Und manches, was so ein moderner Klima-Kreuzzügler über die richtige moralische Einstellung zur "globalen Erwärmung" sagt, erinnert plötzlich verdammt an Bußpredigten aus dem Mittelalter. Oder Hexenparanoia.
Wir wissen, daß auf das sogenannte "Klimaoptimum" des Mittelalters eine kleine Eiszeit folgte. Aber macht man sich klar, was das damals hieß und welche Wirkungen es hatte? Nasse Sommer und kalte Winter vernichteten die Ernten, reduzierten die besiedelbaren Flächen, veränderten Lebensgewohnheiten. Vorrückende Gletscher und Wüsten zerstörten menschliche Siedlungen, Epidemien rasten durch die Lande, fanden mehrfach geschwächte Opfer und dezimierten die Bevölkerung im heute unvorstellbarem Ausmaß. Der 30jährige Krieg ist ins deutsche kollektive Gedächtnis eingegraben als Todesmaschine - aber Soldaten und Zivilbevölkerung starben nicht vorrangig am Krieg, sondern an Hunger und Krankheit.
Es gab enorme Anpassungsleistungen - und die üblichen moralischen Profiteure, die Sündenböcke präsentierten. Behringer hat über Hexenverfolgung gearbeitet. Er weiß, wovon er spricht. Auch, wenn er heute von "Ideologen der Schuldkultur" redet. Manches gleicht sich über die Jahrhunderte hinweg. Das stimmt nicht gerade glücklich.
"Das Klima ändert sich. Das Klima hat sich immer geändert. Es ist eine Frage der Kultur, wie wir darauf reagieren. Dabei kann uns die Kenntnis der Geschichte helfen. Klimaänderungen sind oft als bedrohlich empfunden worden. Falsche Propheten und moralische Unternehmer haben stets versucht, ihren Nutzen daraus zu ziehen. Überlassen wir die Interpretation des Klimawandels nicht kulturgeschichtlichen Ignoranten." (S. 288)
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Samstag, 19. Januar 2008
Seltsam. Bei manchem Bucherfolg fragt man sich, wann endlich das unverblendete Kind vorbeikommt und uns des Kaisers neue Kleider deutet. Deshalb auch hier ein Dank an Sylvia Staude von der Frankfurter Rundschau, die witzige, einfühlsame, kluge, respektlose Krimirezensionen schreibt und nicht bloß die übrigen empfehlenden oder gleich ganz verlogenen Lobhudeleien ausbringt auf jeden dahergelaufenen Bestseller.
Und bei manchem Autor fragt man sich, ob er es mit seinen tiefsinnigen Sprach-Flachlandkrimis ernstmeint oder ganz und gar absichtsvoll sein Publikum verarscht - das allerdings in dem hier gemeinten Fall mit einem durchschlagenden Erfolg, den unser Autor als superdissidentkritischer Essayist nicht gehabt hat. Kann der Mann es nicht besser oder verachtet er sein Publikum?
Wahrscheinlich letzteres. Das ist allemal schlimmer als bloßes Nichtkönnen. Aber vielleicht sollte man in einem solchen Fall wenigstens auf die Funktionalisierung von Auschwitz verzichten. Oder gehört das zur Schamlosigkeit dazu?
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Donnerstag, 17. Januar 2008
Possierlich, wenn sich die Katze ihr Essen aus dem Topf mit dem Pfötchen holt, oder? Es sieht so kultiviert aus! Dabei ist es die gleiche Pfotenbewegung, mit der sie ihr Opfer hin- und herschiebt wie die Bratwurst auf dem Grill... Viele Katzen spielen mit ihrem Essen - und am liebsten spielen sie mit Lebendem, das sie oft noch nicht einmal verspeisen. Ist halt so. Auch wenn man starke Nerven braucht, um es zu ertragen, wenn wehrhafte Mäuse in Todesangst quieken.
Meine Nerven versagen immer dann, wenn Bisou, die große weiße Jägerin, einen Vogel anschleppt. Nicht, daß ich ihr böse wäre - was kann sie schon gegen die Lust am Jagen? Aber in solchen Fällen wird eingegriffen - auf diese Weise sind schon Mauersegler und Meise wieder weggeflattert.
Nur, weil sie spielen wollen, lassen Katzen ihr Opfer aus dem Fang, um es mit der Pfote festzuhalten, zu schubsen, zu verzweifelten Fluchtversuchen zu bewegen. Jetzt nicht mehr. Bisou am Schlafittchen gepackt, der Vogel flattert davon, die unwirsch protestierende Katze aus dem Zimmer geschleppt, das Fenster geöffnet, das Zimmer geschlossen, gehofft. Aber erst nach einer Odyssee über den Schreibtisch und durch Bücherregale läßt sich das Tierchen einfangen und ans offene Fenster bringen. Ein hübscher kleiner schlanker Spatz. Spürt Wind, öffnet die Flügel, fliegt davon.
Und der Mensch fühlt sich gut und schämt sich nur ein bißchen für seine Sentimentalität.
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Mittwoch, 16. Januar 2008
Berichte aus der „realen Wirklichkeit“ (O-Ton) – so preis sie sich heute abend an, die neue Radioserie, der „Radio-Tatort“. Eine Stunde Hörfunkkrimi, jeder Sender macht seine eigene regionale Nische auf, aber jeder Radiotatort wird, just wie im Fernsehen, ARD-weit ausgestrahlt. Tolle Sache. Aber ob es sich um Sternstunden des Hörfunks handelt, der endlich wieder an das glaubt, was ihn ausmacht – das Wort – ist noch nicht ausgemacht.
Seine Zweifel darf man haben. Denn allen „Tatort“-Hörspielen soll gemein sein, so jedenfalls hörte man es heute in der Sendung nach der Sendung, ihr politischer Auftrag – vulgo: der Finger soll pfeilgerade in der am heftigsten schwärenden Wunde der Gesellschaft landen. Fleischskandal, Wirtschaftskriminalität, Drogenmilieu – alles halt, was real wirklich ist.
Nun. Das erste Beispiel „Der Emir“ war durchaus hörenswert – und lag doch weit unter allem, was man sich vorstellen kann oder gar zu träumen wagt. Statt Vielstimmigkeit eine auch technisch gradlinig bis schlichte (und schlicht erzählte) Story. Vielleicht lag es genau an diesem gesellschaftskritischen Ansatz? Nämlich an der Vorstellung, aus gründlicher „Recherche“ (Lieblingswort!) in der „realen Wirklichkeit“ entstünde Spannung quasi vollautomatisch?
Jedenfalls: kaum eine der Stories, glaubt man dem Werkstattbericht, spielt sich da ab, wo die bewegendsten Dramen aufgeführt werden (ürbigens auch die, die polizeistatistisch relevant sind): auf dem Sektor der Beziehungstaten, im privaten, familiären Bereich, im Freundeskreis, wo die Emotionen im Spiel sind, nicht das schlichte Kalkül der Gangster und Ganoven. Wenn man der Vorankündigung glaubt, haben wir es hingegen mit Politkrimis der „realistischen“ Sorte zu tun: in denen das „Realistische“ mit Realität verwechselt wird. Das wäre nun allerdings schade…
Schlimmer noch: die Behauptung, die Melodramen des Krimis (ob auf der Mattscheibe oder im Buch) seien Abbildungen der Wirklichkeit, also schlimmstenfalls Faction, mitnichten aber Fiktion, nährt traurige Mißverständisse. Aleviten protestieren gegen einen „Tatort“, weil sie vom dargestellen individuellen Fall, der einen der ihren involviert, auf allgemeine Einstellungen gegen alle Aleviten schließen. Und Bodenseefischer schließen sich an: fühlen sich in der realen Wirklichkeit diskriminiert, weil sie in einem Fernsehtatort zu den Bösen gehören.
Wen wundert das, wenn jeder Krimiautor auf dem Wohlrecherchierten und dem real Wirklichen seiner Geschichte insistiert?
Ja, das Spannende an Krimis ist Realitätsnähe. Nein, spannend sind Krimis am wenigsten, wenn sie bloße Kolportage sind. Doch, Krimis sind Phantasieprodukte. Und haben mit der Realität höchstens insofern zu tun, als sie Einblicke in ferne Welten gewähren. Aber sie bilden sie nicht ab. Sie sind und bleiben – hoffentlich und wenn alles gut geht – Literatur.
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Sonntag, 30. Dezember 2007
Das neue Jahr möchte bitte gaaanz schnell kommen. Es reicht jetzt mit zuviel schlafen, essen, trinken, rumfaulenzen. Und draußen ist es grau... Aber ich weiß: ab Januar wird alles ganz anders: 1.1.: Sonnenaufgang: 8.31, Sonnenuntergang: 16.23, Sonnenlicht in Stunden (jedenfalls über den Wolken): 7:51 - trübsinnig, oder? Aber dann, am 31. Januar, Geburtstag von Mathias Beltz und 94. meines Vaters: Sonnenaufgang um 8 Uhr 8. Sonnenuntergang um 17 Uhr 8. Sonnenscheindauer: ganze acht Stunden und 59 Minuten...
Leute, es geht voran! Niemals die Hoiffnung aufgeben! Und jetzt sortiere ich die Steuerunterlagen der letzten beiden Monate. Damit auch das hinter mir liegt.
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Freitag, 28. Dezember 2007
Aleviten in Deutschland protestieren gegen einen TV-"Tatort", in dem ein Mädchen von seinem alevitischen Vater mißbraucht und geschwängert wird . Einerseits verständlich, wenn man in Rechnung stellt, daß ein sunnitischer Vorwurf lautet, die aufgeschlossenen muslimischen Aleviten begünstigten Inzest, indem Frauen und Mädchen gleichberechtigt behandelt werden. Verständlich auch, daß eine nichtfundamentalistische muslimische Glaubensrichtung es wenig angenehm findet, wenn das bedrohte Mädchen ausgerechnet zum Kopftuch greift, um sich zu schützen.
Und dennoch liegt hier ein klassisches Mißverständnis vor, daß man auch an anderen Konflikten mit muslimischen Gläubigen studieren kann: die Regisseurin des "Tatort" pocht darauf, daß es hier um den individuellen Fall gehe und nicht um eine Aussage allgemeiner Art über eine Glaubensrichtung. Genau dies aber ist offenbar schwer vermittelbar: daß der Einzelfall NICHT stets aufs Ganze zielt.
Meine Rede schon seit langem: obwohl auch ich der Überzeugung bin, daß der Krimi DER Gesellschaftsroman der heutigen Zeit ist, glaube ich nicht an die Verallgemeinerungsfähigkeit des "Falls" auf "die Gesellschaft". Wir erfahren etwas über Menschen, die unter Druck geraten angesichts einer Tat, die existentiell im schlichtesten Wortsinn ist - das ist das Gesellschaftliche am Krimi. Wir erfahren aber nicht, wie mörderisch, tolerant, heimtückisch, gutwillig "die" Gesellschaft insgesamt ist. Der gesellschaftskritische Krimi erzählt selten die wahre Geschichte und liefert lediglich das Klischee übers menschliche Zusammenleben, denn das folgt im Einzelfall nicht den "Strukturen", sondern den je individuellen Gefühlen, Motiven, Launen.
Die empörten Aleviten verwechseln da etwas - ebenso, wie es jene tun, die im Krimi die Speerspitze der Gesellschaftskritik sehen.
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Donnerstag, 27. Dezember 2007
Nichts ist schwerer zu ertragen... Genau!
Aber dafür kommt man zum Lesen: "Wir müssen über Kevin reden" von Lionel Shriver ist spannender als das meiste, was einem so als Krimi unter die Finger kommt. Ebenso die Geschichte Polens von Norman Davies. Oder Preußen von Christopher Clark.
Denn draußen ist es grau. Wer will da schon aufregende Schneespaziergänge machen?
Morgen ist auch noch ein Tag.
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Sonntag, 23. Dezember 2007
Ich bin kein großer Fan guter Wünsche - ob das "einen schönen Tag noch" oder "ein erholsames Wochenende" (schon am Donnerstagfrüh) heißt, oder "viel Spaß damit" (wenn man sich gerade eine Nasendusche gekauft hat). Deshalb verschicke ich auch keine Weihnachtskarten - danke dennoch allen, die sich meinetwegen die Mühe gemacht haben! Ich bin kein Weihnachtsfan - nur eine Freundin des Winters, des Neujahrs und der Zeit "zwischen den Jahren". Mein Weihnachtsstress ist denn auch weniger einer, als vielmehr der Wunsch, noch aufzuräumen, bevor etwas beginnt, was für mich bereits Vorfrühlingszeit ist. (Übertrieben? Nö! Schauen Sie sich doch mal die fetten Knospen an den Johannisbeersträuchern an. Oder die Spitzen, mit denen Krokus und Tulpen bereits unter der Erddecke lauern, um, ja! "hervorzubrechen", was Explosives androht. Und das dauert nicht mehr lange!
Kurz und klein: heute noch ein Vorwort und einen Essay fertigschnitzen, zwischendrin aufräumen, letzte Post erledigen, putzen (!!!), die Weinkisten auspacken (danke an meine Lieblingsweingüter Knab und Manz, aber ganz besonders an Hermann Schmoranz von Georg Breuer, mit dem ich gestern ein Glas in Erinnerung an den sehr vermißten großen Winzer und großartigen Menschen Bernhard Breuer gehoben habe!)
Und morgen: den seit fünf Tagen in einer Rotweinmarinade suhlenden Zebubraten im sonnengelben Le Creuset-Brater zur Höchstform bringen. Was folgt: darüber Stillschweigen.
Es sei denn, es fällt zwischen den Jahren noch etwas ein: yours truely.
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Dienstag, 18. Dezember 2007
Durchatmen. Das Manuskript liegt beim Verlag. Jetzt kann ich mich für eine Weile verabschieden von Giorgio DeLange und Sophie Winter, die mir allerdings ziemlich ans Herz gewachsen sind. Nicht, daß einen die wohlbekannten "alten" Figuren unbedingt langweilen müssen nach zehn Jahren Gemeinsamkeit - aber eine neue Figur wie Jo DeLange, den Mann mit der Narbe, alleinerziehender Vater zweier Töchter, macht einfach Spaß. Ich hab den Kerl mit der Schnauze jedenfalls ziemlich gern gewonnen. Ebenso Sophie Winter, der eiserne Schmetterling...
Aber jetzt wird nichts mehr verraten.
Und mir wird es wieder leichter fallen, andere Krimis zu lesen - zumal den neuen Arkadi Renko von Martin Cruz Smith. Meine Güte, kann der Mann schreiben! Moskau tropft richtig aus dem Buch heraus, fett, schwarz und übelriechend. Und dennoch ist das ein nicht nur sprachlich richtig berührendes Buch.
Die Bilanz des letzten Jahres? Es war eine Freude, den neuen Roman zu schreiben. Es gab herzerwärmende Begegnungen in Montpellier und Breslau, im Kaiserstuhl und inWiesbaden. Allen, denen ich nicht persönlich alles Gite wünschen kann, wünsche ich das an dieser Stelle: möge 2008 großartig werden!
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Freitag, 26. Oktober 2007
Liebes Tagebuch,
du wurdest schmählich vernachlässigt. Ist ja nicht das erste Mal. Also null Aggro, okay?
Es war einfach zuviel los. Erst eine Lesung in Montpellier - im Masion d'Heidelberg. Das war herzerfrischen, vor allem die Diskussion darüber, ob "Die Fotografin" ein Klischee von Frankreich transportiert oder einem nur als Klischee vorkommt, was glatterdings die Wirklichkeit ist.
Dann zurück nach Deutschland, Rechnungen bezahlen. Mei, das macht spaß.
Lustiger war da schon eine Lesung in Obertshausen - und eine mit Oliver Bottini und Friedrich Ani und Heini Steinfestt in der Darmstädter Stadtkirche. Die Kirche ist bemerkenswert schön und hat mit Martin Schneider einen bemerkenswerten Pfarrer.
Dann, ja dann kam es zur Buchmesse. Das war wie immer richtig nett. Und danach - eine Woche Breslau. Aber dazu mehr demnächst, denn das war eine wirklich interessante und lohnende Begegnung in der "Stadt der Begegnung". Ich habe übrigens den Wahlausgang ziemlich korrekt vorhergesagt...
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Mittwoch, 29. August 2007
Es gibt nicht nur bei den Schweden eine Sorte sozialdemokratelnder Krimis, für die man eine eigene Mülltonne aufmachen möchte. Da wird alle Naselang gemeint, vor allem alles gut, aber nirgendwo wird ein Konflikt draus (das haben Meinungen so an sich). Selbstredend macht sich der Autor mit seinen politisch korrekten Protagonisten gemein - und da kommt dann soviel Gewißheit zugange, daß wir sie richtig sehen, die roten Sockenträger, wie sie das alles abnicken, was ihnen da als Krimi verkauft wird, obwohl man es genausogut eine Wahlkampfbroschüre titulieren könnte.
Ich nenne keine Namen - manch Autor ist ja weit sympathischer als sein Werk - aber ein Beispiel sei mir gestattet: da regt sich der Autor (ja! tatsächlich! Nicht ein Protagonist!) über die Schmach auf, daß es "für die Rechten Mode geworden" sei, "sich auf das demokratisch verbriefte Recht der Meinungsfreiheit zu berufen, wenn sie für ihre revanchistischen und hetzerischen Äußerungen am Pranger standen." Hmmm. Auch Rechte wagen sich auf ihre demokratischen Rechte zu berufen? Obwohl sie doch eigentlich gut mittelalterlich an den Pranger gehören? Nächste Frage wäre dann: sind das überhaupt Menschen?
Mal im Ernst: was könnte man daraus für einen Konflikt machen! A la: mir sind ihre Meinungsäußerungen widerlich, aber ich kämpfe dafür, daß sie sie auch tun dürfen! Aber nein, hier wird das Publikum platt abgespeist oder soll auf plumpe Tour zum Beifall genötigt werden. Das ist politisch so hilfreich wie die üblichen Schnellschüsse nach einem Vorfall wie jüngst in Mügeln, wo man gleich Rechtsextremismus am Werk sah, statt die viel unbequemere Frage zu stellen, warum es ausgerechnet in Ostdeutschland soviel explosives Gewaltpotential unter jungen Männern zu geben scheint. In einem Krimi aber hat sowas nichts zu suchen, wir schreiben keine Erbauungsliteratur, sondern schildern menschliche Konflikte. Jener zwischen Meinungsfreiheit und Ekel vor bestimmten Meinungen gehört unbedingt dazu.
Wir stellen ja auch keinen Antrag auf Verbot bestimmter literarischer Waren, weil sie so schlecht geschrieben sind, daß sie dazu geeignet sind, schwache Charaktere zu verderben.
Oder?
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Dienstag, 21. August 2007
Nein, lieber Günther Rosenberger, den Harry Potter habe ich längst ausgelesen... Aber ich gebe zu: Dieses Tagebuch mutiert zu einer Monatsbroschüre. Woran es liegt? Natürlich nur am unerbittlichen Fleiß von yours truely, die sich durch nichts, aber auch gar nichts ablenken läßt vom Großen Werk...
Tja. Wenns ja so wäre. Aber dann gibt es neben unzähligen familienpolitischen Aufgaben auch noch die eine oder andere Rezension zu schreiben (siehe z. B. seit heute: http://www.focus.de/kultur/buecher/krimikolumne/krimi-der-woche_aid_70419.html), für die man manchmal auch Kriminalromane eines Blickes würdigen muß, die man lieber nicht zuende liest. Da wird oft derart ins Klischee gegriffen, daß man Margit Schreiner versteht, wenn sie sich vom Gedanken verabschiedet hat, es auch einmal mit einem Krimi zu versuchen. Und dennoch, dennoch möchte man ihr zurufen: nein, wir sind nicht alle so! Einige von uns können ganze Sätze bilden, beherrschen den Konjunktiv und versuchen uns auch mal am Nebensatz, wagen uns an Para- und Hypotaxen oder an eine kleine, verschämte Inversion, freilich immer bescheiden innerhalb der Grenzen des Genres.
Haben wir es also verdient, wenn nun auch noch die unvermeidliche Juli Zeh sich des Genres bedient, mit dessen Versatzstücken sie angeblich immer schon gespielt hat? Mit ihrem neuen Buch bekennt sie sich sogar zum Genre - um Himmelswillen! Begründung: "Wenn in einem deutschen Roman ein Kommissar auftaucht, ist es ja sofort Trash, „Tatort“. Mich reizt, zu beweisen, dass man aus allem Literatur bauen kann. " Ja, auf diesen endgültigen Juli-Zeh-Beweis haben wir alle gewartet. Auch auf das Lob des Krimis für seine "holzschnittartigen Charaktere". Was ist da wohl Großes zu erwarten von einer Autorin, die sich mit Nabokov vergleicht und bei der selbstredend nichts an der Oberfläche bleibt?
Hoffentlich mehr als so ein unglaublich dummes Geschwätz .
Aber ist schon recht. Wir Gebrauchsschriftsteller brauchen offenbar die Anleitung unserer echten Literaten, die uns zeigen, wie es geht. Bislang fand ich die Versuche etwa Bodo Kirchhofs oder Burkhard Spinnens allerdings wenig überzeugend - Anbiederung an ein Genre, das man gar nicht kennt, macht sich selten gut. Also gehts vielleicht doch nur um die höheren Auflagen, die die Marke "Krimi" angeblich abwirft? Jede eine kleine Tannödin?
Oder bin ich ungerecht? Manch eine merkt vielleicht gar nicht, daß sie mit dem Lob des Genres nur über die eigene Beschränktheit informiert . Da versteht man plötzlich Andrea Maria Schenkel, die ihr neues Buch vorsichtshalber NICHT Krimi nennt. Mit manchem möchte man sich eben nicht gemein machen. Nicht mit den Verhunzern des Genres, die sich bei mäßigen Autoren ebenso finden lassen wie bei den Echtliteraten, die zum zigsten Mal die Gesetze des Genres lustvoll brechen möchten. Würg.
Sonst noch was? Nö. Wenn mein Monatsblog nicht wäre, säße ich längst wieder friedlich an meinem Krimi, um an den Charakteren zu schnitzen. Um mich zu suhlen im Klischee und im Holzschnitt zu baden. Ahhhh.
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Dienstag, 24. Juli 2007
Und natürlich lese ich seit Sonntag Harry Potter...
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Montag, 23. Juli 2007
Dpr forderte jüngst bei „Watching the detectives“ den Tod des Ermittlers (guckstu: http://www.hinternet.de/weblog/2007/07/jahrhundertprojekt-tod-dem-ermittler.php). Begründung: der Leser braucht keine pädagogischen Instanzen: „Es ist nicht mehr mitanzusehen, wie die Leser es hinnehmen, als unmündige Bürger von irgend welchen dahergelaufenen Ermittlern an die Hand genommen und durch die Story geführt zu werden. Das ist wirklich wie Kindergartenausflug.“
Prima. Stimmt alles. Letztendlich handelt es sich um eine dumme Verschwörung von Kritikern, „amazon“-Rezensenten und Lektoren im Auftrag ihrer Marketing-Abteilung, die uns die Notwendigkeit einer ermittelnden Instanz aufschwätzen. In Wirklichkeit machen sie uns nur Mühe, die Hauptkommissare und private eyes, weshalb wir sie gern reichlich mit Alkohol- und Eheproblemen bedenken, als Rache sozusagen. Denn die Wirklichkeit ist dem Genre so überlegen, daß der kluge Autor seinen Ermittler in die Frühpensionierung oder in den Zwangsurlaub schickt, damit er ihn überhaupt noch glaubwürdig ermitteln lassen kann.
Im Klartext: unter realistischen Bedingungen ist so ein Fall in drei Tagen gelöst. Das ist zu kurz für einen ganzen Roman.
Also warum nicht ganz auf die Ermittler verzichten? Im neuen, hervorragend geschriebenen Roman „Feuertod“ von Astrid Paprotta sind die beiden (wie hießen sie noch?) so nötig wie ein Lord Peter Wimsey oder ein Sherlock Holmes heute noch erträglich wären. (Obwohl man ja durchaus froh ist, nicht mehr „ein Ina-Henkel-Roman“ lesen zu müssen.) Der Leser ermittelt mit Hilfe der Autorin durchaus eigenständig und zieht im übrigen Randfiguren wie Claude Czerny, den Friseur, und den traurigen Schnüffler Blume mit seinem Hund Chef vor.
Warum also?
Ich glaube immer noch, daß Krimis heute am besten sind, wenn sie Gesellschaftsstudien sind, allerdings anders als es die Gesellschaftskritiker unter den Krimiautoren konzipierten. Das moralische Spiel von Aufklärung und Sühne funktioniert schon lange nicht mehr, ebensowenig wie das affirmative Setting, daß auf Unordnung der Sieg des staatlichen Gewaltmonopols folgt. Mord ist kein stellvertretender gesellschaftlicher Akt, sondern eine hochpersönliche Angelegenheit, nicht anders als ein Scheidungsverfahren, in dem es ebenfalls oft keine klaren und eindeutigen Kategorien von Schuld, Opfer und Täter gibt. (Dafür ist Paprottas neuer Roman ein wunderbares Beispiel. )
Tatsächlich waren einige der besseren „Landhauskrimis“ genauso gestrickt: man setze eine Gruppe von Menschen durch einen Mord unter existentiellen Druck und schaue, wie sich unter diesem Druck die einzelnen Persönlichkeiten entfalten, mal schöner, man schlimmer anzuschauen. Leider kam dann zum Schluß Hercule Poirot und erklärte alles.
Wieso also noch Ermittler beim Krimi?
Geschätzter Leser! Wir erbitten Antwort!
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Freitag, 29. Juni 2007
Als ich 1996 meine Hauptperson, eine rothaarige Staatsanwältin mit kleinen Figurproblemen, die regelmäßig Krafttraining (bei Kieser, natürlich!) betrieb, "Karen Stark" nannte, dachte ich mir, ehrlich gesagt, nicht viel dabei. Heute bereue ich bitterlich. Ein sprechender Name! Für eine rothaarige, etwas zu hoch und breit geratene Dame, die man ja auch gleich "Powerlady" hätte nennen können! Nein, ehrlich: ich schäme mich.
Aber was tun? Es gibt da ein probates Mittel, das Mann wie Frau gleichermaßen nutzbringend anwenden können, um an einen neuen Namen zu kommen. In diesem Roman hier, an dem ich gerade arbeite, heißt sie noch Karen Stark. Aber schon im Bch danach wird sie anders heißen. Wie? Sag ich nicht. Ich arbeite jedenfalls dran...
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Mittwoch, 27. Juni 2007
Nochmal zum unerschöpflichen Thema: wieviel Drama braucht eine Hauptperson in einem Krimi? Warum sind so viele alkoholkrank, erleiden einen Karriereknick, sind vom Dienst suspendiert oder pensioniert?
Weil wir Autoren uns davor drücken, die stinknormale polizeiliche Ermittlungsarbeit zu beschreiben (es gibt ein paar gaaanz wenige Ausnahmen, denen es gelingt, das spannend zu machen: Norbert Horst, z. B.) Um unsere Ermittler a) mit einer gewissen investigatorischen Sturheit auszustatten und der krimitechnisch bedeutsamen Intuition, müssen wir sie vereinzeln und aus der Institution herausnehmen. Wie könnte man sonst rechtfertigen, daß einer manisch einem einzigen Fall nachgeht, an den kein anderer mehr glaubt? In der normalen Polizeiroutine würde so jemand, glaube ich, stören. Auch ein persönliches Drama verengt den Blick zum Tunnelblick - dann hat der Fall, in den sich unser Held verkrallt, Ablenkungswert.
Das alte Thema: wieviel Wirklichkeit braucht ein Krimi? Viel, aber am wenigsten sind damit die Polizeistatistik und die Ermittlungsroutine gemeint.
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Dienstag, 26. Juni 2007
Was es wirklich bringt: Fan-Mails. Danke, Sabine Böcher aus Koppl bei Salzburg, Andrea Lingner aus Essen, Kevin von der Heydt aus Schwerte! Es ist einfach großartig, einsam vor sich hin zu schreiben und hin und wieder einen Hinweis darauf zu bekommen, daß es Wesen da draußen in der richtigen Welt gibt, die das schätzen, was man so treibt.
Und dann ist da wieder die Juryarbeit für den Deutschen Kurzkrimipreis. Und wieder die Erfahrung, daß sich das außergewöhnliche ebenso schnell bemerkbar macht wie das hundsbanale und schlecht gemachte. Es gibt also Hoffnung...
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Samstag, 16. Juni 2007
Es gibt schlimmeres, als in der Südardeche an den Laptop gekettet zu sein. Zumal ich mittlerweile Fluch und Segen der DSL-Flatrate auch mit Blick auf die Berge genießen kann. Wenn man sich richtig suhlen möchte in seinem unverdienten Glück, den richtigen Beruf in der richtigen Umgebung auszuüben, holt man sich HR1 aus dem Netz und weidet sich am Wetterbericht und den Verkehrsinfos aus Deutschland.
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Dienstag, 12. Juni 2007
Warum die Tendenz von Krimiautoren, ihren Figuren ein bißchen viel Schicksal zuzumuten? Mache ich auch gerade, mit meinem armen Helden, den ich dadurch so weichspüle, daß er einer anderen Hauptperson wehrlos in die Arme fällt, was dieser wiederum gut bekommt, hat sie doch endlich eine vernünftige Aufgabe im Leben... Schließlich ist das meiste Unglück eines, das durch ständige Präsenz einem die Magenwände durchlöchert, nicht weiter auffallend, groß oder dramatisch, aber unendlich wirkungsvoll... Manchmal reicht nur ein tägliches Telefongespräch mit einer ewig unzufriedenen Person. Starke Menschen zeigen erst nach ca. sieben Jahren Wirkung.
Es ist die archaische Schaulust, mit der Menschen am Schicksal anderer teilnehmen, in einer Mischung aus Entsetzen und Faszination, so, wie man früher beim Vierteilen, Rädern oder Verbrennen zusah. (Auch) das macht das anhaltende Interesse am Krimi aus, nicht die eitle Autorenphantasie, man leiste durch das Zurschaustellen des menschlich Bösen einen Beitrag zur Gesellschaftskritik.
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Montag, 4. Juni 2007
Ja sicher, liebe Leser, wenn Sie Autoren für ein bißchen bluna halten, haben Sie wahrscheinlich recht. Es gibt darunter welche, die führen nicht nur Selbstgespräche, die unterhalten auch ausgesprochen intime Beziehungen zu ihren Helden und Heldinnen. Liebesaffären, nachgerade!
Ich bin gerade mittendrin in solch unordentlichen Verhältnissen: ich empfinde tief mit meiner Heldin und bin leicht verknallt in einen meiner Helden, ich nehme leidenschaftlich Anteil an ihrem Leben und Lieben und möchte unbedingt wissen, wie es mit ihnen weitergeht und ob alles gut wird. Sie meinen, ich hätte das doch selbst in der Hand? Irrtum!
Einmal geschaffen, gehen Charaktere ihren eigenen Weg und man sollte ihnen folgen, statt ihnen anderes aufzwingen zu wollen. Das ist eine uralte Regel, verrückt, aber wahr, und ich bin immer wieder tief verwundert, wie sich dieser Prozeß, wenn alles gut geht, bei jedem neuen Buch wiederholt.
Wahrscheinlich ist es deshalb so schwer, es mit unsereins auszuhalten. Irgendwie liegen eben immer noch ein, zwei andere Figuren mit im Bett. Außer den Katzen. Sie sehen: es wird dicht. Daher der Name.
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Freitag, 1. Juni 2007
Martin Suter hat für "Der Teufel von Mailand" den diesjährigen Glauser bekommen - ich kann es mir auch gar nicht anders vorstellen. Was für ein wunderbares, soghaftes Buch! Spannend? Nein, auch dieser perfekte Roman ist das nicht im landläufigen Sinn. Der Plot ist viel zu schön für die letztendlich banalen Motive des Täters. Aber wie elegant schreibt der Kerl! Wie nah kommt dem Leser die Hauptperson, eine junge Frau mit synästhetischer Verwirrung: die Grenzen zwischen den Sinnen verschwimmen, sie hört, schmeckt und fühlt in Farbe. Daneben die schönsten Landschaftsschilderungen, angeblich der Tod jeder Spannung. Nicht hier.
Ganz anders "Liebesdienst'" von Kate Atkinson. Wenn ich boshaft wäre, würde ich das Buch geschwätzig nennen. Da pladdert jedes einzelne Lebensschicksal von der Wiege bis zur Bahre unverbunden mit den jeweils anderen vor sich, bis sich dann, oh Wunder, ein Zusammenhang ergibt. Das liest sich zum Teil sehr schön, auch wenn sich die Polizistin kaum vom verklemmten Schriftsteller unterscheidet, weil alle den irgendwie gleichen Tonfall haben. Dennoch ein Roman wie ein altes englisches Sofa: sich reinfallen lassen, wenn man nicht so bald wieder aufstehen will-.
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Dienstag, 22. Mai 2007
Nächster Versuch: das neue Buch von Susan Hill, einer britischen Romanautorin, die mittlerweile auch Krimis schreibt. Ein ruhiger, ganz atmosphärischer Anfang, so, wie es mir gefällt. Der britische Inspector malt, in Venedig, und ist offenbar begabt genug, daß es zu einer Ausstellung kommen wird. Da ereilt ihn ein Anruf...
Und nun... als ob die Autorin den Vorwurf fürchtet, langweilig zu sein - stattet sie den Helden, für den man sich soeben zu interessieren beginnt (er malt! Hat offenbar keine Alkoholprobleme! Ist kein exzentrischer Adliger! Und dichtet mal nicht!) mit ein bißchen allzuviel Besonderheiten und Malaisen aus: er trauert der ermordeten Kollegin hinterher, mit der er nie was hatte. Er ist Drilling, hat eine behinderte SChwester und ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern... Weitere abgründige Geheimnisse werden gewißlich folgen...
Und schon denkt man: gehts nicht mehr unter einem mit gleich mehrfacher Unbill geschlagenen Helden?
Miss Marple war eine alte Dame aus St. Mary's Mead. Das reichte, um ihr Tiefe zu verleihen.
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Samstag, 19. Mai 2007
Was ist spannend? Ich weiß es nicht. Ich lese gerade den ziemlich perfekt gemachten Thriller eines deutschen Kollegen, lese ihn gern, die Sache ist spannend, ganz gewiß - und dennoch läßt mich die Geschichte kalt, weil ich mich für die Personen nicht wirklich erwärmen kann. Mal wieder eine Ermittlerin mit Alkoholproblemen - hmm. Gibts da wirklich nichts anderes, was einer Person Tiefe verleiht? Mich hat das schon bei der Heldin des sehr geschätzten Oliver Bottini gestört, auch bei dem hochgeschätzten Jo Nesbo (bei dem ist es mit Harry Hole immerhin ein saufender Mann.) Es sind Rezepte aus der Trickkiste, da hilft dann auch nicht, daß die Heldin auf ähnlich einfallsreiche Art wie ihre Tochter Selbstmord begehen will (obwohl sie einen richtig netten Bullen an ihrer Seite haben könnte, der sie aus unerfindlichen Gründen zu lieben scheint.)
Wie gesagt: das funktioniert. Bestimmte Reize erzeugen nunmal einen Reflex. Warum fand ich das ergo gelungene Buch dennoch unbefriedigend?
Einem anderen Buch einer Kollegin bin ich gern gefolgt, weil mich zwar nicht die Ermittlerin, aber die Hauptperson, der Ermordete, von dem wir per Tagebucheinträgen erfahren, interessiert hat. Der "Krimi"-Schluß und der Täter aber entpuppten sich als enttäuschend - psychologisch umso uninteressanter, je interessanter einem das Opfer erschien
Was ist spannend? .Für mich gilt nach wie vor: wenn mich die Personen interessieren.
Die Regeln des Krimis sind Versuchung und Fluch zugleich: daß es mindestens einen Toten gibt (Leser- und oft auch Rezensentenkriterium: "spannend" sei ein Buch erst, wenn a) der erste Tote auftaucht und b) die Polizei. Gähn.), ist nun wirklich das unrealistischste am Krimi. Und daß sich die Todesfälle ausgerechnet da häufen, wo der Serienheld zugange ist (Ystad-Syndrom), ist ebenso unglaubhaft.
Glaubhaft können also nur die Personen sein.
Was ist spannend? Antworten bitte an die Autorin. Die weiß es derzeit einfach nicht.
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Samstag, 12. Mai 2007
Seltsam. Wenn man die Krimikolleginnen nach den Lieblingsschuhen eines Zehnjährigen fragt, sprudeln nur so die Antworten. Ich liebe solche Fragen - weil sie viele andere, weniger vordergründige Informationen zutage fördern.
Für die Krimikollegen (Männer!) sind das Allerweltsfragen, über die sie die Nase rümpfen. Nicht wirklich wichtig, die Herren, gell? Entgeht ihnen da vielleicht das wahre Leben? "Das Private ist politisch", hieß es mal. Stimmt immer noch.
Ansonsten geht es gut voran mit dem neuen Roman. ich gebe zu: es ist überaus inspirierend, zum Schreiben in Südfrankreich auf der Veranda zu sitzen, obzwar der Himmel sich gerade zuzieht. Umso besser: dann ist man nicht so abgelenkt.
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Mittwoch, 2. Mai 2007
Noch immer scheint die Sonne hier im Vogelsberg. Dafür gewittert es in Südfrankreich. Strange world.
Ich habe die Criminale hinter mich gebracht - diesmal eine besonders schöne, was vielleicht an der location lag: an der Weinstraße ist man entspannt. Danke ans Weingut Messmer in Burrweiler und das Stiftsweingut Meyer aus Klingenmünster! Für diese Winzer zu lesen, war mir ausnehmend angenehm. Der "Tango Criminale" selbst glänzte durch eine präzise Show und gute Organisation. Und die Stimmung unter uns ca. 180 Verrückten war, trotz einer mißlungenen Vollversammlung, großartig.
Ansonsten stresst die Autorin vor sich hin. Was für ein bürokratischer Aufwand getrieben werden muß für das bißchen eigene Leben und das der Eltern! Man kann sich tagelang mit seiner Selbstverwaltung beschäftigen. Die Sehnsucht nach einer guten, runden, ungesunden Schreiborgie wächst. Man kann ja ein bißchen Fahrradfahren dazwischenschieben.
Ab nächste Woche wieder in Frankreich. Dann, wenn es hier regnet und dort der eisige Mistral weht.
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Mittwoch, 4. April 2007
Es ist so schön hier in Oberhessen derzeit, daß einem die Tränen kommen könnten - wenn man nicht noch anderes zu tun hätte. Etwa, morgen nach Frankreich fahren. Und endlich wieder ungestört an den Roman gehen.
Die Eltern sind umgezogen - in ein "Domizil" (besser als ne Residenz). Das ist ein Thema für sich: der Umgang mit dem Älterwerden und den Älteren.
Meine Bücher erscheinen mittlerweile nicht nur auf Japanisch, sondern demnächst auch auf Dänisch. Hej! First we take Tokio, Stockholm und benachbarte Regionen, danach the rest of the world.
Ich habe den schönsten Beruf der Welt. Das behauptet von sich auch Martin Enlen, Regisseur, den ich bei Dreharbeiten zum neuen hessischen "Tatort" kennengelernt habe. Kann ich verstehen: ich habe vier Stunden lang zugesehen, wie präzise so eine große Maschine funktionieren kann - und wieviel Expertise und gute Laune dabei herrscht. Danke an alle für die bereitwilligen Auskünfte.
Eben, draußen im Garten, wo ich 15 Kohlrabi und 10 Salatpflanzen sowie zwei Rosen gesetzt habe, wehte mich ein unbeschreiblicher Duft an. Wonach? Keine Ahnung. Es war, wahrscheinlich, einfach nur der Frühling, der sich gegen die bäuerlich-nachbarschaftlichen Gülleausbringungen kurzfristig durchsetzen konnte. Was für ein Leben.
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Sonntag, 25. Februar 2007
Heute regnet es am Stück. Und das ist auch gut so: das Schneiden der Rosen ist nicht ohne größere Verletzungen abgegangen. Und man kann auch nicht dauernd Primeln pflanzen.
Dabei ist mir wieder aufgefallen: ich möchte diese Jahreszeit nicht missen - und noch nicht einmal in freundlicheren Gefilden verbringen, obwohl es in Laurac heute so um die 16 Grad warm ist. Schon vor zwei Wochen sind hier im Vogelsberg ein paar Kraniche vorbeigeflogen, die beschlossen haben, daß es vorbei ist mit dem Überwintern. Seit Tagen sitzt ein einsamer Star auf der Antenne der Nachbarn und schnalzt und sülzt vor sich hin. Letzte Woche in Frankfurt brüllten um 5 Uhr früh zwei Nachtigallen aufeinander ein, als ob es gleich zur Hirschbrunft ginge.
Der Frühling ist nirgendwo auf der Welt so wie hier. Er schleicht sich heran, fast verlegen, tritt von einem Fuß auf den anderen, als ob er nicht aufdringlich sein will, läßt sich unendlich viel Zeit, überrascht mit zartem Flaum und jungfräulichen Farben und Düften, prescht vor, zuckt zurück und spielt das Spiel von Verlockung und Zurückweisung, bis sich der aufdringliche Sommer mit seinen fetten Farben durchgesetzt hat.
Das kann meinetwegen noch eine Weile so dauern.
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Donnerstag, 22. Februar 2007
Ja, ich weiß, man soll nicht, im Glashaus sitzend, mit Steinen schmeißen. Aber manchmal vergeht mir die Lust an dem doch eigentlich so geschätzten Genre - das liegt daran, daß ich zuviel davon lese, wegen der Krimikolumne in Focus online. Und es gibt wirklich zuviel vom Gleichen, schlecht gedachten, schlecht gemachten. Zum Beispiel "Cry Baby" Von Gillian Flynn, ein "Thriller", in dem eine Journalistin zurück in ihre Heimatstadt fährt, um über den mysteriösen Tod zweier Mädchen zu berichten. Zuerst ist man amüsiert - von der Beschreibung der exzentrischen Mutter der Heldin und den Schilderungen der amüsierwilligen 13jährigen, allesamt kleine hübsche Biester, vor allem die Stiefschwester. Und daß die Heldin schon morgens den Bourbon flaschenweise wegtrinkt - geschenkt. Aber daß sie darüberhinaus nicht nur sexuell gestört ist, sondern auch noch Worte in ihren Körper hineingeschnitten hat, die ihn zu einer Narbenwüste gemacht hat - daß die Mutter am Münchhausensyndrom leidet - daß die Zähne der getöteten Mädchen zum Fußboden in einem Puppenhaus verarbeitet wurden - ach, ehrlich: gehts nicht ein bißchen kleiner? Sollten das die Anforderungen sein, die das Genre an seine Autoren stellt? Immer mehr, immer schrecklicher, immer kaputter? Leichen pflastern ihren Weg, möglichst schon ab Seite 5? Irgendwie will ich da nicht mit. Im neuen Roman gibt es erstmal keine Leiche. Eat your heart out, Leser!
P.S. Der Kritiker der Weltwoche, Thomas Widmer, sieht das alles ganz anders und rechnet "Cry Baby" unter die 11 besten Kriminalromane des Frühjahrs. Begründung: "In diesem Roman haben alle Figuren mythisches Gewicht. Das macht ihn so stark. Der Serienkillerthriller scheint trotz der Tendenz zu immer noch mehr Banalschrecken pro Buch eine Zukunft zu haben. «Cry Baby»: ein Konzentrat, die Essenz der Gattung." Welches Buch hat der Mann bloß gelesen?
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Montag, 19. Februar 2007
Das Wochenende begann mit der rituellen Lesung im wein.gut in Gießen, wie es sich gehört bei jedem neuen Buch. Der kleine Weinladen von Hans-Jürgen Linke war voll bis auf den letzten Platz - tolle Stimmung, geneigtes Publikum, fühlte sich an wie zuhause. Das schönste Kompliment: die Beschreibung der Heldin Mary Nowak mache Lust darauf, sie kennenzulernen.
Am nächsten Tag nach Blankenburg. Die Sonne schien - und wie. Abends im Hotel Viktoria Luise, Dinner bei Kerzenschein mit Blick aufs erleuchtete Schloß.
Am Sonntag dann Besuch bei Tanja Gräfling auf dem Rittergut Cattenstedt. In der Sonne sitzen und Bier aus der Flasche trinken und den Stutfohlen dabei zusehen, wie sie vor lauter Lust an Luft und Freiheit aus dem Pelz springen. So kann das Leben sein.
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Dienstag, 13. Februar 2007
Nein, zum Äußersten, nämlich zum Waschen von Gardinen, wird es nicht kommen. Meine Eltern werden Ende März in ein Pflegeheim umziehen und deshalb gibt es (leider) genug Abwechslung. Das Schreiben leidet etwas darunter. Zumal das alles die Seele nicht ungerührt läßt: was von einem ganzen Leben so übrigbleibt... nichts wirklich haltbares und zukunftsweisendes. Oder? Schließlich wurden von meinen Eltern viele Bäume gepflanzt. Und es gibt, würden die beiden jetzt anfügen, drei Kinder und 5 Enkel. Auf jeden Fall haltbarer und zukunftsträchtiger als eine Handvoll Bücher, oder?
Am Wochenende geht es nach Blankenburg ins wunderbare Hotel Viktoria Luise (da müssen Sie hin, geneigte Leserin! www.viktoria-luise.de/ !) Die Braunschweiger Zeitung druckt "Doppelte Schuld" als Fortsetzungsroman und macht mit mir eine Tatortbegehung. Wenn schon kein Schnee liegt, dann möge wenigstens die Sonne scheinen!
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Donnerstag, 1. Februar 2007
Können Sie sich, lieber Leser, liebe Leserin, vorstellen, wie produktiv ein Mensch sein kann, der sich vorm Arbeiten drückt? Nein? Ach, dann kommen Sie doch mal bei mir vorbei! Die Bücherregale entrümpelt und entstaubt. Sämtliche Neujahrspost beantwortet (schon am 1.2.!!!). Die Steuer für 2006 und Januar 2007 erledigt. Bilder und Tondokumente auf die Website gestellt, den Zweitcomputer neu eingerichtet. Termine gemacht, mit Freunden, Informanden, Musen und Inspirateuren. Der Schreibtisch liegt öd und leer vor mir, verdächtig aufgeräumt...
Ich habe sogar nachgedacht!!!!
Weshalb jetzt - ja jetzt - der Arbeit an "Ein ferner Ort" (Arbeitstitel) nichts mehr im Wege steht . Schreckliche Vorstellung. Hoffentlich passiert was, zum Beispiel ein neues Problem, das ich voller Energie lösen werde. Denn wenn das noch lange so weiter geht, werden hier noch alle Gardinen gewaschen und Kleiderschränke durchforstet. Im schlimmsten Fall kommt es zu Sport- und Diätorgien, wg. drohendem Frühjahr. Das muß doch nicht sein!
Oder?
Oder ich gehe an die Arbeit. Wer schreibt, der bleibt, hieß es immer im Bonner Spiegelbüro. Weiß bis heute nicht, was damit gemeint sein soll. Aber ich ahne es.
Gibt mir Deinen Segen, lieber Leser! Bitte für mich! Beim heiligen Anton von Padua, dem Mann für alle Fälle! Zünde eine Kerze an! Oder...
Ich trink jetzt erstmal ein Glas des hervorragenden Spätburgunders vom Weingut Knab. Morgen ist auch noch ein Tag.
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Samstag, 20. Januar 2007
Je älter meine Figuren sind, desto interessanter werden sie für mich. Weil sich mein Lebensalter ihnen angliche? Naja - soweit ist es noch nicht, schließlich ist Mary Nowak bereits einiges über 80. Nein - mich fasziniert der Reichtum einer solchen Biografie - meine Güte, in diesen Leben ist wirklich was PASSIERT und nicht nur Nutella und der erste Golf!
Aber Eigeninteresse dürfte vorhanden sein. Jetzt ist die Zeit, sich, statt Gruselstories von der künftig vergreisenden Gesellschaft zu erzählen, an den Entwurf künftiger Rolemodels zu machen. Wie werden sie sein, die Damen, die sich heute das Projekt "Unwürdige Greisin" vorgenommen haben? (Fußnote: nicht jede altert so attraktiv wie Helen Mirren und Uschi Obermeier - trotzdem hat mich "Calendar Girls" geradezu zu Tränen gerührt.).
An alle Schauspielerinnen, die sich wünschen, daß ihnen Drehbücher überreicht werden, die ihrem Alter und ihrer Erfahrung entsprechen: ich arbeite dran.
Was denn sonst?
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Montag, 15. Januar 2007
Natürlich arbeiten Krimiautoren mit Klischees, vor allem die, die das Gegenteil behaupten.
Auch die Forderung nach maximalem "Realismus" in Krimis ist schließlich ein Klischee. "Realismus" vs. Bizarrerie - so etwa hat Raymond Chandler einst polarisiert - ist ganz offenbar die falsche Alternative. Unsere Vorstellung von "Realismus" ändert sich - that's all. (Und, naja, manchmal sogar die Wirklichkeit.)
Das sind so Gedanken, die man bekommt, wenn man die alten Kultfilme mit Humphrey Bogart ansieht - und den allerneusten Bond.
Die Spur des Falken - der Film, der Bogart berühmt machte - wurde 1941 nach dem Buch "The Maltese Falcon" von Dashiell Hammett gedreht, der mit Raymond Chandler damals die Speerspitze des amerikanischen hard boiled Krimis bildete. Chandler brachte seine und Hammetts Romane als Antwort auf die bizarren Landhauskrimis aus Großbritannien in Stellung, womit er offenbar - ausgerechnet! - die Romane von Dorothy Sayers meinte. Sie und andere verbänden eine Vorliebe für Pfarrhäuser und untergehende Stände wie exzentrische Adlige mit einer entspannten Vernachlässigung von Logik und Realität.
Eine Gestalt wie Lord Peter Wimsey tritt uns in der Tat heute nicht mehr wirklich nahe, sie ist noch nicht einmal mehr amüsant - das mag der Grund sein, warum Elizabeth George ihre Adelsmannschaft auszurotten beginnt. (Der Abgang Lady Helens ist jedenfalls ein guter Anfang...) Ebenso wenig - was Wunder! - ist ein whiskytrinkender, kettenrauchender Sam Spade, Privatdetektiv mit fragwürdiger Moral, eine heute noch realistische Gestalt, auch nicht die pelzbesetzten Gaunerliebchen, die ihm dubiose Aufträge erteilen. Daß nur überlebt, wer sich an die Regeln der Gesellschaft nicht hält, ist nicht weniger ein Klischee wie die Figur der Miss Marple, diese Ikone sozialer Unauffälligkeit, stets strickend und von der genialen Erkenntnis beseelt, daß es in der großen Welt nicht viel anders zugeht als im kleinen St Mary's Mead.
Und ist vielleicht ein Ermittler wie Mankells Wallander sonderlich realistisch? Übergewicht, Diabetes, Liebeskummer - gut, kommt vor. Sherlock Holmes hat nur gekokst. Daß Helden schadhaft sein müssen, damit sie Gefühle auslösen, ist "realistisch" und trickreich zugleich. Der völlig normal lebende, gutbürgerlich verheiratete Ermittler ohne Alkohol- und andere Drogenproblemen, der einfach nur seine überwiegend gleichförmige Arbeit tut, wäre uns sicher zu langweilig.
Und nun der neue James Bond. Also - mich hat "Casino Royale" überrascht. Ich hatte den Eindruck, noch nie einen so guten James Bond gesehen zu haben. Trotz der alten Liebe zu Sean Connery. Woran liegts? Ganz einfach, wahrscheinlich: Die Ironie der 60er ist passé, der Gentleman von Welt kommt auch im modernen Jetset nicht mehr vor und der Mann, der Blondinen nur als Gespielinnen betrachtet und ansonsten keine Gefühle hat, wirkt unecht und angestaubt.
Daniel Craigs Bond ist weder ironisch noch sonderlich elegant, er ist ein hart arbeitender Mann. Töten ist messy und sieht selten gut aus. Und die Blondinen? Interessanter sind Frauen mit einer so gebrochenen Schönheit wie der Eva Greens. Man hat einige Momente lang das Gefühl, daß ausgerechnet Hollywood uns Figuren, Charaktere, Menschen mit Geschichte - kurz: einen winzig kleinen Anflug von Realismus wiedergibt. Gänzlich ohne ironische Distanz - und das ist, seltsamerweise, wohltuend. Obwohl man doch bei den frühen Bonds so schön lachen konnte, als das Genre sich noch selbst veräppelte.
Also worum gehts? Den Kunstfiguren in Film und Buch mehr Leben zu geben? Endlich die ironische Distanz zum Genre aufzugeben und sich auf die Aufgabe einzulassen, jenen Gefühlen Raum und Sprache zu geben, die alle ab und an brauchen? Ein bißchen Stellvertretergefühl und Extrarührung?
Weiß nicht. Wir bleiben dran.
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Donnerstag, 28. Dezember 2006
Laurac en Vivarais, Südfrankreich, 10 Uhr morgens, 3 Grad minus, strahlend blauer Himmel.
Die Silvestergeschichte für die „Literarische Welt“ (erscheint am 30. 12. in der „Welt“) ist fertig, jetzt gibt es außer dem üblichen nicht mehr viel zu tun. Das übliche: das Manuskript einer Freundin lesen, sich was einfallen lassen für eine Kurzgeschichte über Tee für Ralf Kramp, ans neue Buch denken. Und: den Ofen anheizen. So ein Haus mit meterdicken Steinwänden braucht eine Weile, bis es bewohnbar ist – die in Deutschland als menschenwürdig erkannten 20 Grad erreiche ich selten. Und immer empfängt der Kreislauf wohltuende Kälteschocks auf den Fluren, in ungeheizten Zimmern und im Keller, beim Wein- oder Holzholen. Das trainiert ihn angeblich, den Kreislauf. Und beim Abnehmen soll die reduzierte Wohnräumwärme auch helfen. Und – alles besser als ein Leben in überheizten, klimageregelten Menschenaufbewahrungsbehältnissen.
Andererseits... Klar ist das wunderbar, so ein Holzfeuer, wie es flackert und duftet. Das sehen die Nachbarn rund um mich herum ebenso; Zentralheizungen sind hier verpönt, wir sind doch im Süden, auch bei 5 Grad minus, n’est-ce pas)? Weshalb man nachmittags den strahlend blauen Himmel kaum noch sieht, weil sich Rauchschleier über die Landschaft gebreitet haben. Und so sieht Le Vans von der Ferne aus wie ein Städtchen im Tal unter Nebel, dabei sind es nur die freundlichen Holzofenemissionen, die den Ort verhüllen. Die lassen sich übrigens schwerlich als „Feinstaub“ bezeichnen, das lagert als prima braune Asche überall ab und nistet sich ein. Insofern glaube ich nicht an die noch andauernde Euphorie in puncto Pellets- und Holzheizungs, mal abgesehen, daß die Preise längst angezogen haben: nichts gegen eine saubere kleine Gasheizung. Mit einem zusätzlichen Kaminofen, selten angefeuert, just for fun.
Die drei Katzen halten sich in ihrer unerschöpflichen Weisheit nicht lange auf bei den menschlichen Heizbemühungen und ziehen sich gleich zurück auf die Fußbodenheizung oben im Bad. Faulfelle. Den Menschen bleibt eine Wanderung durch die Cevennen. Oberhalb von 700 Metern wird es fast warm. Der Blick geht bis zu den Alpen. Und in der Mitte grüßt der Mont Ventoux. Abends feuriges Paprikagemüse. Und derzeit Riesling. Aus Deutschland.
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Donnerstag, 21. Dezember 2006
Ab heute werden die Tage wieder länger. Für mich ist mit der Sonnenwende der trübe Teil des Jahres vorbei. Also optimistisch sein! Der Blick in die Horoskope einschlägiger Publikumsmagazine berechtigt sowieso zu den schönsten Hoffnungen...
Ich verabschiede mich von den Tagebuchlesern mit den besten Grüßen für ein strahlendes 2007! Und darf ich einen Schlußstrich ziehen? Unter all das, was ich unterlassen habe in den letzten Wochen? Zum Beispiel ein Loblied singen der 4. Speirer Kriminacht, eigentlich waren's zwei Nächte, in denen ich nicht nüchtern ins Bett gegangen bin...
Die Speyerer Theatergruppe "Dicke Luft" hat Szenen aus "Sauberer Abgang" auf die Bühne gebracht, Blue Moon mit Lömsch Lehmann und Dr. Beutelspacher spielten großartig Musik, Ulla Britt Egeland und Winfried Folz moderierten, ich las, das Publikum war zahlreich und guter Laune und insbesondere Stefan Schmitt als Karl Bastian spielte den alten Herrn etwa so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Regie hatte Norbert Franck - und das ganze war ein riesiger, konzentrierter, ernster Spaß.
Was habe ich noch vergessen? Sicher nicht die vielen Korrekturgänge, bevor "Doppelte Schuld" in den Druck ging (danke, Cornelia Mechler, für die viele Arbeit!).
Und was ich auch nicht vergessen habe... Gute Begegnungen.
Die zähl ich jetzt nicht auf. Aber...
Das könnte alles so weitergehen. Oder noch besser werden. 2007. Wir werden sehen.
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Montag, 11. Dezember 2006
Nach dem Buch ist vor dem Buch.
Heute den 86. Geburtstag meiner Mutter gefeiert. Die Grundidee für den nächsten Roman ist da. Aber erstmal müssen lebenspraktische Dinge erledigt werden: den Schreíbtisch aufräumen. Steuer erledigen. VG Wort anmelden. Eine Silvestergeschichte schreiben. An einen Kurzkrimi für Ralf Kramp denken.
Und dann ist da dieser Tod im Schnee...
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Donnerstag, 7. Dezember 2006
Es ist vollbracht. Heute mit Thomas Tebbe zusammen den Klappentext abgesegnet. Jetzt geht "Doppelte Schuld" in den Druck. Nicht fehlerfrei, nein, das wäre ja auch unnatürlich: im "Dank" fehlt ein Name völlig: Albert Sellner, der Autor des erstaunlichen und überaus hilfreichen "Immerwährenden Päpstekalenders", der mich, was die bosnischen Heiligen betrifft, auf den Stand gebracht hat. Und Andreas Förster hat man eines "s" beraubt.
Aber nach der zweiten Auflage ist all das vergessen.
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Mittwoch, 22. November 2006
Soeben die Fahnenkorrektur von "Doppelte Schuld" beendet. Und das ist immer noch nicht das Ende... Nächste Woche gibt es den letzten Durchgang - und dann geht das Buch in den Druck. Endlich.
Was jetzt?
Heute abend erstmal zum SWR, "Quergefragt". Diskussion mit Uschi Glas, Helmuth Karasek und Daniel Bahr über die ewige Frage, ob Älterwerden saublöd ist oder auch den einen oder anderen Vorteil hat. Bei mir hängt die Antwort auf die Frage ganz von der Tagesform ab...
Am Wochenende nach Speyer - dort hat die "Dicke Luft" meinen "Sauberen Abgang" inszeniert, sie spielen, ich lese, am Samstag und am Sonntag.
Und dann?
Ans neue Buch gehen. Nichts ist schöner, als im dunklen Dezember und hoffentlich eiskalten Januar einen neuen Plot zu stricken.
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Samstag, 11. November 2006
In Frankreich feiert man heute das Ende des Ersten Weltkriegs – 88 Jahre nach dem Waffenstillstand. Der Weltkrieg als Urkatastrophe und Beginn der meisten der anderen Katastrophen des 20. Jahrhunderts – in Großbritannien und Frankreich erinnert man sich noch heute überaus intensiv an diesen Krieg, der für beide Nationen noch immer der „Große“ ist. Alljährlich pilgern Briten und Franzosen zu den Schauplätzen der Somme-Schlacht; seltener kommen die Deutschen, um sich über den Gräbern von Verdun zu versöhnen (für die Franzosen war die damalige Geste Mitterands und Kohls keineswegs so abwegig wie für die kriegsvergessenen Deutschen).
Für die Deutschen und die Russen nimmt natürlich der zweite Weltkrieg einen weit größeren Platz ein. Die Opferzahl war insbesondere auf Seiten der Russen, aber auch der Deutschen gigantisch. Die Briten hingegen kostete der zweite Weltkrieg vergleichsweise erheblich weniger Opfer (ich habe gerade das ziemlich erschütternde Buch von Catherine Merridale über die Rote Armee, „Iwans Krieg“, gelesen und rezensiert). Der Abschied vom Empire begann zudem 1914, nicht 1939.
Deshalb die größere Präsenz des Ersten Weltkriegs in der britischen Literatur (mal abgesehen vom großartigen „Enigma“ von Robert Harris, das den im 2. Weltkrieg von allen Seiten verratenen und verkauften Polen ein Denkmal setzt). Die ungemein packenden Kriminalromane von Charles Todd haben mit Inspektor Rutledge einen britischen Veteranen des Ersten Weltkriegs zur Hauptfigur, die Bücher spielen in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Der traumatisierte Rutledge denkt (und spricht manchmal auch) mit zwei Stimmen (ein Geniestreich übrigens auch krimitechnisch): Sein Bewußtsein hat Hamish inkorporiert, einen nüchternen schottischen Untergebenen, der aus Gründen der Schonung seiner Soldaten einen Befehl mißachtet und deshalb von Rutledge vor ein Erschießungskommando gestellt wird. Im Moment des Feuerbefehls aber endet ein deutscher Artillerieangriffs Hamishs und beinahe auch Rutledges Leben. Seither lebt Hamish als dessen innere Stimme weiter.
Was für ein Stoff! Und auch noch großartig erzählt... Stoff seltsamerweise nur für die Briten, nicht für die deutschen Krimiautoren. In Deutschland hat man den ersten Weltkrieg vergessen – und auch die Tatsache, daß die deutschen Soldaten ganz ebenso zu den Opfern dieser „Blutmühle“ gehörten wie die britischen und später die amerikanischen.
Krieg als Ausgangspunkt für ein kriminalistisches Unternehmen: das ist auch das beeindruckende und gänsehauterzeugende Kernstück von Ulrich Wickerts sehr gelungenem ersten Krimi „Der Richter aus Paris“. Es führt uns in den Vietnamkrieg, als noch die Franzosen ihn verloren. Ein französischer Kommunist und Kollaborateur schurigelt in einem nordvietnamesischen Lager im Auftrag der Vietnamesen seine Landsleute – späte Rache ist die Folge.
Das, denke ich immer wieder, ist der Grund, warum wir Krimis lesen und schreiben: das Genre ist eine gute Form, um die Verstrickung der Individuen in die Großen Ereignisse zu zeigen, wie sie fortwirken und zu Schicksal werden. Oder?
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Samstag, 4. November 2006
Wickerts Bücher. Am 2. 11. in der ARD. Wir hatten uns vor der Sendung und nach der Sendung viel zu sagen und verdammt gute Laune - Henry Hübchen und Friedrich Ani und Uli Wickert und yours truely. Aber: Eine halbe Stunde Sendezeit ist zu kurz, um sich einander überhaupt anzunähern. Und, ehrlich gesagt: wie soll man in dieser kurzen Zeit plausibel machen, was man so treibt als Autor von Kriminalromanen? Und was im jüngsten Werk so alles drinsteht? Und wie, bitteschön, hätte man auch noch kontrovers diskutieren sollen, was es auf sich hat mit dem Krimi im besonderen und allgemeinen?
Reich-Ranickis Büchershow lebte offenbar vom Krawallfaktor. Unterhaltsam mag das sein, aber wieso soll es eigentlich nicht erlaubt sein, über Bücher in aller Ruhe zu reden?
Jedenfalls hat die Sendung alle möglichen schönen Nebeneffekte gehabt. Einer davon: Wickert schreibt verdammt gute Kriminalromane. Wer hätte das gedacht? Sie nicht, ich nicht? Vorurteile gehabt? Dabei: wieso eigentlich nicht? Warum soll ein Mensch mit Verstand und Erfahrung keine guten Krimis schreiben?
Wickert jedenfalls ist allemal empfehlenswerter als die fürchterlich geschwätzigen Veit-Heinichen-Schmonzetten, so nett der Autor selbst auch sein mag.
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Montag, 30. Oktober 2006
Wann ist man erwachsen? Wenn das erste Kind geboren ist?
Ich – kann da nicht mitreden und kenne aus meinem Freundeskreis genug Gegenbeispiele.
Wenn die eigenen Eltern sterben?
Vielleicht.
Aber intensiver und dramatischer empfinde ich im Moment, ihr Altern mitzuerleben.
Meinen Vater hat vor sechs Jahren ein Schlaganfall aus einem geistig und körperlich sehr aktiven Leben gerissen. Heute sitzt er beinlos im Rollstuhl, durchblättert die FAZ nur noch, erkennt mich selten. Kürzlich schien er zu wissen, wer ich bin, fragte mich, wie es mir gehe, und sagte auf meine Antwort („Blendend geht es mir, Vater! Aber klar doch!“): „Willkommen im Reich der Zufriedenen.“
Meine Mutter erlebt ihren körperlichen Verfall bei vollem Bewußtsein. Sie leidet darunter, daß sie nicht mehr so kann, wie sie will – wie ein Kind, das noch nicht so kann, wie es gerne möchte. Man spürt ihren ungeheuren Zorn auf den Verlust vieler für selbstverständlich gehaltenen Dinge: daß man gehen kann, kauen kann, sehen kann, sprechen kann.
Das Buch „Älter werden“ von Silvia Bovenschen enthält beruhigende wie überaus beunruhigende Gedankensplitter zu diesem Phänomen: im Kopf sind wir ganz anders, als unser Körper uns diktiert. Im Kopf gibt es die Schranken nicht, die wir physisch erleben.
Und ich? Ich frage mich, welche Haltung man zu dem entwickelt, was das Schicksal bereithält. Ob man hadert oder ins Reich der Zufriedenen einkehrt.
Erwachsen machen solche Gedanken wahrscheinlich nicht. Aber man fühlt sich manchmal verdammt alt dabei.
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Freitag, 20. Oktober 2006
Und jetzt muß ich doch noch Uli Wickert und Veit Heinichen lesen... Wegen "Wickerts Bücher", 2. November, 23.15, ARD - leider ist John Le Carré nicht dabei, dafür Henry Hübchen und Friedrich Ani und yours truely. Haben wir uns was zu sagen? Aber unter Garantie. Ich alter Fernsehverweigerer habe zwar noch nie Elke Heidenreich gesehen und höchstens zweimal das Literarische Quartett, aber mir soll's recht sein, wenn es um Bücher geht in der Glotze, die ich genau deshalb nicht besitze, weil ich Bücher vorziehe.
Sie fressen keinen Strom, man kann sie überall mit hinnehmen und man könnte sogar Rotwein über ihnen ausschütten, ohne daß sie ihren Geist aufgeben. Give me books anytime.
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Montag, 16. Oktober 2006
Die Arbeit an einem Buch ist nicht vorbei, bevor nicht die Fahnenkorrektur hinter einem liegt. Soweit bin ich mit "Doppelte Schuld" noch längst nicht. Jetzt geht es erstmal darum, die Vorschläge des Lektorats und des Spin-Doctors zu ver- und gegebenenfalls einzuarbeiten.
Das ist das letzte Polieren am Manuskript, nach einem Abstand von gut einem Monat. Der letzte Schliff gehört zu den schönsten Abschnitten des Schreibens - zumal, wenn draußen so ein wunderbarer Herbst vor einem blauen Himmel steht: das ist schon ein bißchen wie das Einfahren der Ernte.
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Samstag, 14. Oktober 2006
Freitag, der 13. Ein guter Tag. Abends die Big Gentlemen's Crime Late Nite im Alten Schlachthof in Soest - vor einem ausverkauften Haus und zugleich live im WDR 5. Norbert Horst, Bernhard Jaumann, Jürgen Lodemann und Robert Hültner machen ihre Sache großartig. Eine richtig schöne Show.
Und heute? Noch ist es warm, sonnig. Die letzten Äpfel geerntet. Rosi und Nicole schütteln die Äpfel vom Baum, die ich mit dem Pflücker nicht erwischen konnte, und bringt sie zum Mosten.
Und dann ein kleines Malheur: Alle Emails und SMS der letzten Jahre futsch, auf beiden Rechnern und dem neuen Mobiltelefon. Shit happens. Aber was für ein Gefühl der Befreiung! Manchmal muß man sich eben trennen können, auch von Erinnerungen.
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Mittwoch, 11. Oktober 2006
Von der Rhön her zieht ein riesiger Keil Wildgänse heran und vorbei - Sehnsuchtsgeräusche, Stimmfühlungslaute. Was mich wehmütig stimmt im Herbst? Daß die Tage so kurz werden. Die Aussicht auf einen weißen kalten Winter schreckt mich nicht - alles geht wieder aufwärts, wenn es erst Januar ist.
Aber die Tage bis zum 21. 12. werden wir auch noch mit Anstand hinter uns bringen.
Und nach diesem Oktober wird der Wein heuer wieder großartig.
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Dienstag, 10. Oktober 2006
Die Buchmesse ist eine wunderbare Veranstaltung, auch wenn man immer ein paar Tage Erholung braucht, wenn sie vorbei ist. Durch die Gänge defilieren, mit meiner Lieblingbestsellerautorin Rebecca Gablé schwätzen oder mit Lore Kleinert von Radio Bremen, mit Henryk Broder oder Thea Dorn quatschen, bei Ralf Kramp und einem wunderbaren Cappuccino Asyl finden, desgleichen bei der Literarischen Welt. Dort lange mit Gerhard Beckmann geredet, später mit Ulrich Sonnenschein bei "Epoca" den einzig brauchbaren Perlwein der Messe getrunken ( Bouvet-Ladubay). Die Party bei Randomhouse im Bockenheimer Depot war außerordentlich nett, man konnte sogar Luft holen. Der einzige Schönheitsfehler: ich war erkältet und mußte jeden Abend lesen. Auch gestern. Auch heute.
Von Depression auf dem Buchmarkt habe ich wiedermal nichts mitgekriegt. Gut - mancher Mist müßte nicht gedruckt werden, aber der größere Rest findet seine Leser. Und auch die waren da.
Jetzt noch das Manuskript überarbeiten. Ende des Monats geht "Doppelte Schuld" in Druck. Dann zehn Tage durch die Cevennen wandern und zuschauen, wie die Ideen angeflogen kommen. Und dann: auf ein Neues...
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Samstag, 7. Oktober 2006
Die für mich schönste Nachricht der Buchmesse: "Doppelte Schuld" wird als Hörbuch eingelesen - von der großartigen Andrea Sawatzki.
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Dienstag, 3. Oktober 2006
Jetzt kann man wieder um die deutschen Winzer zittern - seit vorgestern regnets am Stück. Gut, daß es außer dem Landleben noch die Stadt gibt. Gestern bei der Verleihung des Bücherpreises im Frankfurter Römer: wenn man's nicht zu oft tut, macht das Spaß, das Bad in der Menge der Literaturszene. Alle sind da, klar: und bei dem einen oder anderen freut es einen wirklich, ihn und sie wiederzusehen.
"Mein Lektor!" "Mein Verleger!" ruft es da wie bei anderen Leuten "Meine Frau!" oder "mein Auto" erschallt. Sehr belebend.
Heute stille Einkehr bei der vierteljährlichen Steuergestaltung. Und morgen Plattfüße auf der Buchmesse. Was für Verleger und Journalisten harte Arbeit sein mag, ist für unsereins helle Freude. Man ist nicht wirklich wichtig und auch nicht völlig unwichtig, schwebt von Stand zu Event und wieder zurück, trinkt abends meistens ein Glas zuviel und freut sich auf Barbara Heinzius und Lore Kleinert und Thommie Bayer und Thomas Tebbe und Elmar Krekeler und Monika Reile und Moritz Neuner-Duttenhoifer und Martina Meuth und Siv Bublitz. Und auf Wolfgang Ferchl und Joachim Unseld und auf...
Das sind dann so Momente, wo sogar spröde Norddeutsche wie yours truely zum du übergehen. In ausgesuchten Fällen. Santé, Elmar!
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Samstag, 23. September 2006
Wahrscheinlich bin ich ein Herbstmensch. Tage wie diese machen mich euphorisch: am Mittwoch und Donnerstag Erntefest auf der Zeil in Frankfurt, Zebus bewundern, Ziegen streicheln, neugierige Ferkelchen tätscheln, mit Freunden ein Glas Wein trinken, Geri (www.ichliebefrankfurt.de) treffen und Jörg (www.herbertsmuehle.de)
Am Freitag im Vogelsberg in der Abendsonne auf dem Hochsitz hocken und in die Landschaft starren, begleitet von Nikita, der nicht mehr ganz männlichen Muse, dazu ein Glas Spätburgunder Rosé vom Weingut Knab.
Heute Bohnen und Zucchini ernten - bei mir wächst nicht viel anderes, nur das Pflegeleichte - und einmachen. Selbst die langweiligen Zucchini werden mit ein paar exotischen Gewürzen wie Curcuma oder Cumin und mit Essig und frischen Chilis eßbar. Nebenbei köchelt die Kalbszunge vor sich hin und die kleinen roten Bete, die mir Martha von nebenan geschenkt hat, liegen im Sud mit Ingwer und Lorbeer.
In der Abendsonne fahrradfahren. Später Lammhack anbraten und zu Bohnengemüse essen.
Das ist so in etwa, wie ich mir das Leben Paul Bremers vorstelle. Vielleicht sollte der nächste Roman doch wieder auf dem Land spielen??? Damit ich auch mal wieder zum Kochen komme?
Aber - naja: die Idylle hier ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Ab dem 30. September geht der ganze Zirkus wieder los und kulminiert in der Buchmesse, mein Lieblingsevent nach "Mord am Hellweg" und "Criminale". Apropos Zirkus: schöne Bilder von der Eröffnungsgala zum diesjährigen "Mord am Hellweg"- Krimifestival auf der Website des MaH: http://autorennetz-nrw.de/mah3/html/index.php?module=Photoshare&func=showimages&fid=14 .
Eine Auswahl hier unter Persönlich/Aktionnen: zum Beispiel yours truely mit dem wunderbaren Kollegen Ralf Kramp und der großartigen Superband Mnozil Brass...
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Donnerstag, 14. September 2006
Heute müßten eigentlich 50 Bücher signiert werden, die jemand seinen Geschäftsfreunden und Mitarbeitern zu Weihnachten schenken möchte - was für eine gute Idee. Aber leider läßt die Post mit den 50 Exemplaren von "Sauberer Abgang" auf sich warten.
Also im Garten sitzen. Nicht richtig viel tun. Zuhören, wie die Äpfel und Birnen von den Bäumen fallen und auf dem Asphalt zerplatzen. Und über das nächste Buch nachdenken.
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Mittwoch, 6. September 2006
Es ist vollbracht. Das letzte Kapitel ist soeben an den Lektor gegangen. Und genau für diesen Fall liegt er bereit: ein Bouvet-Ladubay Zéro von der Loire.
Santé.
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Donnerstag, 31. August 2006
Laurac, Ardéche.
Morgens um 6 Uhr 30 wirft der Nachbar sein Moped an, das dauert, dann knattert er einmal ums Haus herum, bevor er sich in die Weiten der benachbarten Zones d’activité wirft. Noch einmal auf die Seite drehen und die Augen schließen.
Um sieben schlägt die Uhr am Kirchturm, wie zu jeder vollen Stunde, zweimal, falls jemand beim ersten Mal zu zählen vergessen hat. Minuten später weitere drei Schläge, dreimal wiederholt – bevor das Siebenuhrläuten losdonnert. Alle Hunde in der Nachbarschaft heulen mit, wie auch abends, wenn es das ganze Spektakel noch einmal gibt. Umso leichter steht es sich auf.
Ein Schimmer hinter den Felsen gegenüber kündigt die aufgehende Sonne an, die Katzen werden unruhig. Nach dem Füttern der Tiere Teetrinken auf der Veranda, bis die Morgensonne blendet, dabei die Zeitung von vorgestern lesen und dem netten alten Herrn von nebenan beim Holzsägen zuhören. Der andere Nachbar ist auch schon wach, man hört es am lauten Gähnen und dem Räuspern und Ausspucken.
Nichts könnte beruhigender sein als eine dörfliche Klangkulisse, alles hat seine Zeit und seine Ordnung, auch das Telefon des Nachbarn, das nicht klingelt oder schmettert oder tönt, sondern irgendwelche Obszönitäten schnarrt, die ich nicht verstehe, so gut ist mein Französisch nicht. Das Leben der anderen strukturiert meinen Tag.
Mittags das Zwölfuhrläuten, die Hunde heulen schon weniger begeistert. Und nun stört nichts mehr die Mittagsruhe. Fast nichts. Das Grollen einer Zweierformation der Force de Frappe kann man nicht unter Störung rechnen, das ist in Frankreich ein Friedensgeräusch. Von der Auberge de Piles zwei Straßen unterhalb wehen Tischgespräche und das Klirren von Besteck auf Geschirr hoch zu mir, die Touristen sind schon fort, aber noch sitzen die Einheimischen draußen auf der Terrasse. Trotz Mistral, der kalt weht, aber die Wolken vertrieben hat vom hellblauen Himmel.
Und jetzt ist sogar der Wind abgeflaut. Nichts hindert mich mehr. Es ist fünf vor zwölf, Highnoon. Zeit für den Showdown.
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Donnerstag, 24. August 2006
Pause. Muß sein. Gerade in diesem Moment, in dem klar wird, wie der allerschrecklichste Schluß des neuen Romans aussehen muß.
Noch einmal Abstand gewinnen und der Nähe ausweichen zu den eigenen Gestalten. Atem schöpfen und die Sachen packen. Am Sonntag geht es für die letzte Etappe nach Frankreich.
Aber nichts, was man tun könnte, ist so dringlich wie das Weiterschreiben. Entspannen? Wie geht das?
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Dienstag, 22. August 2006
Ja, der Günter Grass. Da ich ihn nie für eine moralische Instanz gehalten, höchstens für einen aufgeblasenen Selbstdarsteller, und er mir auch als Dichter nicht nahegekommen ist, kann ich mich wenig erregen über die SS-Selbstenthüllung. Als Marketingstrategie klappt das ja und mangelnde Aufmerksamkeit muß der eitle Greis auch nicht beklagen.
Was mich weit mehr irritiert ist das Gegreine der jüngeren Schriftsteller, die der Welt weinerlich mitteilen , jetzt seien sie mal dran mit ein bisserl Aufmerksamkeit. Aber wofür? Grass und Walser und Muschg und Jens und Co. haben die Feuilletons dominiert aufgrund ihres Selbstdarstellungstalents und der Chuzpe, mit der vor allem ersterer, aber auch letztere die Letztinstanzlichkeit in Fragen der politischen Moral beanspruchten. Das mache ihnen mal jemand nach. Und wer's versucht, macht sich lächerlich. Wo, bitte, liegt heute das Prickelnde im mutigen Bekenntnis zu irgendeinem grünen oder roten Glaubenssatz? Und was interessiert noch an "Dichter für den Frieden" oder "Kopfarbeiter für Rotgrün"? Zugegeben: auch die Altvorderen haben lediglich behauptet, mutig zu sein. Aber heute ist das alles erst recht Gratismut geworden. (Natürlich, wie man an Walser sieht, auch das Gegenteil. Um den Mißbrauch des Auschwitz-Arguments zu kritisieren, braucht es keinen Mut, höchstens Feingefühl.) Und Juli Zeh oder Daniel Kehlmann müssen erst beweisen, daß sie unterhaltsamer sind als die alten Feuilletonlöwen.
Wieso ein Schriftsteller das Gewissen der Nation sein soll oder auch überhaupt nur eine verläßliche Auskunftei zur politischen Lage, hat mir nie eingeleuchtet. Ist nicht das Geschäft des Schriftstellers, seine Leser an Einzelschicksalen teilnehmen zu lassen? Die politjschen Verallgemeinerungen sind das Geschäft der politisch-publizistischen Klasse. Und die politischen Neigungen des Dichters seien seine Privatangelegenheit.
Daß das Dichten politisch sei, kommt mir immer wieder vor wie der verhallende Ruf aus einer Zeit, in der Politik als heroische Lebensentscheidung mißverstanden wurde und das Politische alles durchdringen sollte. Seinen Widergänger fand dieses totalitäre Verständnis von Politik im Ruf "DAs Private ist politisch!" Selbst wenn damit einst etwas anderes gemeint war: es ist ein Spruch, der Privatheit denunziert. Das Recht auf Privatheit aber ist ebenso hart erkämpft wie das Recht auf politische Betätigung.
Bezeichnend, daß Grass es als Vorteil empfindet, daß man nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reichs die Deutschen in der DDR erneut mit einer handlichen politischen Ideologie versorgt hat, während man die armen Bundesrepublikaner mit der Gruppe 47 und Adenauer alleingelassen hat. Was für ein Rezept! Man tausche die faschistische Politisierung einfach gegen die antifaschistische Politisierung aller Lebensbereiche aus und schon haben wir den neuen Menschen. Ein "Widerstand" gegen das Totalitäre, der sich aus rein privaten Motiven oder gar religiösen Überzeugungen speiste, scheint mir da in vieler Hinsicht verläßlicher (gewesen) zu sein.
Warum mich das so beschäftigt? Einmal sowieso. Zum anderen, weil meine Heldin mit ihren 84 Jahren noch immer mit der Frage zu tun hat, warum sie ihren Wunsch nach einem privaten Leben immer wieder der GanzGroßenSache geopfert hat.
Dem privaten Mitgefühl ist die Verwirrung eines 17jährigen, die ihn in die Waffen-SS geführt hat. durchaus zugänglich. Aber an der vollständigen Politisierung solcher Entscheidung hat der Dichter Grass selbst mitgewirkt, der kaum jemandem in ähnlicher Verstrickung the benefit of the doubt zuteilwerden ließ.Ohne das hätte man Mitleid auch mit ihm haben können - ebenso wie mit einigen anderen jungen Soldaten auf dem Friedhof von Bitburg. Im Falle von Grass hieße das Mitleid: "There for the grace of god lie I".
Wenn man sich das Schicksal der Frundsberger ansieht, dann hat der Grass ein geradezu unwahrscheinliches Glück gehabt. Warum ihn das nicht demütig , sondern hochfahrend gemacht hat, ist das eigentliche Rätsel.
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Donnerstag, 17. August 2006
Das waren spannende Jahre mit dem Verlag Antje Kunstmann. Im August vor exakt zehn Jahren wurde in der Frankfurter Kiesstraße mit Antje Kunstmann die Idee geboren, es mit dem Krimischreiben zu versuchen. Jetzt, nach sechs Romanen bei Kunstmann, ist es Zeit für etwas Neues.
Eben habe ich den Vertrag mit dem List Verlag unterschrieben und in den Briefkasten geworfen. Die Verlegerin Siv Bublitz kenne und schätze ich schon lange. Ich freue mich auf neue Inspiration.
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Mittwoch, 16. August 2006
Es gibt das Böse. Es ist schwarz und Nachbars Kater. Es kommt aus der Tiefe des Raumes, gerne abends, kein Mond am Himmel, dafür Sterne (endlich wieder) - es kommt abends aus dem Hinterhalt und greift an. Z. B. heilige Birmakatz en, auf dem Weg einmal ums Dorf rum, das machen wir hier öfters, meine Musen und ich. Das Geschrei ist entsetzlich, der Kampf geht unentschieden aus, der Schwarze liegt schwer atmend an der Friedhofshecke, auch ihn scheint die eigene Attacke gefordert - erregt? - zu haben, die heilige Birmakatze trottet nach Hause, ich, frustriert, hinterher, wäre gerne die ganze Schleife gegangen. War das Wilhelm Busch, der mal behauptet hat, der Friedlichste könne nicht in Ruhe... wenn der liebe Nachbar es nicht will? Nein, irgendwelche Parallelen zur großen häßlichen Welt da draußen sind nicht gemeint. Hier ist Dorf, alles kleine Konflikte, niemand liegt in seinem Blut. Trotzdem: wie sehr können diese Kleinigkeiten die Stimmung zerstören, dieses kleine Wohlgefühl der Rituale, diese schöne nette Spießeridylle. "Wenn ich groß bin, will ich auch Spießer werden" - war ne tolle Reklame, das.
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Mittwoch, 9. August 2006
Bei der kleinen Schleife durch den Vogelsberg ein Wiesel angetroffen, drei Hunde und acht russische Babas. Die Frühäpfel sind reif.
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Montag, 7. August 2006
Die Sonne scheint verhalten heute hier im Vogelsberg, bei äußerst angenehmen 24 Grad - das hilft beim Arbeiten. Die Einkäufe für die Woche sind erledigt - jetzt kann man sich geruhsam verbunkern und schreiben, bis das Notebook qualmt... Draußen unter dem Sonnenschirm, natürlich. Man kann sich so schön ablenken lassen von den ewig schwatzenden Schwalben, dem Wachsen von Bohnen und Unkraut und dem schweren Gerät der Nachbarn, das dampfend über die Dorfstraße kachelt. Alles in allem ein überaus inspirierendes Ambiente. Lästigkeiten gibt es natürlich auch: der Drucker spinnt - neuerdings weiß ich, wie lästig "Gerätefehler 41" sein kann. Stecker ziehen, warten, erneuter Versuch. Das ist die empfindliche Elektronik, vermute ich mal. Und wer fragt mich, wie empfindlich ich bin?
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Dienstag, 1. August 2006
Das Wetter ist ideal zum Fahrradfahren. Needless to say, daß ich auch heute morgen "kraftvoll angetreten" bin und mich die Landbevölkerung nicht alle Naselang überholt hat, obwohl ich, zugegeben, an den allzu heißen Tagen lieber nicht durch die nicht ganz hügelfreie Landschaft des Vogelsbergs gekloppt bin. Ozon und allgemeine Faulheit... Fahrradfahren ist erstklassiger Stoff fürs Arbeiten, Doping, sozusagen. Und wenn einem dann noch eine kleine Smaragdeidechse über den Weg huscht, ist das Vormittagsglück vollkommen. Nein, keine Angst, kein weiteres Wort zu Doping usw. Dennoch kein Mitleid mit allen Kollegen, die sich ihr Pseudonym nach Floyd Landis oder Jan Ulrich gegeben haben. Nicht nur in der Literatur erweist sich manches als Mogelpackung
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Dienstag, 25. Juli 2006
Seltsame These, gefunden im "Spiegel" dieser Woche: es gebe eine neue Versöhnlichkeit zwischen den älteren und den jüngeren Generationen, zu sehen in Kino und Fernsehen. Die gesammelten Fundstücke deuten allerdings eher daraufhin, daß Jüngere die Spuren des Lebens nicht mehr pauschal unattraktiv finden und man das mittlerweile auch zeigen und sehen darf. Wenn es denn stimmte, wäre es plausibel. Die Älteren sind heute nicht mehr sozial unsichtbar, und die Jüngeren dominieren allein aufgrund ihrer abnehmenden Zahl nicht mehr ohne weiteres das Bild. Da muß man sich dann eben arrangieren, wenn es unvermeidlich geworden ist, daß man eine ziemlich lange Zeitspanne miteinander verbringt. Ob man als Autor irgendwie im Trend liegt, ist einem beim Schreiben meistens herzlich egal - jedenfalls mir. Aber es fällt schon auf, daß mir niemand mehr sagt, eine 84jährige Heldin sei für die "Zielgruppe" der Leserschaft uninteressant. Man ist nunmal heutzutage nicht mehr automatisch scheintot oder im Vegetable-Stadium, wenn man mehr als 70 Erfahrungsjahrzehnte auf dem Buckel hat. Andererseits ist Mary Nowak, mit viel Selbstironie, aber auch mit verdächtig zunehmendem Erinnerungsvermögen ausgestattet, eine kalte, Taichi-bewaffnete Strategin einerseits, eine gefühlige Romantikerin andererseits, manchmal ein wenig too good to be true. Dafür aber tauglich zum Rollenmodell: so sieht er eben heute aus, der Prototyp der unwürdigen Greisin.
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Donnerstag, 20. Juli 2006
Ich träume von Seewasser, Fischrestaurants und kühlem Rosè. Gute Gespräche wären auch recht. Aber heute geht’s bei 33-36 Grad von Frankfurt nach Oldenburg (ich segne die Klimaanlage im Auto), nach Osnabrück, nach Fallersleben und zurück.
Aber nächste Woche dann wieder die Vorzüge eines kleinen hutzligen Fachwerkhauses im entspannten Vogelsberg genießen: wenn man’s geschickt anstellt, bleibt es drinnen den ganzen Tag kühl. Dazu der blaue Himmel... der Duft des Geißblatts abends... und meine Nachbarn donnern mit schwerem Gerät durchs Dorf...
Was für ein Sommer! Ich gebe zu: fürs Fahrradfahren bin ich zur Zeit zu faul, mir reicht es, im Mini-Garten herumzupottern und die täglichen Bohnen und Zucchini und Johannisbeeren zu ernten (die Äpfel- und Birnenernte wird dieses Jahr gigantisch). Abends dann mit den Katzen in die Flußaue, Sonnenuntergang gucken.
Aber vor allem knechte ich an „Doppelte Schuld“, eine überaus vergnügliche Angelegenheit. Mitte September ist Schicht – und dann geht das öffentliche Leben wieder los. Mein Terminkalender sieht wie das aus, was Amerikaner eine Herausforderung nennen würden. Puuuhhh.
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Montag, 10. Juli 2006
Ach, Zizou. Warum hast Du das Dir und den anderen angetan? Frankreich trägt Trauer. Und wir suchen hierzulande auch in anderen Bereichen des Lebens nach dem Klinsmann-Faktor...
Also wird mit Leidenschaft und dem Deuser-Band weitergeschrieben. Ich wünschte nur, ich verstünde mehr von Tai-Chi, das zu einem wichtigen dramaturgischen Band geworden ist in "Doppelte Schuld". Erst nur gedacht als das, was Elisabeth George einen THAD nennt ("Talking Heads Avoidance Device") ist mittlerweile weit mehr als das. So kann es einem gehen. Jetzt wäre fachkundige Beratung was Schönes...
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Freitag, 7. Juli 2006
Christoph Schramm von "common" hat meine Website neu gestaltet - und das finde ich nicht nur richtig schön, die Zusammenarbeit hat auch noch Spaß gemacht - was will man mehr...
Noch sind wir nicht mit allem zufrieden - die Rubrik "Hören und Sehen" bedarf noch einiger Zuwendung - aber wir haben beschlossen, unsere Fleißarbeit jetzt schon online zu stellen. Perfektion gibt's eh nicht.
Hauptsache, wir waren mit Hingabe, Leidenschaft und Partyotismus am Werk. Oder?
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Mittwoch, 5. Juli
Irgendeines der vielen Gläser gestern war schlecht. Ich sitze im Garten am Notebook und bin über jede Wolke froh, die sich am Himmel blicken läßt.
Ach, ich hätte es uns so gegönnt. Zugegeben: die Italiener waren den ganz kleinen Tick besser. Aber das zweite Tor wäre nicht nötig gewesen, ehrlich.
Geht der Partyotismus jetzt weiter? Ich glaube doch. Und der Kampf um den 3. Platz wird großartig. Mit Frings.
Dienstag, 4. Juli
Was rauchten höhere Funktionäre in der DDR in den 50er Jahren? Club? Oder Westlullen? Die müßten vor dem Mauerbau doch noch relativ einfach zu haben gewesen sein?
Fragen über Fragen: gab es das DDR-Parfüm „Schwarzer Samt“ schon 1956? Welchen Wodka trank man damals – und wo stand die Datsche, in der man das tat? Am Müggelsee? Gelobt sei das Internet, wieder einmal, in dem fast alles zu finden ist – nur manchmal die kleinen, wichtigen Details nicht. Aber was man alles so findet auf dem Weg dahin! Reichlich DDR-Nostalgie, manchmal pittoresk, oft lehrreich, ab und an auch gruselig.
Public viewing heute abend bei den Nachbarn im Vogelsberg. Ich bin, zugegeben, etwas nervös – und beneide Georg Simader nicht, der sich das Spiel Deutschland gegen Italien als einziger Deutscher unter 1799 Italienern in Farnese angucken muß und tapfer vor seinem Haus die deutsche Flagge gehißt hat.
Aber was kann schon passieren? In Dortmund? Trotz des Verlustes von Torsten Frings?
Montag, 3. Juli
Klaus Kobberger versteht was von seinem Metier. Als Puristin bevorzuge ich zwar die Parfums von Serge Lutens – von Arabie über Un Bois Vanille bis neuerdings Gris Clair – aber es ist schon großartig, was die Parfümerie Kobberger sonst noch so zu bieten hat...
Ich suche einen Duft mit hohem Wiedererkennungswert, ein Merkmal meiner 84jährigen Heldin, einen Duft, den es auch Ende der 40er Jahre schon gibt. Je Reviens? Von Worth, 1932? Das brachten die Unteroffiziere ihren Geliebten mit – die Offiziere nahmen, natürlich, Chanels No 5 (die deutsche Antwort darauf lautete: Tosca!!!). Kobberger schlägt schließlich Vol de Nuit vor – einen Duft von Jacques Guerlain aus dem Jahr 1933, benannt nach „Nachtflug“, dem Roman des französischen Luftpostboten Antoine de Saint-Exupéry. Den hinreißenden Flakon ziert das Abbild eines Propellers kurz vorm Stillstand. Der Duft, steht in der Beschreibung, sei „eine vibrierende Huldigung an alle Frauen, die es verstehen, gekonnt Risiken einzugehen.“ Nichts könnte besser zu Mary Nowak passen.
Überhaupt macht die Recherche für „Doppelte Schuld“ besonderen Spaß. Ein absolutes Gift für die Disziplin und zugleich völligst unentbehrlich: Google Earth! Nach ausgiebigem Studium des Hauses meiner Eltern in Norddeutschland und befreundeter Anwesen – das Apfelgut von Martina Meuth und Moritz Neuner-Duttenhofer etwa oder die Herbertsmühle in der Rhön; nur mein Vogelsberger Dorf ist nicht in Detailansicht zu haben – besuche ich Bovey Tracey in Devon und stoße bis zum Saint Peter’s Close vor, der Straße, an der Mulberry Cottage liegt, in dem meine Heldin zwanzig glückliche Jahre verlebt hat. Natürlich würde ich am liebsten sofort nach England fahren. Aber Google Earth ist kein schlechter Ersatz, zumal der Anflug über den Ärmelkanal so schön ist.
Samstag, 1. Juli
Es war selten so schön, nach Deutschland zurückzukommen wie in diesem Sommer – trotz gemischter Gefühle. Am Donnerstag eine Lesung im voll besetzten Holzhausenschlößchen mit anschließender Diskussion mit den Damen der „Wendeltreppe“ und dem Tatort-Regisseur Niki Stein, die in Liebeserklärungen an Frankfurt mündete (und in der Zurückweisung der ewigen Behauptung, Frankfurt sei die kriminellste Stadt Deutschlands). Das Holzhausenschlößchen ist eh schon ein wunderbarer Veranstaltungsort – und dann noch das Wetter...
Am nächsten Tag, auf dem Weg zur Kuratoriumssitzung des Adorno-Preises bei der Oberbürgermeisterin, die Nachricht vom Tod Robert Gernhardts. Ja, wir wußten, wie krank er war. Aber nach dem Tod von Matthias Beltz, von Volker Kriegel, von Anne Bärenz und F. K. Waechter überkommt mich das Gefühl, im Herzen Frankfurts sei es wieder ein bißchen leerer geworden.
Gemischte Gefühle. Ich sitze im Metropolis, gucke mir die Übertragung des Spiels Deutschland gegen Argentinien an. Alles tobt. Bei der Nationalhymne bleiben nur die älteren Herrschaften sitzen, die Jungen stehen auf und singen mit. Wie immer die Sache ausgehen mag – das wird man Klinsis Jungs nie vergessen: diese absolut grandiose Stimmung während der Weltmeisterschaft. Und was spielen die Deutschen plötzlich für einen schönen Fußball! Das kommt sogar bei mir an. Habe noch nie soviel über Fußball gewußt wie heutzutage...
Was für ein Spiel. Was für ein verdienter Sieg. Ebenso verdient der Sieg der Portugiesen über die Briten – und Figo sieht immer noch so verdammt gut aus...
Klar spielen die Deutschen in Berlin. Gegen Frankreich. Wetten?
Samstag, 17. Juni
Ist heute nicht ein historisches Datum? War da nicht mal was??? 1953, zum Beispiel? Weshalb man jahrzehntelang am 17. Juni im Westen den „Tag der deutschen Einheit“ feierte?
Für die Fortsetzung von „Russisch Blut“ – das Buch heißt „Doppelte Schuld“ und erscheint im Frühjahr 2007 – tauche ich wieder einmal tief in der deutschen Geschichte unter – von der polnischen Besatzungszone im Emsland zwischen Mai 1945 und 1947 bis zur Geschichte der DDR. Stalins Tod, Aufstand 17. Juni, Prag 68 – und schließlich die Wende und die Pläne der Stasi, das eigene Überleben nach dem Untergang des Sozialismus zu retten. Stets faszinierend: die Rolle von Alexander Schalck-Golodkowski und die bereitwillige Hilfe, die er von westdeutschen Politikern wie Strauß und Schäuble empfing. Nicht nur in der SPD wurden die guten Beziehungen zur DDR schamlos gepflegt. Woraus man wohl folgern muß: die Bundesregierung erwies sich nach 1989 als durchaus erpreßbar.
Die Recherche ist spannend, besonders spannend diesmal. Wobei zu den schöneren Seiten ein Besuch in Blankenburg im Harz zählt, Vorbild für das „Blanckenburg“ des Romans. Von der Terrasse des getreu restaurierten Jugendstilhotels „Viktoria Louise“ aus blickt man direkt auf das Barockschloß, einst Sitz der Familie von Ernst August von Hannover. Was mit dem demolierten Prachtstück geschehen soll, ist noch immer unklar. Hätte man es doch Ernst August zurückgegeben! Dort waren Motivation und Geld vorhanden – was sich im übrigen in der großzügigen Spende schon 1990 für die Restaurierung der Bartholomäuskirche zeigte. Aber noch immer pflegt man Ressentiments gegenüber dem Adel – statt schlicht an das eigene Interesse zu denken. Ohne den Anziehungspunkt Schloß ist Blankenburg keine Touristenattraktion – dabei hätte der hübsche Ort, einst ein beliebtes Bad, das Zeug dazu. Aber jetzt stehen viel zu viele der zum Teil restaurierten alten Häuser leer, darunter das einstige Ladenlokal von „Möbel Unger“. Selbst im Sommer ist von Tourismus nicht viel zu spüren, die Barockgärten werden für Leute gepflegt, die wahrscheinlich ziemlich selten hindurchflanieren. Es geht ja auch nicht jeder Pariser permanent ins Centre Pompidou.
Gäbe es doch mehr Frauen wie Andrea Heres und Tanja Gräfling! Die eine hat das lange leerstehende Hotel „Viktoria Louise“ aufgebaut, auf dessen Terrasse man in der Abendsonne sitzt. Die andere hat das Rittergut der Vorfahren, Rittergut Cattenstedt, Stück für Stück zurückgekauft. Man wünscht ihnen Glück, viel davon.
Für Fußball interessiere ich mich sonst nicht, aber die Volksfeststimmung in Deutschland ist einfach großartig. Ein heißer Tag in Berlin, alles feiert. Und die deutsche Mannschaft spielt sogar Fußball...
Jetzt noch einmal für zwei Wochen zurück in Laurac.
Samstag, 3. Juni
Was mich viel mehr beschäftigt als die Frage, ob Peter Handke den Heinrich-Heine-Preis bekommen soll oder nicht: der Streit zwischen Feridun Zaimoglu und Ermine Özdamar. Die eine hat ein großartiges Buch geschrieben, erschienen vor mehr als zehn Jahren, der andere auch, „Leyla“, erschienen im Frühjahr. Özdamar hat mittlerweile festgestellt, daß es verblüffende Übereinstimmungen gibt zwischen beiden Büchern. Die Evidenzen scheinen ihr recht zu geben. Ein Plagiat, und sei es ein halbbewußtes, wäre schlimm genug. Aber es geht wohl um mehr – um die Angst, von seiner Geschichte enteignet worden zu sein. Özdamar fühlt sich um ihre Biografie betrogen ebenso wie Zaimoglus Mutter, deren Geschichte ihr Sohn aufgeschrieben haben will, und die sie ebenfalls für einmalig hält. Nicht für exemplarisch. Und bei aller Vergleichbarkeit der Geschichte zweier Frauen, die sich aus dem traditionellen türkischen Milieu befreit haben: keine Lebensgeschichte ist bis in die Details einer anderen gleich. Oder ist das bloß ein frommer Glaube, eine Einbildung von Menschen, die glauben, sie hätten ein Schicksal, dabei ist es nur ein Leben?
Vielleicht berührt mich das deshalb so, weil ich bislang glaubte (und glaube), daß Romane radikal ums Einzelschicksal kreisen. Wer will schon Literatur lesen, in der es bloß ums Exempel, also um eine verallgemeinerbare Lehre, geht? Der Leser identifiziert sich mit dem Besonderen, nicht mit der bloßen Verkörperung soziologischer Daten. Sonst könnte man ja gleich Statistiken und Sozialerhebungen lesen. Einer der Gründe, warum ich den pädagogischen Mißbrauch insbesondere des Krimi-Genres nicht mag: der Tod ist individuell und die Neigung insbesondere der Leute aus Mankells Schule, ihren (erfundenen!) Mordgeschichten Exemplarisches anzuhängen – „seht her, so schlecht ist die Gesellschaft“ – halte ich für anmaßend.
Es zeichnet doch den Krimi aus, daß er nicht Kriminalitätsstatistiken abbildet. Sonst wäre er auch ziemlich langweilig bzw. wäre ihm längst schon der Stoff ausgegangen: denn während das Genre boomt, geht die Gewaltkriminalität zurück. Im Gegensatz dazu geht der Medientrend zur Generalisierung jedes schrecklichen Einzelfalls – was zu ständig steigenden „gefühlten“ Kriminalitätsraten führt und zu markigen Kanzlersprüchen wie „Wegsperren, für immer“.
Die Autorin und Expertin in puncto Gewaltkriminalität Sabine Rückert hat in einem überaus lesenswerten Essay in der „Zeit“ gezeigt, daß die zunehmende Hysterisierung und politischer Populismus dazu geführt haben, daß immer mehr Menschen zu immer längeren Gefängnisstrafen verurteilt werden, obwohl die Zahl der Verbrechen sinkt. Auch das hat sicher damit zu tun, daß jede einzelne Tat als Symptom gelesen wird, ganz wie in den 70ern, als es Mode war, die Gesellschaft für die Verbrechen des einzelnen verantwortlich zu machen. Rückert: „In Deutschland werden sehr wenige Sexualmorde begangen, es sind etwa 20 pro Jahr. Trotzdem wird fast jeder einzelne von einem Medienorchester beleitet, das den Eindruck vermittelt, die Republik sei ein Paradies für Gesetzlose, vor allem für Treibtäter.“
Auch Staatsanwältin und Krimiautorin Gabriele Wolff hat kürzlich in einem ungemein spannenden Interview mit dem „Spiegel“ darauf hingewiesen, daß man mit dem Mißbrauchs- und Vergewaltigungsverdacht ebenfalls Mißbrauch treiben kann und daß die Dunkelziffer, mit der in Bezug auf diese Verbrechen gern operiert wird, durchaus dem Interesse der Betroffenenlobbies an öffentlichen Geldern geschuldet sein kann.
Wenn man dann den Krimi einer deutschen Nachwuchsautorin zugeschickt bekommt, in dem gleich vier Kinderleichen angehäuft werden und bereits auf S. 2 der Vater den kleinen Sohn mißbraucht, während die Mutter auf der „Wohnlandschaft aus braunem Cord“ sitzt und wartet, bis Papa mit seinen Scheußlichkeiten fertig ist – dann wünscht man sich das Genre wieder in jene Tage zurück, als es um die Denksportaufgabe dabei ging und nicht um angeblich „realistischen“ sozialkritischen Kitsch.
(Ich halte nach wie vor die These für erwägenswert, daß der Krimi bzw. Thriller deshalb so beliebt ist bei den Lesern, weil er ihnen eine existentielle Situation vorspielt, die in ihrem Leben keine Rolle spielt. Wahrscheinlich aber sind Menschen immer noch gepolt auf das in Hunderttausenden von Jahren Erlernte,was zum lebensrettenden Instinkt geworden ist: daß wir mitten im Leben von Gefahr und Tod umgeben sind.)
Wo war ich stehengeblieben? Der Roman, dachte ich, glaube ich, behandle ein Einzelschicksal, alles andere sei den Statistiken überlassen. Deshalb wäre es schön, auch der Krimi würde nicht Modeverbrechen illustrieren, sondern das Fühlen und Denken von Menschen unter emotionalem Druck nachvollziehbar machen.
Und ich hätte da noch einen Wunsch: daß der Streit zwischen Zaimoglu und Özdamar keiner ist. Alles ein großer Irrtum. Empfindlichkeiten unter Autoren. Es wäre anderenfalls zu traurig.
Dienstag, 16. Mai
Die Arbeit am neuen Roman macht Spaß und geht gut voran. Ich fahre endlich wieder Fahrrad - wunderbar. Noch wunderbarer: Henriette ist zurück in St. Melaney und das Restaurant ist geöffnet! Die amis de berger lassen grüßen...
Sonntag, 14. Mai
Endlich Sonne - Wärme - Wandern.
Was mich beflügelt: ein großartiger Roman von Elisabeth Herrmann: "Das Kindermädchen". In jeder Hinsicht preiswürdig.Ach was, besser noch: auflagenwürdig.
Was mich beschäftigt: wie bringe ich die Hauptfigur in meinem work in progress zum Sprechen? Wie das Leben der 83jährigen, das einen so bedeutenden Teil des vergangenen Jahrhunderts spiegelt?
Mittwoch, 10. Mai
Ês regnet in Frankreich - in Deutschland herrscht Hochsommer. Nicht, daß die Feuchtigkeit schadet - alles wächst noch üppiger. Nur die Rosen verregnet's - insbesondere um die alte Hausrose ist es schade, die hat porzellanrosafarbene Blüten und duftet wunderbar. Und blüht leider nur einmal. So wie jedes Jahr im Mai.
Samstag, 6. Mai
In Laurac. Es regnet. Es gibt keine Entschuldigung fürs Nichtstun.
Mittwoch, 3. Mai
Recherchereise nach Hattingen – es muß noch eine Kurzgeschichte für „Mord am Hellweg“ geschrieben werden. Ein sehr ansehnliches Fachwerkstädtchen an der Ruhr. Freundliche und fachkundige Führung durch Jürgen Wilbert und Walter Ollenik (danke!!!). Bedenkenswerte Tatorte: Birschels Mühle an Ruhr und Ruhrkanal, schon wegen des Biergartens. Die Fabrikantenvilla von 1817 steht noch leer, wird aber offenkundig renoviert.
Von der Isenburg steht nicht mehr viel, die einst sehr große Burganlage wurde 1225 geschleift, weil die Isenburger den Kölner Erzbischof Engelbert gemeuchelt haben. Danach gerät Hattingen immer wieder in Bedrängnis durch die Ritter der gegenüberliegenden Burg Blankenstein. Das ist auch Stoff...
Am meisten beschäftigt mich jedoch die Henrichshütte (Dank an Inge Nimmich!). 1988 wurde die 1854 gegründete Hütte stillgelegt, heute gehört sie zum Westfälischen Industriemuseum. Was für ein Schauplatz für eine Verfolgungsjagd bei Nacht – über Rohre und verrostete Treppen, durch Gräben und Silos, auf den Hochofen und in die Gebläsehalle...
Fortsetzung folgt.
Montag, 1. Mai
Mit einer Lesung auf der diesjährigen „Criminale“ in Koblenz heute ging dieses ziemlich ereignisreiche Frühjahr zuende. Das ist auch gut so: ich habe nämlich kaum noch Stimme. Seit dem 21. April fast jeden Tag eine Lesung oder eine Stundensendung für den Hörfunk oder irgendein anderes Interview, das ganze gekrönt von einer Lesung im Polizeipräsidium, die, mit Unterbrechungen, bis 1 Uhr nachts dauerte – das schlaucht, ehrlich gesagt.
Wobei ich gar nicht leugnen will, daß es noch immer spannend ist, das eigene Buch neu zu entdecken. Klingt zwar merkwürdig, aber es ist so: man entdeckt oft erst hinterher, welche Themen sich eingeschlichen haben in den Text. Dabei ist das nicht weiter verwunderlich, man macht schließlich keinen sozialwissenschaftlichen Aufriß, bevor man schreibt, oder?
Ich jedenfalls habe nicht daran gedacht, in „Sauberer Abgang“ das Reproduktionsverhalten mittelalter Männer zu analysieren oder das Spannungsverhältnis zwischen frustrierten, midlifekrisengeschüttelten Endvierzigern, bei denen nichts sicher ist, vor allem nicht die Rente, und der Generation der Väter, die vergleichsweise üppig leben von Renten und Pensionen.
Andererseits ist das Verhältnis zwischen Will Bastian und seinem Vater das Herzstück des Romans – die widerwillig wiederentdeckte Liebe zwischen Vater und Sohn und das resignierte Eingeständnis Wills, seinem Vater ähnlicher zu sein, als ihm lieb ist, wogegen auch die einstige Rebellion gegen den Betonfachmann Karl nichts genützt hat. Schade, daß Karl Bastian am Ende des Buchs stirbt. Ich hatte den alten Kerl ins Herz geschlossen.
Dafür habe ich mit Mathilde Bergen derzeit eine ausgesprochen kampfeslustige Greisin vor mir.
Mehr wird nicht verraten. Ich sitze am Fortsetzungsband von „Russisch Blut“. Oder nur soviel: es liegt so viel Verlust und so viel Gewinn im Älterwerden. Der Verlust macht sich vor allem morgens bemerkbar, wenn man in den Spiegel guckt. Der Gewinn: man leidet Jahr für Jahr weniger unter dem Verlust.
Ostermontag, 17. April
Ein Autor führt schon eine merkwürdige Existenz. Monatelang sitzt man überwiegend allein am Buch und nach seinem Erscheinen brennt ein Feuerwerk der Aktivitäten ab. 6 Wochen lang sein eigener Impresario zu sein macht Spaß und ist anstrengend zugleich.
Eine Woche immerhin habe ich mir freigeschaufelt für eine Art Urlaub in Frankreich – im Maison Chapelet in der Süd-Ardeche. Alle Pflanzen haben den Winter gut überstanden, die Rosen stehen schon kräftig im Laub, alles ist hier weiter als im trostlos verregneten Deutschland. Ja, der Himmel ist blau und die Sonne scheint und der Arbeitsplatz ist wieder draußen auf dem Balkon, inmitten von Buddleien und Rosen und eingehüllt vom Duft eines Viburnum Burkwoodii „Mohawk“, ein frühblühender Schneeball, weißrosa Blüten, Duft wie ein Parfum von Serge Lutens.
Ich beneide mich selbst. Zur Strafe habe ich mir gestern auf dem Osterspaziergang den ersten Sonnenbrand des Jahres eingehandelt. Möge er der letzte sein.
„Eine Art Urlaub“? Naja – die klassische Erholung ist das nicht gerade, wenn man sich die Zeit vertreibt mit Frühjahrsputz und Wäschewaschen und dem Bestellen des „Gartens“, der aus ca. 48 Töpfen besteht, verteilt auf Veranda, Terrasse und Balkon. (Man kann sogar Kletterrosen vorzüglich in Töpfen halten. Ganz zu schweigen von Kamelien und Buddleien, von Flieder und Kräutern, von Lavendel und Strauchpäonien, von Hortensien aller Arten, von Palmen und duftendem Geißblatt...) Der Innenhof, in dem Hortensien und Rhododendren und eine gigantische alte Rose wachsen, die ab Anfang Mai Blüten wie aus altrosa Marzipan trägt, ist vergleichweise pflegeleicht, da er im Schatten liegt. Alle anderen Pflanzen brauchen jetzt Dünger und vor allem die Bewässerungsanlage – der Märklin-Baukasten für Gartenfreunde, in jedem Frühjahr eine neue Herausforderung.
Und dann muß ich für Freund Lothar Ruske noch eine Kurzgeschichte schreiben – ausgerechnet über eine kulinarische Spezialität Oberhessens. Über aale Worscht – und das im Lande der Boudins... Ob die Gerhards aus Ebsdorfer Grund, die mit der besten Bauernbratwurst des Konstablermarkts, mir ihr Rezept verraten? Wenn ich verspreche, daß meine Variante gänzlich unkannibalistisch ist?
Dienstag, 11. April
Endlich wird das Wetter besser. Und dann sowas...
Für die Sendung in HR 1 heute abend versuche ich, die Bücher der hessischen Kollegen zu lesen, die ich noch nicht kenne. Bei manchen fällt das nicht schwer - die liest man einfach so weg, das hinterläßt nicht viel, auch keinen Schaden. Andere wiederum schätze ich sehr, insbesondere die der Kolleginnen – hallo, liebe Nikola Hahn!
Bei wieder anderen bedauert man, daß irgendein Kritiker den literarisch wertvollen Krimi erfunden hat. Das ist ein Buch, in dem auch Nebensätze vorkommen, was es vorher angeblich beim Kriminalroman nicht gegeben hat. Seither versuchen sich viel zuviele dem Literaturverdacht auszusetzen, was mich nur in seltenen Fällen – Wolf Haas und Norbert Horst – zu überzeugen vermag. Im wesentlichen leidet der Leser bei unseren Literaturwundern unter depressiven Ermittlern und/oder unter manifesten Schwulstanfällen und organisiertem Adjektiverbrechen des Autor. Ich denke da etwa an Heinrich Steinfest.
Oder man muß sich verschmockte Prosa antun, die nach traditionsbewußten Twinsetträgerinnen mit falschem Dutt und reichlich 4711 auf dem Schnupftüchlein riecht.
Oder was soll man von einem „Bestseller“ halten, in dem sich der Winter "mit der Kraft eines Todgeweihten" gegen das Frühjahr auflehnt, wo dem "Spuk ein Ende" bereitet wird, sich "unversehens" etwas findet, man "ohne Umschweife" etwas tut und wo sich ein Einbrecher in einen "Dummejungenstreich" verwandelt. Und natürlich "verblassen die Worte" angesichts der Wirklichkeit, fragt jemand "mit brüchiger Stimme", sofern nicht dieselbe gleich „versagt“, befindet man sich "in der Obhut" oder ist "von schlankem Wuchs", in welchem Fall man natürlich schwarzes Haar und dunkle warme Augen vorzuzeigen hat.
Ja, das sind Bücher, in denen liebe Witwen armen Waisenmädchen "ein ebenso schlichtes wie bequemes Sommerkleid aus roter Baumwolle" nähen; wo der Anbeter, modisch a jour, „kostbare Ringe und Halsketten“ verschenkt und ein Auto fährt, "dessen Lack glänzte wie das Fell einer Raubkatze". Schmonzes aus den 20er, 30er oder 50er Jahren? Weit gefehlt! Die Story um die Witwe und das Mädchen spielt im Jahre 2000. Weiter als bis dahin und S. 61 habe ich es jedenfalls nicht ausgehalten und bin, nachdem auch noch "über die Nichtigkeiten des Alltags" geplaudert wurde, geflüchtet. Und zwar, gänzlich ohne Gärtnerklamotten, in den Garten. Das Leben ist zu kurz, um schlechte Bücher zu lesen.
Ich hätte da wohl einen „Lore-Roman“ erwischt? Denkste. Sowas wird heutzutage im Hardcover auf den Markt geworfen, der Autor sei ja schließlich der deutsche Mankell, verkündet der Verlag. Klar, dessen Schund verkauft sich ja auch ganz prima.
Naja - wahrscheinlich mißverstehe ich da was und das ganze ist eine hochsensible und ausgefinkelte Paraphrase auf – Kafka? Proust? James Joyce?
Na – Schwamm drüber.Dafür bin ich nicht gebildet (oder eingebildet) genug.
Endlich wird das Wetter besser.
Sonntag, 9. April
Es gibt wirklich erfreuliche Arten, seinen Geburtstag zu feiern: am 6. April nach einer wunderbaren Lesung bei Carolus in Frankfurt reinfeiern, dann, am 7. April, mit Christoph Schramm das neue Websitedesign besprechen und nach Karlsruhe fahren. Dort in einem proppevollen Saal vor einem überaus freundlichen Publikum lesen. Am nächsten Tag dann das letzte Mal Bauernmarktaktion – wieder ein voller Erfolg. Und vor allem: gutes Wetter und Spaß.
Schade, daß jetzt der Ernst des Lebens wieder beginnt.
Montag, 3. April
Natürlich wird es Frühling. Im Vogelsberg blüht gerade noch der Winterjasmin, die Schneeglöckchen sind bereits verwelkt, die Krokusse entfalten sich und die Hyazinthen brauchen nicht mehr lange.
Trotz mäßigem Wetter war die Aktion „Literatur und Lebensmittel“ am vergangenen Samstag auf dem Frankfurter Bauernmarkt erfolgreich und amüsant. Der Käsestand der Herbertsmühle macht sich ausgesprochen gut als Freiluftbuchhandlung! (Danke, Gudrun und Jörg, Thomas und Nilas und all die anderen...) Und: Man lernt seine Leser bei Käse und Wein (Rhöner Krimiknoten nach brasilianischem Rezept von der Herbertsmühle und Weißburgunder vom Rollanderhof) noch ganz anders kennen als nach der Lesung in der Buchhandlung.
Am Samstag, dem 8. April, das gleiche noch einmal: diesmal schon ab 14 Uhr. Möge die Sonne uns scheinen.
Übrigens: natürlich schreckt der eine oder andere vor dem Kalauer nicht zurück, daß das ja passe: dieser Krimi – so ein Käse.
Mir soll’s recht sein – wenn der Käse so gut ist wie der von der Herbertsmühle, wäre das ein Lob für den Krimi.
22. März
Lesereise. Heute nach Stuttgart, morgen München, dann Köln, Samstag Hofheim. Zwischendrin eine Kolumne für die Welt schreiben, täglich. Stets in der Hoffnung, daß der Zugang zum Internet auch im Hotelzimmer gelingt. Fundstück heute im Netz: habe mir eine Packung von Denis "The Menace" Scheck eingehandelt. Erste Reaktion: Wow! Ein Verriß direkt nach dem Lob für die großartige Ruth Rendell? Das adelt!
Zweite Überlegung: ob man die Bemerkung, man fühle sich an das Drehbuch eines Tatorts erinnert, in entsprechenden Bewerbungsschreiben benutzen sollte? Dritte Reaktion: manchnmal lernt man aus Kritiken. Diese hier läßt mich so kalt wie offenbar mein Buch den Rezensenten. Schlußfolgerung: für ihn war's nicht geschrieben.
Und jetzt on the road. Die Sonne scheint (ohn' Unterlaß? Na hoffentlich nicht).
Sonntag, 12. März
Es passieren einem schon seltsame Dinge. Letzten Sonntag Eröffnung der "1. Hammer Krimiwoche". Ganz kurz vor Beginn der Lesung kommt ein vielleicht 55jähriger Mann mit leuchtend roten Haaren, der von sich wenig glaubhaft behauptet, er sein ein Literaturfanatiker.
Der Mann sitzt in der ersten Reihe und läßt schon bald ein allerliebstes Schnarchen hören. Das ist nicht weiter schlimm - eher komisch. Aber auffällig.
Nach Ende der Veranstaltung läßt er sich einen Bahnprospekt signieren und schiebt die Übermüdung auf eine nächtliche Fahrt mit der Bahn von Kiel nach Hamm. Und: nicht er sei Chaplet-Fan, sondern seine Frau. Gewesen. Die sei vor einer Woche gestorben und er habe sich verpflichtet gefühlt, sozusagen an ihrer Statt an der Lesung teilzunehmen.
Kann man so etwas erfinden? Kann das wahr sein?
Und wieder mal ist life stranger than fíction...
Montag, 6. März 2006
Bitte um Berücksichtigung an alle Rezensenten:
Menschen, die heute 48 Jahre alt sind und 1981 ein einschlägiges Erlebnis hatten, sind weder Teilnehmer der "Studentenrevolte" noch "68er". 1981 waren die Friedensbewegung und die Anti-AKW-Bewegung wichtig, aber nicht mehr das, was wir mit 68 verbinden.
"Sauberer Abgang" ist KEIN Nostalgieroman aus den fernen fernen Zeiten der Studentenbewegung, hier geht es weniger um Politik als um Gefühle. Das wollte ich doch mal gesagt haben.
Sonntag, 5. März 2006
„Wie Anne Chaplet die Wiederannäherung von Will an seinen alten, kranken und dann sterbenden Vater beschreibt, seine Gefühle ihm gegenüber, den er doch jahrzehntelang als Betonkopf bekämpft und verachtet hatte, ist eines der sensibelsten Stücke von Literatur, die der Rezensent in den letzten Jahren in einem Kriminalroman gelesen hat.“
So verstanden zu werden, ist schön. Danke, Winfried Stanzick von www.sandammeer.at !
Und jetzt gehts gleich zur Eröffnung der Krimitage nach Hamm. Bitte nicht wieder in den Schnee...
Samstag, 4. März 2006
Was für ein Tag ...
Gestern schneite es in Frankfurt den ganzen Morgen. Auf dem Weg zum Krafttrainingsstudio und zurück durchnäßt und beinahe auf die Schnauze geflogen. Bei der Herbertsmühle auf dem Schillermarkt Aperitifknoten gekauft – das erwies sich als probate Überlebenshilfe, aber dazu später.
Dann beim Hessischen Rundfunk, bei HR1-Meridian mit Daniella Baumeister. Ein schönes, langes Gespräch – sieben Minuten, das ist ja schon mutig fürs heutige Radio. Seltsam nur, daß man neuerdings dauernd nach Jan Seghers gefragt wird. Nur, weil dessen Grimmis auch in Frankfurt spielen? Wahrscheinlich. Aber ich bin gottlob weder der deutsche Mankell noch die deutsche Marklund, das ließe ich mir freiwillig nicht nachsagen. Und außerdem ziehe ich zum Romanschreiben nicht die Gärtnerklamotten an (was für eine Verachtung der eigenen Leser...), sondern – nein, nicht wie Patricia Highsmith eine weiße Bluse, sondern natürlich die Abendgarderobe. Das ist ja wohl das mindeste!
Nach der Sendung zurück nach Oberhessen. Am Abend stand eine Lesung beim Freund Hans-Jürgen Linke an. Der hat es übrigens richtig gemacht, als er neben der Arbeit für die Frankfurter Rundschau noch in Suze la Rousse eine Ausbildung zum Sommelier gemacht hat. Lesungen in seinem Weinladen „Wein.Gut“ sind für mich mittlerweile liebgewonnenes Ritual geworden – und nun die Premiere mit dem neuen Buch!
Aber es schneite in Frankfurt. Es schneite auf dem Weg aus Frankfurt hinaus. Es hatte die A5 gen Norden zugeschneit. Und ich dachte schlau zu sein und versuchte den Umweg über Bad Homburg und Friedberg.
Ich habe geschlagene viereinhalb Stunden gebraucht, um durch Bad Homburg hindurch zu kommen. Insgesamt 6 Stunden von Frankfurt nach Gießen, normalerweise eine Sache von 50 Minuten. Zwischendrin war ich fast am Verzweifeln – und wenn die Überlebenshilfe von der Herbertsmühle nicht gewesen wäre und das Mobiltelefon als Kontakt zu lieben Menschen, dann... hätte ich mich leise weinend in die nächste Schneewehe gelegt.
Irgendwann wurde die Vorstellung schrecklich, womöglich auf die Lesung in Gießen verzichten zu müssen, auf die ich mich gefreut hatte. Aber sie haben ausgeharrt, die tapferen Gießener, und um viertel vor zehn begann die Lesung, mit mehr als einer Stunde Verspätung.
Dabei hatte ich die Strichfassung des Buchs nicht dabei – aber siehe da: es las sich auch ohne wunderbar. Und dann noch ein Publikum, das mitging... Was für ein Abend!
Hinterher haben wir ziemliche Mengen sehr guten Weins getrunken. Und das war sehr sehr schön.
Donnerstag, 2. März 2006
Und hier ist die Presseerklärung: Manchmal... ...muß man neue Wege gehen!
Krimi-Premiere auf dem Bauernmarkt Anne Chaplet – „die beste deutsche Krimiautorin“ (Buchmarkt) – lädt am 1. und 8. April an ihren Lieblingstatort, um den neuen Frankfurt-Krimi „Sauberer Abgang“ vorzustellen. Ab jeweils 15 Uhr signiert sie am Stand der Herbertsmühle auf dem Bauernmarkt an der Konstablerwache in Frankfurt am Main.
Anne Chaplet und der Bauernmarkt – das ist eine Liebesgeschichte seit zehn Jahren. Nun wird sie öffentlich: Lebensmittel und Literatur, Frankfurt-Krimi und Rhön-Käse, beides handgemacht, naturbelassen und unverwechselbar, gehen zusammen ...
Die Milchschäferei Herbertsmühle hat „Sauberer Abgang“ dem einzigartigen Käsesortiment einverleibt und verkauft das Buch vom 30. März bis zum 14. April an ihrem Stand auf dem Bauernmarkt an der Konstabler Wache.
Am 1. und 8. April wird sich Anne Chaplet dort jeweils um 15 Uhr einfinden und bei Wein und Käse ihre Krimis signieren.
„Der Bauernmarkt ist das Schönste, was die großartigen hessischen Lebensmittelproduzenten Frankfurt geschenkt haben.“ Anne Chaplet
„Drei Dinge braucht der Mensch: gute Literatur für die Seele, gute Lebensmittel für den Körper und eine gute Umwelt fürs gute Leben.“ Jörg Diener (Herbertsmühle)
Die Frankfurter Schriftstellerin Anne Chaplet wurde mehrfach für ihre Kriminalromane ausgezeichnet, darunter „Die Fotografin“ und „Schneesterben“. Der Bauernmarkt spielt bereits in ihren Büchern „Caruso singt nicht mehr“, „Wasser zu Wein“ und „Nichts als die Wahrheit“ eine Rolle. „Sauberer Abgang“, ihr siebter Roman, ist eine Liebeserklärung an Frankfurt, ein spannendes Spiel in Vergangenheit und Gegenwart, ein herzzerreißendes Drama um Liebe und Rache. Doch Vorsicht: auch wenn mancher manches aus der alten und neuen Frankfurter Szene wiedererkennt: Das Buch ist kein Schlüsselroman!
Mehr unter: www.anne-chaplet.de
Die Milchschäferei Herbertsmühle von Jörg und Gudrun Diener stellt seit 20 Jahren kontrolliert biologische Rohmilchkäse her – Ziegen- und Schafscamembert, Crottin, Mozarella und Frischkäse. Hinzu kommen ausgewählte Käse biologisch arbeitender Käsereien aus Deutschland sowie Fleisch von Schafen und Zeburindern.
Termine: am 1. und 8. April, 15 Uhr, Signierstunde mit Anne Chaplet am Stand der Herbertsmühle auf dem Bauernmarkt in Frankfurt. Weitere Infos erhalten Sie bei Maria Delgado, presse@anne-chaplet.de, Tel.: 01511/78 07 451 Presseexemplare von „Sauberer Abgang“ können Sie anfordern unter info@kunstmann.de oder unter 089/1211930
Mittwoch, 1. März 2006
Frühlingsanfang? Naja. Es ist kalt, es schneit und die Katzen liegen faul in der Ecke. Ab morgen gehen die ersten Pressemitteilungen heraus, unsere Aktion „Der Krimi zum Käse“ auf dem Frankfurter Bauernmarkt betreffend.
Ich liebe die Idee, mit einem Buch „auf den Markt“ zu gehen. Es ist etwas ganz anderes als das, was man landläufig unter „sich vermarkten“ versteht. Das hat ja hierzulande etwas Anrüchiges, so, als ob man seine Literatur bei Aldi verramschte. Dabei ist der Markt, den ich meine, ein Ort eher kritischer Begegnung: auf dem Markt kann man die Ware betrachten und befühlen, die man zu erwerben gedenkt – und das Marktgeschehen hängt durchaus davon ab, ob sich ein Vertrauensverhältnis herstellt zwischen Produzenten und Konsumenten. Der Bauernmarkt auf der Konstablerwache ist ein reiner Erzeugermarkt, weit entfernt von all den „Geiz-ist-geil“-Einkaufsparadiesen. Hier kann man sich dafür entscheiden, durch seinen Kauf das Überleben guter Lebensmittel zu unterstützen. Es gibt keinen schöneren Ort, um das unter Garantie naturbelassen und eigenhändig angefertigte Buch zu Markte zu tragen...
Samstag, 18. Februar 2006
Heute in der Literarischen Welt ein Porträt Eva Demskis, deren neuen Roman "Ein siamesisches Dorf" ich hinreißend finde: http://www.welt.de/data/2006/02/18/847184.html
Donnerstag, 9. Februar
Nachtrag zum Thema "Dialoge".
Daniel Kehlmann bestätigt in einem Interview heute in der FAZ meine Vermutung, daß Dialoge dem wirklichen Literaten als trivial gelten: "Ohne die Idee der indirekten Rede hätte ich das Buch nicht schreiben können. Wenn man zum ersten Mal darüber nachdenkt, einen historischen Roman zu schreiben, ist man zunächst eingeschüchtert von all den Trivial-Fallen, die da lauern (...) Ich denke, dieser Trivialitätspunkt, wo es sehr leicht ins Zurechtgemachte, Unglaubhafte und irgendwie Problematische kippt, ist die direkte Rede: 'Hah', sagte Napoleon, 'wir greifen im Morgengrauen an.' Sofort hat man ein ungutes Gefühl."
Hmmm. Ich hab da auch ein ungutes Gefühl. Denn läge die wirkliche Herausforderung nicht darin, sich in der schwierigen Kunst des guten, nicht-trivialen Dialogs zu üben? Statt Papiernes zu produzieren, wie z. B. - willkürlich herausgegriffen:
"Das sei ein großer Moment, sagte Zimmermann schließlich.
Gauß bat um ein Glas Wasser.
Ihm sei nach Beten zumute.
Gauß (...) entschuldigte sich mit einer Geste, wankte nach Hause, legte sich ins Bett und dachte an seine Mutter..."
Dies also, will uns der Dichter sagen, sei nicht trivial, weil es in der indirekten Rede daherkomme? Puh, sagt da die Unterhaltungsromanautorin.
Oder auch, um den Kollegen Seghers zu zitieren: Proust.
Dienstag, 7. Februar
Schon wichtig zu wissen, wo man die - potentiell! - Verbündeten trifft! z. B. am letzten Donnerstag im Inselhotel in Konstanz, bei der "Bücherbörse". Dort treffen alljährlich Vertreter und Buchhändler aus dem süddeutschen Raum zusammen, der Bücher wegen, die letztere kaufen sollen, um sie Kunden zu verkaufen. Massenhaft, hofft die Autorin, die dabei war, weil Antje Kunstmann aus Anlaß des 30jährigen Verlagsjubiläums Vertreter und Buchhändler zum Essen einlud. Unterhaltungsprogramm: yours truely und der begnadet komische Rainer Moritz, der ein fachkundiges Buch namens "Abseits" vorstellte (weswegen wohl???).
Mir fiel auf, daß ich in diesem Jahr auch mein Zehnjähriges begehe. Vor zehn Jahren brachte mich Antje Kunstmann auf die Idee, Kriminalromane zu schreiben. Und das gehört immer noch zu den besten Entscheidungen meines Lebens...
Montag, 30. Januar
Sind Dialoge obszön? Zum Beispiel so:
„Der Kerl ist von Sinnen“, sagte Gauß, öffnete das Fenster und warf das Buch hinaus.
„Das war meins!“ rief Eugen.
Und ist es Literatur, wenn es statt dessen heißt:
Der Kerl sei von Sinnen, sagte Gauß, öffnete das Fenster und warf das Buch hinaus.
Das sei seines gewesen, rief Eugen.
Das vielgelobte Buch von Daniel Kehlmann, dem wir seinen großen Erfolg hiermit ausdrücklich gönnen, verzichtet auf die direkte Rede. Das macht offenbar alles literarischer und feiner. Ob das die Amerikaner auch so sehen, die die Rechte daran gekauft haben?
Im wunderbaren Roman von Eva Demski („Das siamesische Dorf“) gibt es jede Menge Dialog, schnell, voller Witz, im treffenden Ton. Aber keine „Tüttelchen“ davor oder danach.
Hat das auch was zu tun mit dem schlechten Ruf, den Dialoge genießen? Ist Dialog in Tüttelchen nur im schnellen, schlichten, kunstlosen Unterhaltungsroman erlaubt?
Ich versteh’s nicht. Nichts finde ich schwieriger, als einen lebendigen Dialog zu schreiben, der kunstvoll ist, weil er nichts künstliches hat, aber dennoch alles andere als authentisch ist – denn nichts wirkt lebloser als das Abschreiben von der Wirklichkeit.
Sonntag, 29. Januar 2006
Kaum etwas ist schöner als an einem eisig kalten Wintersamstag unter strahlend blauem Himmel über den Bauernmarkt auf der Frankfurter Konstablerwache zu laufen, sich in die Schlange vor dem Vogelsbergbauern mit der besten Bratwurst einzureihen und nicht ein, sondern zwei Würste zu essen. Schlange stehen kann man danach auch vor dem Stand der Herbertsmühle – und dann eine Pause einlegen am Weinausschank vom Rollander Hof. Schon erstaunlich, wieviele Menschen im besten Alter sich dort bereits um 13 Uhr die Kante geben – aber was soll der Geiz: 13 Uhr ist eine gute Zeit für einen Grauburgunder. Und einen Zwiebelkuchen. Und vielleicht noch einen Grauburgunder. Und dabei hemmungslos gucken – die Gesichter der russischen Männer nebenan sehen aus wie aus dem Geschichtsbuch. Die älteren Damen am Nebentisch sind alle ausnehmend gut geschminkt und ausgesprochen guter Laune. Die Jüngeren haben zu tun und schieben Kinderwagen durch die Menge. Ist das schon ein Ausblick auf die älter werdende Gesellschaft? Dann haben die Winzer prima Zukunftsaussichten...
Irgendwann möchte ich eine Philippika loslassen auf die „Geiz-ist-geil“-Apologeten und auf alle diejenigen, die sich völlig verdient mit „Gammelfleisch“ betrügen lassen. Wer seine heimischen Produzenten nicht ehrt, nicht die Mühe und Liebe, die sie ihren Produkten angedeihen lassen, nicht die Kunstfertigkeit, mit der sie uns Köstlichkeiten bieten, nicht das Kulturgut schätzt, das gute Lebensmittel darstellen – weil er/sie nicht begreift, daß sie nicht zum Discountpreis zu haben sind –, der verdient nichts besseres. An guten Lebensmitteln sparen ist barbarisch. Daß sie billig zu haben wären, eine Lüge. Es gibt genug anderen Mist, der verzichtbar wäre.
Montag, 23. Januar
Es ist vorbei. Es hat sich ausjuriert – zunächst. Gestern wurde der Kurzkrimitreatmentwettbewerb mit einer „Finissage“ im Filmmuseum in Frankfurt am Main abgeschlossen – mit einem salomonischen Urteil: drei statt eins.
Was man als Juror aus alledem lernt? Zum einen, daß die meisten, die sich an einem solchen Wettbewerb beteiligen, Juroren für Masochisten zu halten scheinen, die man am besten durch lieblos runtergehudelte Texte und Ideenarmut befriedigt. Ihr Menschen und potentiellen Einreicher da draußen im Lande, laßt euch sagen: dem ist nicht so! Wir mögen Schweine sein, aber auch Schweine bluten. (Und außerdem beugte sich unsere Jury – Charlotte Schwab, Eva-Maria Magel und Jörg Himstedt – geradezu liebevoll über jeden Text, damit uns die Eine Große Idee auch in bescheidenster Verkleidung nicht entgehen möge). (Dazwischen haben wir mit Maren Wurster und Monika Haas vom Filmmuseum sehr viel Spaß gehabt.)
Zum anderen, daß der Fernsehkrimi längst als eigene Realität wahrgenommen wird, die eines Korrektiv einer anderen Wirklichkeit nicht mehr bedarf. Viele Treatments bewegten sich in der Krimiwelt des TV, einige, indem sie diese geschlossene Abteilung mit ihren Klischees parodierten. Ein Austausch zwischen dieser und der anderen Welt findet nicht statt. Welthaltigkeit des Genres? Nicht hier.
Ich habe ein bißchen darauf gehofft, man könne hier erfahren, welche Wünsche das Publikum (ein qualifiziertes, zudem) an die Fernsehmacher heranträgt. Eine nicht erfüllte Hoffnung. Man muß die Neuerfindung des Genres hier wie da wohl doch den Profis überlassen.
Freitag, 13. Januar 2006
Letztes Jahr für den Kurzkrimi-Glauser nominiert, dieses Jahr die Strafe dafür abgeholt: 144 Kurzkrimis zwischen 5 und 20 Seiten lesen ist, wenn man nicht pfuscht, eine ziemlich harte Sache.
Und ich habe nicht gepfuscht. Ich habe ALLES gelesen, inklusive der Arbeiten von Legasthenikern und Analphabeten. Die Quintessenz: die guten Geschichten erkennt man sofort. Das Mittelfeld ist erschreckend dünn. Und was da sonst noch so den Weg zwischen zwei Buchdeckeln findet – naja. Wir leben in einer Demokratie, da hat jeder seine Chance...
Ohne Worte allerdings war das, was von 120 Einsendungen eines vom Deutschen Filmmuseum ausgelobten Wettbewerbs um das beste Krimi-Filmtreatment übrigblieb. Aber mehr dazu nach der Jurysitzung morgen...
Montag, 9. Januar
Liebe Großstädter!
Angst vor Behördengängen? Nicht nötig bei uns auf dem Land! Der Besuch bei der Kfz-Stelle von Mücke war das reine Vergnügen. Und wenn man dann noch von der Amtsleiterin als „Donna Leon des Vogelsbergs“ begrüßt wird, dann – ja, was kriegt man dann? Neben dem verlegenen Grinsen?
Heimatgefühle?
Um Himmelswillen!
Samstag, 7. Januar
Heute in der „Literarischen Welt“ ein Essay von yours truly über den Kriegsbriefwechsel meiner Eltern, der mich immer wieder beeindruckt. (http://www.welt.de/data/2006/01/07/827671.html)
Es gibt sie, die Erfindung der Liebe durch die Magie der Worte. Briefe (auch Emails und SMS lasse ich gelten) gehören zu den schönsten und zartesten und intimsten Berührungen, sind Stimmfühlungslaute menschlicher Graugänse, Vergewisserungen in Zeiten der Trennung.
Und dennoch bin ich froh, daß wir in Zeiten leben, wo wir auf sie nicht beschränkt sind. Oder nicht sein müßten.
Freitag, 6. Januar
Im Januar geht’s bergauf. Unweigerlich. Wer es nicht glaubt, der räume im Garten das Laub beiseite und schaue zu, wie es unter der schützenden Decke zu brodeln beginnt in der Natur.
Selbst der eigene Körper will nicht mehr Winterspeck anfressen, sondern ihn loswerden. Schon mal „nie wieder essen“ gedacht nach Silvester? Und plötzlich diesen irren Wunsch gehabt, endlich wieder zum Krafttraining zu gehen und jeden Tag wie dumm durch die Gegend zu laufen? Ganz zu schweigen von perversen Gelüsten wie denen nach, ähh, Kohlsuppe?
Ja, der Januar ist der perfekte Monat für einen Neuanfang, auch wenn man noch den Schutt von 2005 vom Schreibtisch räumen muß. Aber selbst der Steuererklärung kann man schöne Seiten abgewinnen: entweder waren die Umsätze 2005 geringer, als erwartet. Aber dafür gibt es wenigstens Steuern zurück. Oder es war ein prächtiges Jahr – und das neue wird noch besser!
Die Reaktionen auf die Vorausexemplare von „Sauberer Abgang“ sind schmeichelhaft. Das macht Hoffnung.
Donnerstag, 5. Januar, Ilsdorf im Vogelsberg
Nach dem „Sauberen Abgang“ tobt hier die Aktion „Sauberer Schreibtisch“. Das Exposé fürs neue Buch ist fertig, die letzte Kurzgeschichte geschrieben, und demnächst bin ich endlich durch mit der Juryarbeit für den Kurzkrimipreis des Syndikats, salopp „Glausi“ genannt – und mit der Sichtung der Eingänge für den Krimi-Treatment-Wettbewerb des Deutschen Filmmuseums. Ich gestehe, daß ich danach wohl noch größere Ungeduld mit schlechten Büchern haben werde.
Aber es gibt Lichtblicke. Eva Demski hat ein neues Buch geschrieben – „Das siamesische Dorf“. Ein Kriminalroman, in dem man badet wie in warmem Sand... Mehr dazu demnächst.
Montag, 2. Januar, Laurac en Vivarais
Ich finde Vorsätze zum neuen Jahr wunderbar.
Wenigstens einmal im Jahr sollte man beschließen, sein Leben zu ändern. Etwa: Nur noch guten Wein trinken und keine schlechten Bücher lesen. Oder: endlich Tanzen lernen. Salsa?
Ich denke - was vielleicht an der cevenolischen Kulisse liegt - an den Jakobsweg, den Pilgerpfad nach Santiago die Compostela, vor allem an den französischen Teil, die Via Podiensis von Le Puy-en-Velay bis Saint-Jean-Pied-de-Port. Sind nur 730 km. Bei halbwegs zähem Wandern schafft man das in – naja: 3-4 Wochen???
Hat einer der geneigten Leser Erfahrung damit?
Mittwoch, 21. Dezember, Winteranfang
Die Vorausexemplare von "Sauberer Abgang" sind eingetroffen. Einige eingetütet, andere persönlich übergeben. Das ist MEIN Geschenk zu Weihnachten, das ich wunderbarer Weise mit anderen teilen kann.
Dann gehts ans Exposé für den Folgeband von "Russisch Blut". Und dann - zwei Wochen Durchatmen.
Allen Freunden wünsche ich schöne Tage.
Montag, 19. Dezember
Ich bin kein begeisterter Erich-Fried-Fan - aber das ist noch immer das ultimative Gedicht zum Thema:
Was es ist
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft.
Es ist was es ist,
sagt die Liebe.
Es ist Unglück,
sagt die Berechnung.
Es ist nichts als Schmerz,
sagt die Angst.
Es ist aussichtslos,
sagt die Einsicht.
Es ist was es ist,
sagt die Liebe.
Es ist lächerlich,
sagt der Stolz.
Es ist leichtsinnig,
sagt die Vorsicht.
Es ist unmöglich,
sagt die Erfahrung.
Es ist was es ist,
sagt die Liebe
Erich Fried
1. Dezember 2005
Liebe Freunde, Kollegen, Interessierte:
Über die "Lust am Trivialen" geht es in der übrigens sehr luxuriösen Kultursendung "WestArt am Sonntag". Der WDR leistet sich mit dieser Sendung 90 Minuten sinnvolle Gespräche über dies und das - erstaunlich, daß sowas im Fernsehen noch geht...
In der Sendung am 4. 12. 2005 ab 11 Uhr geht es um Telenovelas und die Lust am Kitsch. Die Gesprächsteilnehmer sind Dietrich Leder, Professor an der Kölner Kunsthochschule für Medien mit dem Schwerpunkt Fernsehkultur, Anne Chaplet alias Cora Stephan, Politikwissenschaftlerin, Publizistin und Krimiautorin ("Schneesterben", "Russisch Blut"), Peter Süß, Historiker und Chefautor der ARD-Telenovela "Sturm der Liebe", Georg Uecker, Schauspieler (Carsten Flöter in der "Lindenstraße").
Yours truly hat in dieser illustren Runde versucht, den Unterhaltungsroman, insbesondere den Krimi zu verteidigen. Und sie schwört, das immer wieder zu tun!
Laurac, Montag, 28. November 2005
Auch in den Cevennen ist es kalt geworden – und der blaue Himmel trübe. Morgen also drei Katzen ins Auto packen und wieder zurück nach Allemagne.
Es ist schon seltsam, daß man oft erst hinterher weiß, was im soeben beendeten Roman das Thema hinter dem Thema ist. Dabei ist es das, was es schon in „Caruso singt nicht mehr“ war: die Liebe. Damals war es die Liebe des Erich Mielke („Aber ich liebe euch doch alle!“), diesmal ist es die Liebe zwischen Vater und Sohn, die Freundesliebe, die zurückgewiesene Liebe, die furchtsame Liebe und die furchtbare Liebe.
Was sonst soll das Thema eines Krimis sein? Der Krimi variiert die großen Menschheitsepen, in denen – vom Gilgamesch-Epos bis zur Bibel – Liebe und Tod die treibenden Kräfte sind. Und wenn auch in den modernen Krimis das „affirmative“ Element fehlt, wie es einst am Krimi gegeißelt wurde – also: eine Gesellschaft gerät aus dem Lot, aber hinterher ist, mit der Strafe für den Sünder, alles wieder gut –, ganz einfach, weil wir diese Art der Sühne gar nicht mehr kennen; wenn also auch im Krimi heute das Ende offen ist, so hat sich doch zumindestens, getreu Joseph Campbells „Der Weg des Helden“, der Gebrauchsanweisung für Hollywood, eines geändert: die Hauptfigur, die die Welt nun anders sieht als zuvor.
So kathartisch wie der Tod wirkt nur die Liebe. Oder?
Laurac, Samstag, 19. November
Bergwandern in den Cevennen ist ein gutes Mittel gegen Trennungsschmerz – und wenn ein Buch in den Druck geht, ist das ja was ähnliches, oder? Gestern bin ich viereinhalb Stunden um St. Melaney herumgelaufen, hoch in die Berge, über den Bergrücken, runter ins Flußtal, wieder hoch auf der anderen Seite am Berg entlang. Die Überquerung des Flüßchens war gar nicht einfach, nach den kräftigen Regenfällen der letzten Wochen war die Furt überflutet. Erst ausrutschen, fast reinfallen, Knöchel verstauchen – und dann die Stiefel ausziehen, Hosenbeine hochkrempeln und durchs kalte Wasser auf die andere Seite. Tut richtig gut... *gg*
Am besten ist natürlich das Bier danach – in St. Melaney, Les Amis du Berger (Bert, Sheilagh und Iette lassen grüßen!).
Heute geht es auf den Markt in Les Vans. Und irgendwann ist der letzte Roman aus dem Kopf geblasen und der neue formt sich.
11.November
Nicht um 11 Uhr 11, sondern so gegen 15 Uhr lag der letzte Fahnendurchgang hinter Tilman Göhler (danke, Tilman!) vom Verlag und mir. „Sauberer Abgang“ ist fertig – und ich auch. Fix und foxi.
Der Roman ist der Spitzentitel des Frühjahrsprogramm vom Kunstmann-Verlag und ein Leseexemplar gibt es auch.
Ich finde, das sind gute Nachrichten.
Die ersten Lesungen stehen auch schon fest - der März ist bald ausgebucht.
6. November
Nur um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: ich lese gern! Das Publikum läßt sich meistens bereitwillig mitnehmen auf eine Reise ins Buch und engagierte Buchhändler sind einfach klasse – es sind unsere ersten und besten Verbündeten. Dennoch an dieser Stelle mal ein paar Bemerkungen zur richtigen Behandlung der Spezies des reisenden Schrifststellers. Keine Angst: Es ist im Prinzip einfach, Schriftsteller glücklich zu machen. Es kostet noch nicht einmal richtig Geld (obwohl Geld immer o.k. ist), sondern nur so etwas wie Einfühlungsvermögen, dessen Aufkommen indes äußerst ungerecht verteilt zu sein scheint.
Es gibt Veranstalter, die wissen, wie man Schriftsteller und andere Gäste glücklich macht. Es gibt Veranstalter, die das offenbar nicht wissen wollen.
Man merkt’s an der Wahl des Hotels. Nein, wir bestehen nicht auf dem ersten Haus am Platz! Im Gegenteil: klein und gemütlich ist uns sehr recht. Aber es sollte schon ein Zimmer sein, in dem man sich vor und nach der Lesung gern aufhält, ohne in tiefste Depressionen zu verfallen, weil man bei seinem Anblick vor sich sieht, wie sich Scharen einsamer Handlungsreisender von der Bettkante zu Tode stürzen.
Ach und dann wäre es auch nett, das Zimmer wäre kein Kaninchenstall, wie ich es kürzlich in einem Ort erlebt habe, dessen Namen ich jetzt nicht nennen will. Eine dieser Gefängniszellen mit dem ganz oben auf dem Schrank festgeschnallten Minifernseher. Selbstredend ohne Minibar. Und naturellement ohne Hotelbar – das Personal geht schon um 22 Uhr.
Auch wäre es schön, das Hotel läge nicht in der Nähe des Veranstalters, sondern des Veranstaltungsortes, damit man es nicht so weit hat abends, was besonders im Winter nicht ganz ohne Bedeutung ist.
Und wie findet ein Veranstalter heraus, was genehm wäre für seinen sensiblen Gast? Es ist so einfach: man schaue sich einfach mal die Bude an, die man seinen Gästen zumuten will, und überlege sich, ob man es selbst da für länger als zwei Stunden aushalten würde.
Stellen wir uns also mal vor, die Hotelfrage wäre zur Zufriedenheit aller geklärt und auf den Veranstaltungsplakaten befände sich nicht irgendein aus dem Internet gezogenes Amateurfoto, sondern eines jener Spitzenporträts, die der Verlag kostenlos (!!!) abgibt – stellen wir uns auch vor, es wäre vorher geklärt worden, aus welchem Buch der Autor denn nun lesen soll und auch der Büchertisch wäre ausreichend bestückt. Was kann dann noch schief laufen? Vieles.
Selbst wenn das Publikum zahlreich erschienen und gut gelaunt ist und man selbst bei Stimme, kann eines noch furchtbar nerven: die lokale Presse in ihrer je spezifischen Erscheinungsform. In Kurzform: die meisten Kollegen sind wunderbar und fragen vorher, ob sie während der Lesung ein, zweimal mit Blitz fotografieren dürfen. Eine Minderheit, eine ziemlich auffällige allerdings, macht was aus ihrem Minderwertigkeitskomplex.
Zum Beispiel jene Dame, die sich nicht groß vorstellte, aber als erstes nach dem Lebensalter der Autorin fragte und das streng notierte. Die nächste Frage galt der Zahl der Toten, die man im Roman erwarten könne. Und dann wurde auch noch nach Aufklärung über Art und Geschlecht des Mörders ersucht – und wenn die angesichts derart saudummer Fragen mittlerweile bockig gewordene Autorin nicht kooperiere, dann stehe eben auch nichts über sie in der Zeitung. Wow!
Unsere beispielhafte Lokalreporterin fotografierte während der Lesung nicht etwa zwei oder dreimal, sondern blitzte ca. eine halbe Stunde lang. Danach verteilte sie geräuschvoll ihr Zubehör auf dem Boden, sammelte es ebenso geräuschvoll wieder auf und verließ endlich den Saal, ebenfalls geräuschvoll, mitten in der Lesung. Man ist ja wichtig! Man hat ja noch anderes zu tun!
Das sind Menschen, die Freude machen. Übrigens auch dem Publikum, das zu einer Lesung gekommen war, aber nicht zur Selbstdarstellungsorgie einer irgendwie womöglich vielleicht nicht ganz ausgelasteten Edelfeder eines ostfriesischen Lokalteils.
Ausnahmen? Ganz bestimmt. Aber die Fälle häufen sich in letzter Zeit und man fragt sich, wer diesen Mädels das ungehobelte Benehmen beibringt, von dem sie anzunehmen scheinen, das es der 5. Macht im Staate (in der Kleinstadt) zusteht.
3. November 2005
Gestern ist das letzte Kapitel von "Sauberer Abgang" an den Verlag gegangen... Gottlob gibt es noch die Fahnenkorrektur, irgendeine Macke entgeht einem immer.
Jetzt erstmal eine kleine Lesereise nach Leer und Emden und St. Augustin. Und dann - den Kopf frei kriegen für das nächste Buch.
27. Oktober 2005
Der neue Roman wird "Sauberer Abgang" heißen... und muß am 31. Oktober satzfertig sein, wenn wir es noch schaffen wollen mit einem Leseexemplar für die Buchhändler...
SChade, wenn man bei diesem prächtigen Wetter am PC sitzen muß - aber es ist ja absehbar. Die ersten 200 Seiten stehen, an den restlichen mußnoch einiges gemacht werden. Aber ich hätte ja auch einen anständigen Beruf lernen sollen...
Donnerstag, 22. September 2005
Gestern vor 65 Jahren heirateten meine Eltern – am Wochenende feiert die Familie ihre „Eiserne Hochzeit“. Ganze zehn Jahre lebte diese Ehe von wenigen Fronturlauben und von Briefen. Unvorstellbar heute. Mein Vater saß als Marineartillerist in Lorient und hatte nichts zu tun außer lesen, Briefe schreiben – naja: und saufen. Schade, daß ich seine Handschrift nicht lesen kann...
Gestern Premiere in Hattingen: ich habe das erste Mal zwei Kapitel aus dem neuen Roman gelesen. Das Publikum war großzügig – und sogar ich war ganz zufrieden.
Sonntag, 18. September 2005
Denkwürdige Tage beim Tatort Eifel! Am Freitag eine schöne Veranstaltung namens „Literatur im Foyer“, eine Aufzeichnung fürs Fernsehen vor Publikum. Moderiert von Martin S. Lüdke – ein geschätzter und ausgewiesen literatursinniger Mensch, der eigenem Bekunden nach keine Krimis liest (das überläßt er Sigrid!). Immerhin rang er sich das Urteil ab, es sei gar nicht so schlecht, was er gelesen habe – aber warum müsse zum Schluß immer eine Auflösung kommen? Und WARUM brauchten diese schönen Romane Tote???
Ehrlich gesagt: die Frage ist gar nicht ungut...
Mit dabei Sky DuMont und Rufus Beck sowie der Kollege Jan Seghers. Wir waren uns einig, daß wir eines gar nicht schätzen: der Unernst, mit der manche Leute glauben, sie könnten mit dem Genre spielen - es ironisch brechen usw. Man kann nur mit etwas spielen, von dem man was versteht.
Seltsam allerdings, wie in der Diskussion gegen Ende immer wieder Beckett und Joyce als Maßstab herhalten mußten - und wie die Großen Unlesbaren alle heißen – wenn es um die „wahre“ Literatur geht anstelle der bloßen Unterhaltungsliteratur. Ein typisch deutscher Hang-up und Grund genug, die Unterhaltungsliteratur für die einzig wahre zu erklären... (*gg*).
Ein guter Kriminalroman fordert dem Autor weit mehr Wirklichkeitsnähe und Klarheit in der Psychologie der Personen ab als jedem anderen Romancier – das macht das Genre so spannend und herausfordernd zugleich. Dennoch ist und bleibt er erfunden – als eine Art Versuchsanordnung: man setze Romanfiguren unter existentiellen Druck und schaue zu, wie sich das Beste und die Bestie im Menschen entfaltet.
Weshalb ich manchmal denke, daß uns die Gutmenschen des Genres weit mehr noch schaden als die deutsche Unterscheidung zwischen U und E. Wer behauptet, er müsse Krimis schreiben, solange es Gewalt auf der Welt gibt (wie Liza Marklund) oder er bilde ja bloß die grausame Wirklichkeit der Welt und des Mannes ab (wie Mankell), ersetzt den literarischen Anspruch gleich durch die Moral.
Daß die geschätzte Kollegin Birgit Hölscher ähnliches sagte, als wir ihr tags darauf den Deutschen Kurzkrimipreis verehrten, hat mich doch einigermaßen erschüttert. Dafür war ihre Geschichte viel zu gut...
Die beste allerdings stammte von Martin Spiegelberg, Musiker und Buchautor. Es ist einfach toll, wenn sich der Plot auf die Lebenserfahrung des Autors verlassen kann... Und für diese Geschichte (Platz 1 beim Deutschen Kurzkrimipreis) muß man nunmal wissen, wie das Mundstück eines Saxophons funktioniert. Und daß die meisten Musiker einen Nebenberuf haben, weil sie von ihrer Leidenschaft allein nicht leben können.
Mittwoch, 31. August 2005
Übermorgen nochmal nach Laurac en Vivarais. Jetzt geht es in den Endspurt mit dem neuen Roman – ein Endspurt, der sich meistens etwas zieht, zumal das Urteil der Verlegerin noch aussteht, die für den 5. September Lesestoff angefordert hat. Drücken Sie mir und ihr die Daumen, geneigte Leserschaft! Gottlob liebe ich das Überarbeiten – auch wenn wohl wieder einiges auf mich zukommen wird...
Freitag, 26. August 2005
Anne Bärenz ist tot. Ich erinnere mich so gut an sie – an ihre freche Klappe und an ihre wunderbare Stimme. Ich hatte mich mit ihr zu einem Eintrachtspiel verabreden wollen, als ihre Krankheit bekannt wurde, an der sie in so kurzer Frist gestorben ist.
Umso kostbarer ist mir die CD, auf der Frank Wolff und Anne Bärenz improvisieren – zu ein paar Ausschnitten aus „Schneesterben“, die ich damals in Annes Wohnung gelesen habe. Und dann war da noch ein gemeinsamer Auftritt bei „Carolus“ in Frankfurt. Und es hätte noch soviel mehr geben können...
Dienstag, 16. August 2005
Ich sammle letzte Details für den neuen Roman, von dem ich noch nicht weiß, ob er wirklich „Putz“ heißen wird – heute bei einem ehemaligen hessischen Polizeipräsidenten, der beide Seiten kennt – die der Polizeiarbeit und die der Staatsanwaltschaft. Und der deshalb aufs Anschaulichste beschreiben kann, wie beide Instanzen nicht immer so kooperieren, wie sie sollten, da ihre Konkurrenz sozusagen strukturell angelegt ist. Sehr lehrreich! Und Stoff nicht nur für dieses Buch...
Mittwoch, 27. Juli 2005
Heute als mein alter ego Cora Stephan in Salzburg die „Dialoge“ – eine Vortragsreihe zu den Salzburger Festspielen – eröffnet. (Siehe auch www.festspielfreunde.at/deutsch/dialoge2005/dia01_stephan.pdf ). Wenn es das nicht so oft schon gegeben hätte: natürlich ist die Salzburger Kulisse während der Festspiele eine wunderbare Bühne für eine Krimihandlung...
Dienstag, 19. Juli 2005
Jury-Arbeit kann mühevoll sein – man muß viel Stroh dreschen, um ein Goldkorn zu finden. Für den deutschen Kurzkrimipreises, der am 16. September aus Anlaß des Krimifestivals „Tatort Eifel“ in Daun verliehen wird, habe ich über 100 Stories gelesen – das war manchmal einigermaßen anstrengend, obwohl die 100 bereits Ergebnis einer Vorauswahl waren. Die heutige Jury-Sitzung hingegen war außerordentlich stressfrei und witzig und unsere Kandidaten sind allesamt würdig und verdient. Also manchmal wird wirklich alles gut.
15. Juli 2005
Es ist viel zu heiß, um einen Roman zu schreiben. Eigentlich sollte man im Sommer Fahrrad fahren, gedankenarm herumsitzen oder -liegen und warten, bis sich im leeren Hirn ein neuer Gedanke einnistet, der irgendwann zur Idee werden will. DANN ist es soweit und meistens Herbst - und man kann mit einem neuen Projekt beginnen...
Aber ich muß meine Protagonisten weiter ins Unheil schicken UND das alles auch noch in einem kühlen und wechselhaften April, in dem die Rosen noch nicht verblüht sind... Da ist Selbstverleugnung gefragt, geneigte Leser! Wenigstens gewittert es heute im Vogelsberg, es kühlt ein wenig ab und da es draußen nass ist, tut es nicht ganz so weh, hier drinnen am Schreibtisch sitzen zu müssen.
Denn es muß noch eine schwerwiegende Entscheidung getroffen werden, was meine 6 Favoriten für den Deutschen Kurzkrimipreis betrifft, der am 17. September in Daun zum "Tatort Eifel" verliehen wird.
Mal sehn...
Dienstag, 7. Juni 2005
Wie läßt man eine ordentliche Liebesgeschichte beginnen? Nichts Kleinliches, keine Kleinigkeit? Also elementar und mit jenem Momentum, das die armen Geschöpfe, die es erwischt, für weltbewegend halten? Und das alles auch noch ohne allzuviel Klischee?
Unmöglich. Schließlich ist der Zustand des Liebeswahns das reine Klischee – es geht den daran Erkrankten genauso, wie es im Buche steht. Und obzwar ein jeder die Liebe neu erfinden will, sind doch die Symptome, solche Individuierungswünsche verachtend, stets und bei allen die gleichen – es beginnt mit einer Entgleisung der Gesichtszüge, die man auch dämliches Grinsen nennen könnte, es läßt Hände und Knie weich werden und die Stimme versagen, es verschont nicht mit Herzschmerz und abgrundtiefer Verzweiflung und führt, sofern die Realität nicht fordernd eingreift, zu Sprach- und Gedankenverlust und seligem Verdämmern.
Dabei hat niemand bislang präzise bestimmen können, ob die Süße den Schmerz aufwiegt – oder ob es überhaupt wünschenswert wäre, wenn die quälende Sehnsucht eines Tages überginge in eine ruhigere Gewißheit...
Tja, liebe Leser. Fingerspitzenübungen in einer ernsten Sache: Wie bringe ich Will Bastian, Held des neuen Romans, mit Dalia Sonnenschein, Heldin dortselbst, zusammen? Und wie und warum entflammen sie füreinander? Nicht, wir wissen es, weil sie so einzigartig wären – einzigartig sind alle. Und was zum Teufel ist daran erotisch, wenn man sich über eine Leiche hinweg in die Augen blickt – und mögen sie noch so grün oder grau oder groß sein?
Aber es ist geschehen, soviel ist gewiß. Und obwohl sie angesichts des Leichenaufkommens zueinander nicht kommen können, die Königskinder – und nichts macht die Sehnsucht süßer als die Unerreichbarkeit des Ufers – obwohl sie also auseinandergerissen werden, kaum treffen sie einmal aufeinander (nicht zuletzt durchs Schlimmste, was Liebenden passieren kann, nämlich durch den Verdacht) – obwohl es also die Autorin gottgleich darauf anlegt, die Sache spannend zu machen, denke ich doch verschärft über ein Happyend nach.
Das Leben ist zu kurz, um die Liebe immer wieder zu verfehlen. Reicht doch, daß Karen Stark mit ihrem Neuen schon wieder unglücklich ist, oder?
Donnerstag, 19. Mai
Die Tage vergehen auf wunderbarste Weise hier in der Ardêche. Aufstehen, weil einen Vögel und Katzen nicht weiterschlafen lassen. Auf der Terrasse Tee trinken – obwohl es auch hier derzeit nicht gerade übermäßig warm ist. Schreiben. Später wandern, bis zu drei Stunden täglich. Oder Fahrrad fahren an der Beaume entlang. Abends Weißweintrinken in St. Melaney oder Le Goa, mit Bert und Jette und Sheilagh.
Besuch wäre jetzt schön.
Sonntag, 8. Mai
Ich mag keine Vereine. Und Versammlungen größerer Menschenmengen auch nicht. Dennoch pilgere ich Jahr für Jahr Ende April/Anfang Mai in irgendeine abgelegene Region der Republik (der Hochsauerlandkreis verzeihe mir!), nur weil es dort die Criminale gibt – das jährliche Treffen des Syndikats, der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren. Es war auch diesmal wieder wunderbar (wg. Klatsch und Tratsch), herzzerreißend (weil man ein paar Leute so ganz besonders gern mag) hochanstrengend (wg. Alkohol) und ganz und gar gelungen.
Den Kurzerzählungsglauser habe ich nicht gekriegt, schade eigentlich (und Glückwunsch an Gunter Gerlach!), aber auch uns Nominees wurde Artiges hinterhergerufen. Nun darf ich mich als „Femme fatale des deutschen Krimis“ betrachten – ist das jetzt ein Kompliment oder vielleicht doch eher nicht?
Dienstag, 5. April 2005
Danke, Romana Marin und Jörg Diener! Ihr ermutigt mich, in die Geschichte des Jahres 1981 einzutauchen! Wenn man es aus der Perspektive eines Romans tut, wird die eigene Erinnerung an diese Zeit auf interessante Weise nebensächlich. So entgeht man wohl – hoffentlich – der Kolportage...
Montag, 4. April 2005
Am Mittwoch geht es nach München, zum Krimifestival. Zusammen mit Robert Hültner und Friedrich Ani bestreitet yours truly die Eröffnungsveranstaltung mit anschließender Party. Übrigens wird an diesem Abend auch der von Angela Eßer herausgegebene „Tatort Bayern“ erscheinen, eine Anthologie mit einigen meiner liebsten deutschen Autoren. Ich hab auch was beigesteuert – eine Geschichte, die in Regen spielt, weshalb ich am 7. 4. dort auch lesen werde.
Das ist übrigens mein 5x. Geburtstag – liebe Leser, liebe Leserinnen, macht man ja eigentlich nicht, daß man irgendwann sagt: ich feiere jetzt jedes Jahr meinen 50., oder? Es ist nur so: ich vergesse eigentlich dauernd, wie alt ich bin, muß nachrechnen, das ist zeitraubend. Oder offenbart sich hier ein infantiler Hang zur Verlängerung der Pubertät bis kurz vorm Sterbebett?
Erwachsen werden? Na gut – wenn es denn sein muß und der Wahrheitsfindung dient.
Freitag, 1. April 2005
Nein, liebe Leser, man soll an Rezensionen nicht herummäkeln! Obwohl man es manchmal möchte. Dennoch gibt einem das eine oder andere zu denken, und darüber haben wir uns in der Mailingliste des Syndikats kürzlich gründlich ausgetauscht...
Am Beispiel einer wirklich wunderbaren Rezension von „Russisch Blut“ in der Rheinischen Post, in der der Autorin allerhand Schmeichelhaftes gesagt wird. Andererseits: es dauere „zu lange, bis mit dem Tod des Archäologen wirklich etwas passiert. Die Polizei tritt erstmals auf Seite 134 auf, bis dahin weiß der Leser nicht recht, was er von der Geschichte halten soll.“ „Stünde der Mord am Anfang des Buches (...), wäre ein richtiger, sogar ein außergewöhnlicher Krimi entstanden.“
Nun steht der Mord tatsächlich am Anfang des Buches – genauer gesagt: auf S. 10 gibt’s den ersten Toten. Zugegeben: in einem Epilog, der Vorgriff auf Kommendes ist, ein Kunstgriff, den ich eigentlich nicht mag, aber den der Lektor dringend empfahl, solcherlei Mißverständnisse antizipierend. Und: wieso wird es erst spannend, wenn die Polizei auftritt, die eher dafür bekannt ist, daß sie geduldig immer wieder die gleichen Fragen stellt, also nicht gerade der große Spannungsgarant ist?
Das ergibt die Frage: was macht einen Krimi spannend? Genretypische Versatzstücke, wie: der Mord geschehe auf den ersten 12 Seiten und die Polizei muß auch gleich am Tatort sein? Oder haben wir nicht wirklich mittlerweile dieses sagenhaft große Spektrum, was es erlaubt, Spannung auch auf andere Weise entstehen zu lassen? Unterschätzen Rezensenten die Leser? Oder verlangen die Leser im Grunde auch nach den bekannten Anhaltspunkten, die ihnen versichern: Du bist hier richtig, es handelt sich um eine sortenreine Züchtung mit arttypischen Ingredienzien?
Das ist dann wieder ein Anlaß, aus der Krimischublade raus zu wollen.
Dienstag, 15. März 2005
Ebba Drolshagen hat sich schon einmal aufs Feinste in die Nesseln gesetzt – mit einem Buch über die Freundinnen deutscher Wehrmachtsoldaten („Nicht ungeschoren davongekommen“, 1998). In ihrem neuen Buch geht sie dem Schicksal der Kinder nach, die aus Beziehungen zwischen deutschen Soldaten und Frauen in den besetzten Ländern hervorgegangen sind. Ihnen wurde ihre Herkunft oft verschwiegen, auch um ihnen zu ersparen, als Nazibastarde durch die Gegend zu laufen.
Ich gestehe heftige Rührung bei den Schilderungen der Fälle. Jahrzehnte später entdecken Kinder ihre Väter oder ihre Mütter oder ihre Geschwister – und ihre eigene Herkunft.
Kein Grund für Rührung natürlich für alle, die Herkunft für nicht weiter wichtig halten – weil culture ja alles sei und nature nicht weiter wichtig. Aber schon Kinder wünschen sich eine andere Herkunft einerseits – und leiden andererseits unter der Vorstellung, die Eltern seien nicht wirklich die „eigenen“. Muß also etwas Tiefverwurzeltes sein.
Im Gegensatz zu den Kindern, die Zweifel an ihrer Herkunft haben müssen, hat mein Held Will Bastian daran gar keinen Zweifel– im Gegenteil: er fürchtet die Ähnlichkeit mit seinem Vater, die von Tag zu Tag deutlicher wird. Wer aber ist sein Vater? Karl Bastian war Marinesoldat im Zweiten Weltkrieg, lag lange Zeit fest in Frankreich, bei Quimper. Aber weiß man, was er dort getrieben hat? Krieg? Oder doch – Liebe?
„Wenn die Kriegsgeneration ihren Kindern über ihre Kriegszeit etwas verheimlichte, dann, so glaubte die deutsche Nachkriegsgeneration, ihre Beteiligung an Massakern. Auf den Gedanken, daß dieses Schweigen (auch) etwas davon so Verschiedenes wie eine Liebesgeschichte umfassen könnte, kam kaum jemand.“ Ebba D. Drolshagen, Wehrmachtskinder, München 2005, S. 24.
2. März
Ich habe gestern William Boyds "Eines Menschen Herz" zuendegelesen. Kein sehr prägnanter Titel, aber ein hinreißendes, wunderbares Buch. Boyd hat das Tagebuch eines englischen Gentleman namens Logan Mountstuart erfunden, das in den zwanziger Jahren beginnt. Als Logan 1991 im gesegneten Alter von 85 Jahren stirbt, hätte ich fast geheult.
Mountstuart gerät übrigens in den 70er Jahren in die deutsche Terroristenszene über einen englischen Ableger des Sozialistischen Patientenkollektivs. Ich gebe zu, daß mich das noch am wenigsten interessiert hat - was gleich zur nächsten Frage führt: wieviel Zeitgeschichte und -politik verträgt der Roman, an dem ich gerade stricke? Schicksalhafte Ereignisse der Protagonisten finden in den 80er Jahren statt, genauer: im Jahre 1981, im Jahre von Brokdorf und Wackersdorf, Friedensbewegung und Startbahn West, Attentat auf den Papst, Solidarnosc...
Wie fängt man das ein, ohne daß Kolportage draus wird? Und: interessiert das den Leser - die Leserin - heute noch?
Antworten erbeten an yours truly...
1. März 2005
Was für ein Tag! Strahlend blauer Himmel, eisige Kälte. Kater Felix läßt sich dennoch auf einen Spaziergang ein - durch tiefen, unberührten Schnee. Ich sinke immer wieder bis über die Waden ein, Felix robbt sich schon mal auf dem Bauch vorwärts, aber das tapfere, mutige Tier hält durch bis zum Ende und weigert sich entschieden, auf den Arm genommen und getragen zu werden. Man ist doch kein verpimpeltes Stadttier, sondern ein künftiger KampfKater!
Auf dem Rückweg kommen wir an einem Hasen vorbei, der mit rollenden Augen und heftig atmend auf dem Feldweg liegt. Krank? Verhungert? Erfroren? Egal - ich traue mich nicht, das Tier zu berühren, auch wenn Hasen normalerweise keine Tollwut haben... sorry, Langohr.
Der Lebensgefährte versucht eine Katzenklappe einzubauen, die nur Familienmitglieder reinläßt, aber nicht die verfressenen schwarzen und roten Nachbarskater, wunderbare Tiere, aber völlig enthemmt, was Sheba und anderes Nachwerk betrifft. Unsere Katzen gucken meistens blöde zu, wenn die Raubtiere von nebenan sich wieder einmal durch die ungeschützte Katzenklappe ins Haus geschlichen haben und sämtliche Futterschälchen leeren, bevor sie den Tatort verlassen, DNA-Spuren in Gestalt von Duftmarken hinterlassend. Deshalb die Infrarotklappe.
Aber funktioniert das Ding vielleicht? Njet! Von unten höre ich es fluchen. Von drei kleinen Anhängern, die der Klappe den Impuls geben sollen, aufzugehen, wenn eine damit bewehrte Katze sich nähert, funktioniert nur einer. Tausende von Haushalten sind womöglich glücklich mit ihrer Katzenklappe - wir finden die Installation ermüdend. Und wie soll ich am Roman arbeiten, wenn sich unten die wahren Dramen abspielen? die, die das Leben schreibt?
23. Februar
Zusammen mit Horst Eckert, Doris Gercke, Gunter Gerlach und Sandra Lüpkes nominiert für den Friedrich-Glauser-Preis 2005, Sparte Kurzgeschichte! Das macht Spaß.
18. Februar
„Putz“ wird immer dicker, was ja nur bei Manuskripten erwünscht ist. Weshalb die Autorin gezielt schmaler geworden ist.
Ich habe im Laufe der Recherchen gelernt, wie ausgefinkelt das moderne Putzwesen ist – nein, ihr Frankfurter, nicht das Auf-den-Putz-Hauen, sondern das Putzgewerbe, das für Sauberkeit sorgt. Bei Claus Wissers Wisag habe ich eine Einführung in die Komplexi-tät des Facility Management erhalten – und Einblick in die Deutsche Börse genommen. Sehr spannend. Und außerdem ist das ein Beruf mit Zukunft. Aber das begreifen clevere Menschen aus Osteuropa womöglich schneller als die Deutschen.
Den zweiten Strang der Erzählung mußte ich nicht groß recherchieren. Es geht um einen ältergewordenen Mann und seinen schon ziemlich alten Vater. Ich hätte da aus ei-gener Anschauung einiges beizusteuern – über das Verhältnis der Töchter zur Mutter, etwa – aber mir ist die Distanz angenehm, die mir ein männlicher Protagonist verschafft. Es soll ja keine Selbsterfahrung herauskommen, sondern ein Buch.
Das wird übrigens mein erster Roman, der im städtischen Milieu spielt. War gar nicht so schwierig: Frankfurt hat noch genug dörfliche Strukturen. Und ein Dorf sui generis ist im Grunde auch der Mikrokosmos der Angestellten, kaserniert in den Türmen der Stadt. Was ist ein Großbetrieb anderes als St Mary’s Mead?
15. Februar
Liebes Tagebuch,
es gibt Leute, die behaupten, du seist eigentlich ein Blog. Quatsch.
Blogs werden von Leuten gemacht, die es tatsächlich fertigbringen, jeden Tag ir-gendeinen wichtigen Gedanken zu haben, den es der Netzöffentlichkeit zu unterbreiten lohnt!
Unvorstellbar.
12. Februar
Der Titel des neuen Romans heißt "Putz" - Putz wie Putze, Verputz oder auf den Putz hauen.
10. Februar
First we take Tokio, then we take Berlin! "Caruso singt nicht mehr" und "Wasser zu Wein" werden ins Japanische übersetzt. Das ist der Beginn des Welterfolgs! Mit gigantischen Auflagenhöhen! Oder so...
Warum sich die Japaner für meinen Krempel interessieren sollen? Vielleicht, weil man in Japan seit jeher eine Affinität zu deutscher Literatur, Landschaft und Kultur hat. Übrigens sind auch einige frühe wissenschaftliche Werke meines alter ego in Japan rezipiert worden. Die Japaner finden Klein-Roda in der Rhön eben einfach exotisch! Tief! Lehrreich!
Egal: mich freut's.
Mittwoch, 22. Dezember 2004
Es schneit seit etwa einer Stunde. Vor dem Fenster kluckt eine Amsel. Noch nicht einmal das läßt die beiden Kleinen aufhorchen, die Arm in Arm in meinem Arbeitszimmer auf dem Sofa liegen: Felix, fünf Monate, Kater; schwarzweiß, aufgewachsen in einer Autowerkstatt, verläßlich und treu, sowie Bisou, drei Monate, Tochter einer Heiligen Birmakatze, weiß und silbern, Französin, Prinzessin. Nur Bougie, die Stammkatze, traut dem Frieden mit dem unerwünschten Nachwuchs noch nicht und knurrt, wenn sich die Kleinen allzu kühn nähern.
Und die drei müssen morgen eingesammelt und ins Auto gesteckt werden – wir fahren nach Frankreich für zwei, drei Wochen. Dort soll der Himmel blau sein, kein Schnee in Sicht, nur eisiger Mistral, der alles wegfegt, was sich vor die Sonne wagt.
Wir werden dort, in der Süd-Ardeche, am 24. 12. meine Schwester und ihren Mann besuchen, die in einem großen, zugigen cevenolischen Mas wohnen, und dort kraft unserer inneren Hitze die Raumtemperatur im Verlauf des Abends von befürchteten 10 auf anstrebenswerte 16 Grad hochtreiben. Silvester wird dann im Clos de Chapelet gefeiert. Mit Garnelen vom Markt und Täubchen aus dem Nachbarort. Und mit Wein aus Deutschland... Wünsch uns dabei Glück, lieber Leser, liebe Leserin – so wie auch ich Glück wünsche, gute Tage, ein strahlendes 2005! Es kann nur besser werden. Oder?
Freitag, 17. Dezember 2004
Mein Schreibtisch sieht aus – naja: nicht gerade nach zwangsneurotischer Sauberfrau, aber dennoch verdächtig aufgeräumt. Wenn sich nicht doch noch irgendwas findet, ließe sich eventuell behaupten, daß einer Weiterarbeit am neuen Roman nichts im Wege steht – Arbeitstitel: „Der Feigling“, „Wir haben gekämpft“ oder auch einfach nur „Putz“.
Für alle mit Entzugserscheinungen: der Roman wird wieder bei Antje Kunstmann erscheinen und wenigstens Karen Stark wird eine Rolle spielen. Ich schreibe bereits am Rohentwurf und recherchiere nebenbei die Kunst des gewerblichen Putzens in öffentlichen Räumen – seeeehr spannend.
Ebenfalls spannend: die Hauptfigur Will Bastian leidet an der Erkenntnis, daß er seinem Vater immer ähnlicher wird. Aber wie ähnlich ist er ihm wirklich? Was ist vererbt, was ist erworben? Und gibt es soetwas wie ein Mördergen? Nein, natürlich nicht, denkt Will. Aber die neuere Forschung läßt frühere Gewißheiten alt aussehen. Es ist mehr möglich, als Will jemals zu denken gewagt hätte.
Donnerstag, 9. Dezember 2004
Zufälle. Bei Recherchen für „Russisch Blut“ habe ich mich intensiv mit einem Buch von Constanze Paffrath befaßt, in dem sie die seltsamen Wege nachzeichnet, auf denen die Kohl-Regierung versuchte, die Wiedervereinigung zu finanzieren – vor allem unter Ausnützung der Tatsache, daß nicht nur die Sowjetunion, sondern auch die DDR-Regierungen das Vermögen ihrer Bürger fröhlich enteignet und umverteilt haben.
Nun treffe ich sie während der „Erkrather Kriminacht“ in der Brügger Mühle, eine Veranstaltungsreihe, der mittlerweile Kult-Charakter zugesprochen wird und die rein privater Initiative entspringt – nämlich der Blücher GmbH, die sich von Silvia Kaffke (danke, Silvia!) auf die gute Idee bringen ließ.
260 Zuhörer. Das macht Spaß. Der Krimi boomt? Muß wohl so sein!
Sonntag, 5. Dezember
'Russisch Blut' geht nach nur 9 Wochen in die 3. Auflage! Danke, liebe Leser... (Und mehr an dieser Stelle über die jüngsten Abenteuer von yours truely demnächst...)
Samstag, 23. Oktober 2004
Über das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit belehrten mich zwei ältere Frauen in meinem Lesepublikum. Die eine sagte zu mir, anerkennend den Kopf schüttelnd: „Also wie Sie den Treck beschreiben...“ Ich hätte sie gerne gefragt, wie sie das meint, aber da war sie schon verschwunden. Der anderen sah ich schon während des Lesens etwas an. Vielleicht gespannte Aufmerksamkeit. Und dann sagte sie, danach: „Woher wissen Sie das? Sie können doch gar nicht dabei gewesen sein!“ Aus Schlesien geflüchtet mit sechs Jahren.
Peter Esterházy, in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2004: „Bücher erzählen Geschichten, damit man die eigene Geschichte nicht erzählen muß.“
Sonntag, 17. Oktober 2004
Ich mag das Wort „Krimi“ nicht. Noch nie oder nicht mehr – weiß nicht. Aber in der letzten Zeit passiert mir häufiger, daß ich öffentlich verleugne, daß ich Krimis schreibe. Romane, ja. Mit Spannungselement (was, zugegeben, ein bißchen wie „Jahresendzeitfigur“ bzw. „Winkelement“ klingt.) Und das hat mehrere Gründe.
In dieser oder auch jeder anderen Reihenfolge: Ich krümme mich, wenn mir eine lie-be Leserin erklärt, sie lese eigentlich keine Krimis, aber meine – nunja – die seien ja gar nicht... Doch, habe ich anfangs gerufen. Genau das ist ein Krimi! Und, in grober Selbst-überschätzung: Genauso so sollen Krimis sein! Aber das rufe ich natürlich nicht mehr, seit ich weiß, daß unsere männlichen Spezialisten für „noir“ und „hard boiled“das ähnlich sehen wie meine Leserin: ein ächter Krimi ist „plot driven“ und es muß mindestens ein Hubschrauber explodieren. Ein Roman mit a bisserl a Spannung wie die meinen wird als „character driven“ bezeichnet, d.h., typisch für Weiber, die Psychologie interessiert mehr als action.
Bekenne ich mich halt zum Frauenkrimi. Aber – halt! Seit kürzlich Sabina Naber, Susanne Mischke und ich zu einer Veranstaltung ins wunderbare alte Rathaus in Büdingen mittels eines Wegweisers geleitet wurden, auf dem „Frauenkrimiabend“ stand und dann im Publikum nur ein paar Männer saßen, die offenbar ein schlechtes Gedächtnis oder keine traumatischen Erinnerungen an die 70er und 80er Jahre hatten, als mann wußte, daß da, wo Frauen drauf stand, auch nur Frauen rein durften... da gähnte eine Schublade, in die wir alle nicht reinwollten.
Und ganz zum Schluß das ökonomische Argument. Wie oft habe ich von liebenswürdigen Lesern und Leserinnen gehört – mein schönstes Hardcover, „Schneesterben“, in der Hand wägend – , sie wollten doch lieber warten, bis das Buch als Taschenbuch erhältlich ist. So viel Geld für einen Krimi... und ein Hardcover schmeiße sich weniger leichten Herzens weg als ein Taschenbuch...
Verschenkts doch! Setzt es aus! Verleiht es! Habe ich gedacht. Aber sowas sagt man nicht als Autor. Auch nicht, daß man für den Gegenwert eines Hardcovers gerademal zwei bis zweieinhalb Kinokarten kriegt (also höchstens 5-6 Stunden Ablenkung). Daß man mit so einem Buch aber gut und gerne 3, 4 Abende verbringen kann. Ganz zu schweigen von der Arbeit der Liebe, die drin steckt.
Usw. Usf.
Aber das will naturgemäß niemand hören.
5. Oktober 2004
Positive Rezensionen sind was rundum schönes, völlig klar. Dennoch lassen auch sie manchmal Fragen offen banger Art: so wunderbar das ist, angesichts der gigantischen Auflagen von Marklund, Nesser, Edwardson und Co. hierzulande mit skandinavischen Kollegen verglichen zu werden (horche auf, geliebtes deutsches Publikum!), so stutzig macht mich das Kompliment, ich intoniere meine Bücher so „sozialkritisch“ wie sie. Iiiich??? Was, liebes Spiegel Special, meinst du damit?
Oder leide ich an einem Post-68er Trauma, wie ja so viele Menschen heutzutage? Damals mußte man dauernd die Speerspitze der Arbeiterbewegung sein und das Großkapital ent-larven. Das nannte sich sozialkritisch. Später gehörte es sich, auch als furznormaler Kri-miautor (Unterhaltungsliteratur, die früher als eskapistisch galt, bis man entdeckte, daß sie sozialkritisch intoniert werden konnte) den Finger in die offene Wunde der Gesellschaft zu legen, welche Wunde auch immer gerade angesagt war.
Und ich? Was habe ich getan? Ich wollte einfach nur mal einen Krimi schreiben, in dem ein Schloß vorkommt. Dabei ist mir die deutsche Geschichte auf die Füße gefallen, das ist normal hierzulande. Aber sozialkritisch?
Leser, hilf! Ist Anne Chaplet ein verkappter Schwede?
Sonntag, 4. Juli 2004
„Russisch Blut“ ist fertig. Die Schlußredaktion ist gemacht, die Fahnen sind korrigiert, es gibt bereits erste Leser (danke, Monika Reile!) und die Autorin bekämpft den horror vacui. Gottlob gibt es genügend Lesungen (noch aus „Schneesterben“), die mich beschäftigen: Während des Tübinger Bücherfestes las ich im wunderbaren Schwurgerichtssaal, auf dem Richterstuhl thronend, und dachte an meinen 90jährigen Vater, einst Amtsgerichtsrat in Osnabrück, der das idealistische Kind weiland mit der zweifellos realistischen Erkenntnis schockierte: „Bei mir gibt es keine Gerechtigkeit! Und es kriegt auch niemand recht. Bei mir gibt es lediglich ein Urteil nach Recht und Gesetz!“ Ich habe einige Jahre gebraucht, um den Vorzug dieses Rechtsverständnisses zu begreifen...
Der Schwurgerichtssaal war voll und bis auf den letzten Platz besetzt. Sogar auf der Anklagebank saßen Zuhörer – also waren wir summa summarum mehr als 300 Personen. Das hat Spaß gemacht, ebenso wie die Lesung in Pfungstadt in der ehemaligen Synagoge. So lernt man Deutschland kennen!
Ansonsten ist die Frage, was man macht, wenn der Roman fertig ist, einfach beantwortet: man erledigt das, was liegengeblieben ist – eine Kurzgeschichte für die Hellweg-Anthologie, die Steuer, Korrespondenz – und räumt auf. Bücher wegbringen, Papierberge entsorgen, Unterlagen abheften. Putzen. Den völlig verwucherten Garten begehbar machen. Und man wartet auf den Moment, in dem es endlich wieder gelingt, gedankenarm und betätigungslos auf der Gartenbank zu sitzen. Gottlob ist das Wetter nicht danach.
Dienstag, 22. Juni 2004
Die jüngste der beiden Katzen ist tot. Ein Trost, daß Frau Mischke, genannt Misch (nicht verwandt mit Susanne!) zwar schon sichtbar krank, aber noch lebendig, im Film auftritt, den Henning Burk fürs Hessenfernsehen gedreht hat.
Ich rege mich wieder mal über die sogenannte „neue“ Rechtschreibung auf, vor allem über die nicht eben seltene Behauptung ihrer Befürworter, sie sei „modern“, während die „alte“ eben veraltet wäre, und man habe sich ihr zu befleißigen, wenn man von „der Jugend“ verstanden werden wolle.
Mal abgesehen davon, daß ich auch von den Älteren verstanden werden will, ist das Argument schon deshalb seltsam, weil die Rechtschreibreform nicht Resultat nachvollzogener Veränderung ist, wie es sich durchaus gehörte, weil Sprache ja etwas Lebendiges ist - sondern die Kopfgeburt nicht eben jugendlich-frischer Menschen. Was ist modern an dieser begrifflosen Selbstverwirklichungsorgie einer durch nichts legitimierten Versammlung von Schreibtischtätern?
Schlimmer noch: nichts ist einfacher geworden, alles ist verworrener, aber es ist keine freudvoll-verspielte Anarchie, die wir erleben, sondern die Fortschreibung der Lieblosigkeit, mit der uns schon die Nachrichtenredaktöre der Rundfunkanstalten beglücken, bei denen man neuerdings einen Konflikt „gegen“, aber nicht „mit“ jemandem hat. Und „Massaker“ grundsätzlich auf der ersten Silbe betont wird.
Ich laß mich auf den ganzen Quatsch nicht ein, meine Verlage verlangen mir überdies nichts ab, was mir gegen den Strich geht und ich frage mich schon seit langem, wer eigentlich gezwungen ist, sich der „neuen“ Rechtschreibordnung anzubequemen – außer Lehrern und Schülern? Die allerdings sollte man mit der neuen Verwirrung nicht allein lassen. Also: Schluß mit der Rechtschreib“reform“!
12. Mai 2004
A propos Serienmörder: mir ist anläßlich der ansonsten geschätzten Val McDermid wieder aufgefallen, wie die Figur des Serienmörders einen Autor über einen mehr als mäßigen Plot retten kann. In „The wire in the Blood“ werden junge Mädchen bestialisch getötet: ihr Arm wird in einen Schraubstock gezwängt, bis er zertrümmert ist. Der Täter läßt sie alsdann in einer Art Atombunker sterben. Er ist eine bekannte Fernsehperson, ehemals Sportler, der es seiner jungen Freundin nicht verziehen hat, daß sie ihn verließ, nachdem er durch einen Unfall den Arm verlor und der deshalb junge Frauen auf die beschriebene Weise umbringt. Der asexuelle Dr Tony Hill gibt den Profiler, eine ehrgeizige Polizistin wird eines der Opfer, das einen besonders brutalen Tod erleiden darf.
Der Vorzug von Serienmördern liegt offenbar für einen Autor darin, daß sie sehr selten und, im Unterschied zum „normalen“ Affekttäter, meistens tief gestört sind. Man kann sich deshalb allerhand Freiheiten mit ihnen erlauben – da ist dann kein Mord zu grausam und kein Motiv zu banal. (Was brauch tein Geistesgestörter auch nachvollziehbare Motive???) Überdies hat man die Zauberfigur des „Profilers“ zur Verfügung, der sich so tief in die abnorme Psyche des Mörders hineindenken kann – zu nicht geringen Kosten für die eigene geistige Gesundheit – daß er ihn „ahnen“, ja „spüren“ kann, auch wenn die normale polizeiliche Spurensuche nicht viel abwirft.
Man könnte das alles auch Mumbo-Jumbo nennen. Die Wirklichkeit ist banaler.
Das allerdings muß einen Romanautor nicht kümmern. Was wäre also der literarische Mehrwert des Serienkillers? Ich gebe zu: da versagt meine Phantasie. Das Reizvolle des Krimis als Gesellschaftsroman liegt ja meiner Meinung nach darin, daß er zeigen kann, was eine Tat, die ein tiefsitzendes Tabu berührt – Kain erschlägt Abel – mit der Gemeinschaft macht, innerhalb derer sie stattfindet. Der Serienmörder aber geht seinen Perversionen höchst einsam nach, er begeht nicht das, was man eine „Beziehungstat“ nennt, weshalb sich der Serienmörder-Plot meistens auf das Muster „Jäger und Gejagter“ beschränkt.
Kürzlich hat jemand gesagt: Man greift zum Serienmörder, wenn man seinen Plot nicht vernünftig zuendebringt. Vielleicht ist es das, was ich unbehaglich finde.
Donnerstag, 6. Mai 2004
Manchen reicht Krimi nicht. Sie möchten den „Krimi mit dem Blubb“, mit der Extraportion von – von was eigentlich? Die Meinungen dazu gehen auseinander, allen gemein aber ist die Forderung nach dem „Extra“: Die einen wünschen sich den literarischen Krimi, so, als ob Kriminalromane noch immer keine Literatur seien. Andere möchten die gesellschaftspolitische Belehrung in Spannungsform. Manche hätten’s gern experimentell oder fordern mal wieder, mit den Regeln des Genres zu spielen, als ob das heute noch ein Kunststück sei. Kurz: es soll auf Deubel komm raus irgendwie besonders, anders, iro-nisch gebrochen, sperrig, unbequem zugehen, eben mit dem Extraschlag Sahne versehen sein. Kaum einer bekennt sich zu dem, was doch schon sehr viel ist: zum gut gestrickten Unterhaltungsroman mit Tiefgang, sauber geschrieben, ohne daß auf jeder Seite behauptet wird, die deutsche Sprache oder das Genre würden soeben wieder neu erfunden oder man zähle sich, wie ein französischer Autor jüngst behauptete, zur Speerspitze der Arbeiterbewegung.
Woran liegt das? An der bildungsbürgerlich-linken Angst vor dem „bloß“ kommerziellen? So etwas wehte einen kürzlich anläßlich der „Glauser“-Verleihung an, der ja der „Oscar“ des deutschsprachigen Krimis sein soll. Weit entfernt von diesem behaupteten Glamour mutierte der Preis plötzlich zur Entschädigung für Verkanntheit – mit dem nicht zu überhörenden Unterton, die wahre Qualität liege dort, wo der Publikumserfolg ausbleibt.
Seltsam – nur in diesem unserem Lande ist Erfolgslosigkeit ein Qualitätsmerkmal, das unterscheidet uns auffällig von Hollywood. Und dokumentiert, wenn man das Argument mal umdreht, eine gehörige Leserverachtung: was kommerziell erfolgreich ist, kann nicht gut sein. Also: der Leser ist blöd. Weshalb manch eine glaubt, ihn belehren zu müssen: natürlich ohne daß er/sie/es es merkt! <7p>
Diese Leser, gestehe ich, möchte ich nicht. Meine Leser mögen sich verführen lassen, aber nicht hintenrum belehren, also: betuppen lassen. Wo Krimi draufsteht, soll auch Krimi drin sein: Unterhaltungsliteratur, nicht der ewig deutsche Klassenkampf um die geistig-kulturelle Hegemonie. Oder eine didaktisch aufbereitete Bebilderung der Strafprozeßordnung, möglichst im Maßstab 1 : 1. Wem das zu wenig ist, der versuche es mal.
Vielleicht hat ja ein so professionell lanciertes Buch wie Juliane Hoffmanns „Cupido“ auch deshalb auf Anhieb Erfolg, nicht, weil das deutsche Publikum zu blöd ist, sondern weil es die Mischung aus edlen Motiven und Minderwertigkeitskomplexen der deutschen Autoren leid ist, denen der „Blubb“ wichtiger ist als der Spinat?
Nachtrag: daß das deutsche Publikum nicht blöd ist und sich deshalb auch weder hintenrum belehren lassen noch mit einem auf hohe Auflage hin gestrickten Serienmörderplot betuppen lassen will, zeigt sich daran, daß „Cupido“ nach raschem Aufstieg tief in der Versenkung verschwunden ist. Was lehrt uns das?
Donnerstag, 4. März 2004
Es ist die Quadratur des Kreises: man nehme 1 Schloß, 1 alten Grafen, 2 schwarze Pferde, 1 unsoliden Wissenschaftler (tot), jede Menge verborgener Schätze und den Sproß einer Schändung – und mache daraus weder einen Herz-, Schmerz-und-Krone-Roman noch eine Parodie!
Geht nicht? Mal sehn. Wir arbeiten dran.
Anders gesagt: nichts ist im Kriminalroman verboten, was es auch in der wirklichen Welt gibt. Sogar: siehe oben...
Uns erscheint nur als Klischee, was oft genug das pure Leben ist. Literatur draus machen.
Montag, 2. März 2004
Liebes Tagebuch, ja, du bist schmählich vernachlässigt worden! Und das wird wohl auch so bleiben. Der Roman geht vor; „Russisch Blut“ ist übrigens der Titel (hat mit der russischen Mafia nichts zu tun, auch nicht mit „Wiener Blut“ o.ä. Die Assoziation „Russisch Brot“ wäre mir lieber, aber sie träfe nicht zu...). Das Buch erscheint im Herbst 2004 als „Piper Original“ und ist der Auftakt einer zweiten Serie. Karen Stark und Paul Bremer werden zwar nicht in die Rente geschickt (das wäre eine sehr frühe Frühverrentung), aber sie sollen Gelegenheit für ein bißchen Privatleben haben, bevor sie 2005 wieder dran sind.
„Russisch Blut“ basiert – auf Geschichte, z. B. der von Flucht und Vertreibung aus dem deutschen Osten 1945. Aber auch auf einer Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht und deren Pointe noch aussteht. Und die ist stranger than fiction.
Weshalb mir beim Schreiben immer wieder auffällt, wie häufig man das Etikett „Klischee“ oder „unglaubwürdig“ gerade auf das pappt, was nichts als – tja: authentisch ist. So wie die Geschichte des Schlosses, das 1945 in der sowjetisch besetzten Zone konfisziert wird, dann von der Treuhand verscherbelt wurde und heute vor sich hin modert, weil Kommune und Land kein Geld für dessen Erhalt haben. Nicht nur deshalb hätte heute manch einer lieber die Altbesitzer zurück...
Freitag, 27. Februar 2004
Und heute einen schönen Gruß - von der Schillerstraße über den Vogelsberg bis in die Rhön, zum Biosphärenreservat, zur Herbertsmühle, wo es den besten Käse weit und breit gibt... (Mehr unter: www.herbertsmuehle.de) Siehe auch: "Caruso singt nicht mehr", S. 209
Dienstag, 13. Januar 2004
Ich gratuliere den Herren Blettenberg und Steinfest zum Deutschen Krimipreis 2004 – und der Dame Anne Chaplet auch! Für die Silbermedaille. Das schmückt – zumal es schon das zweite Mal ist. Überhaupt ist das Leben derzeit rundum gut: der neue Roman schreitet voran (naja: tut er eigentlich nicht, die Autorin schreibt ihn mehr oder weniger vorwärts) – und am Wochenende gab es eine Rezension von Andrea Fischer (ja, die!) im Tagesspiegel, die mich ganz besonders gefreut hat (obwohl man sich doch auch anderwärts nicht beklagen kann...) Das Lob kann man in den Pressestimmen zu „Schneesterben“ nachlesen, wenn man will – wichtiger aber waren mir ihre Anmerkungen zu meinem Tagebuch – naja: ich gebe zu, daß ich mich regelmäßig frage, wer das lesen will/soll und was man eigentlich alles so ausplaudern darf. Jammern jedenfalls darf man ganz gewißlich nicht, nie und niemals... Da zuckt man schon zusammen, wenn Andrea Fischer bemerkt, daß ihr manch Empfindlichkeit nicht entgangen ist. Aber recht hat sie. Sind Fiction-Autoren (um der deutschen Frage auszuweichen, was denn ein Krimi sei – den ersten Teil des Wortes bitte englisch aussprechen!) empfindlicher als knallharte Polemikerinnen und Sachbuchautoren? Ja! Und warum? Weil es in einem Krimi nicht um Aufklärung und Argument und Streit geht, sondern um die Verführung des Lesers. Ja, Leute, da ist Liebe im Spiel! Und deshalb die Empfindlichkeit – denn wer hat es schon gern, wenn die Angebetete einem die Rosen um die Ohren haut, die man ihr zu Füßen gelegt hat? (Naja – das Handelsübliche wie unendliche Eitelkeit und Lobes-wie Liebesbedürftigkeit ist natürlich auch dabei.) (Goes without saying, oder?) Und nun danke ich an dieser Stelle allen, die mir gratuliert haben. Und der Jury. Und Reinhard Jahn, dem Verkünder. Und meinen Eltern, ohne die das alles nicht... Applaus. Vorhang.
Donnerstag, 18. Dezember 2003
Ich gehöre nicht zu den Autoren, die ungern auf Lesereise gehen und sich hernach über dumpfe Hotelzimmer, empfindungslose Veranstalter und ein provinzielles Publikum beschweren, das immer die gleichen (selbstredend irgendwie blöden) Fragen stelle. Im Gegenteil: ich lese gern. Seit Mitte September 2003 immerhin 21 Mal. Die meisten Ver-anstaltungen waren wunderbar, ob in der Stadt oder auf dem Land. Ich habe nicht die geringste Klage über mein Publikum, und ich finde auch nichts dabei, wenn sich die Fragen irgendwann mal ähneln: ist doch klar – die meisten beschäftigt eben auch etwas ähnliches. Selten gab es schlechte Erfahrungen – aber auch über die muß man berichten dürfen. Denn Autoren sind zwar keine kälteempfindlichen zarten Pflänzchen, aber auch keine Ware, die man bestellt, um hinterher mit ihr zu verfahren, wie’s beliebt. Ja, es ist schön, wenn vor Ort ein bißchen Werbung gemacht wird und das eine oder andere Plakat, wird ja immerhin vom Verlag kostenlos geliefert, an sichtbarer Stelle aushängt. Ja, es ist wunderbar, wenn man nach der Lesung mit dem Publikum noch ein Glas Wein trinken und über die Dinge von Leben & Sterben reden kann. Ja, es ist angenehm, wenn das Hotel nicht eines von der Sorte ist, wo man an Bataillone armer grauer Handelsvertreter denkt, die sich von der Bettkante aus zu Tode gestürzt haben. Reisen ist nicht jedermanns Sache, man kann verdammt einsam sein bisweilen und es ist schön, wenn die Gastgeber das Gefühl vermitteln, daß man willkommen ist. Ich habe die besten Erfahrungen gemacht mit Buchhändlerinnen oder privaten Kulturinitiativen, auch gute mit Stadtbibliotheken. Aber in einem Fall handelte es sich um die Veranstaltung einer Gemeinde, mit öffentlichen Geldern bezuschußt, und ich fand den Umgang mit Autorin und Publikum nicht sonderlich gelungen – übrigens auch nicht den Umgang mit potentiellem Publikum, dem es nicht gelang, a) vorher über die Veranstaltung etwas genaues in Erfahrung zu bringen und b) hinterher Kritik daran loszuwerden. Ich habe darüber hier im Tagebuch berichtet. Das hat zu Aufregung bei den Veranstaltern geführt.Offenbar meinte man, Kritik verbiete sich mir, da man mich ja eingeladen habe. Daß ein bezahltes Engagement von Kritik nicht freistellt, hatte ich – siehe oben! – für selbstverständlich gehalten. Aber um des lieben Friedens willen und weil Susanne Eder vom Kunstmann-Verlag mich darum bat (die sich so engagiert um Lesungen kümmert), habe ich den Namen der Gemeinde durch einen fiktiven ersetzt. Denn dort – in „Apfelburg“ – gilt offenbar nicht, daß man aus Kritik auch lernen kann. Und dieses fand sich in etwas anderer Form im Tagebuch unter dem 4. November 2003: Ich lese aus „Schneesterben“ seit dem 11. September. Gestern, in Apfelburg, zum 15. Mal. Es ist verblüffend, wie sich das Buch verändert mit jeder Lesung. Irgendwann mal ist die Lesefassung fertig – die Wahl der Ausschnitte, die Streichungen innerhalb der Ausschnitte, das Lesetempo, die Unterbrechungen an dramaturgisch richtiger Stelle haben sich bewährt. Dann empfiehlt es sich, noch einmal in das Buch hineinzuschauen und all das wahrzunehmen, was man seinem Publikum in den letzten Monaten nicht vorgetragen hat. Und wieder verändert sich das Buch. Eine schöne Erfahrung. Eine schöne Erfahrung sind Lesereisen auch aus anderen Grünen. Man lernt reizvolle Orte kennen und ein Publikum, das oft mit den Veranstaltern (Buchhandlungen oder Kulturkreise) eine Art gestandener Symbiose bildet. Ein Segen sind die Buchhandlungen mit einem gut gepflegten Kundenkreis – es kommen Leute, die sich auch interessieren für das, was ihnen vorgetragen wird, weil sie sich auf die Wahl ihrer Buchhändler verlassen. Und meistens gibt es hinterher noch was zu trinken, während signiert und geredet wird. Die Gemeinde Apfelburg behandelt ihr Publikum nicht ganz so freundlich wie jene anderen, die sich in der freien Marktwirtschaft ihrer Kunden nicht sicher sein können, weshalb sie sich um sie bemühen müssen. Obwohl die Veranstaltung bezuschußt war, strahlte das Dorfgemeinschaftshaus keine sonderlich einladende Atmosphäre aus. Das überaus freundliche und offene Publikum hörte geduldig den endlosen Danksagungen des Bürgermeisters zu und ließ es sich gefallen, daß der um Punkt 22 Uhr jede Diskussion abbrach und den Ort des Geschehens verließ, wahrscheinlich in die Kneipe oder zum Fußball. Natürlich gab es nichts zu trinken. Schließlich mußte der Hausmeister ja auch pünktlich ab- und aufräumen. Und das Veranstaltungsplakat warb schon gar nicht für die Autorin, die man immerhin bereits ein Jahr zuvor eingeladen hatte. „Eröffnungsveranstaltung“ stand da, wo ja vielleicht auch Autorin und Buchtitel Platz gefunden hätten. Nunja. Klagen wollen wir nicht. Aber daß Lieblosigkeit zum Lesen animiert, glaube ich auch nicht.
5. Dezember 2003
Was unendlich nervt, ist der Heiterheiter- und Witzischwitzisch-Ton bei Krimiveranstaltungen, exemplarisch wieder bei der grottigen „Gala“ zur Verleihung des Frauenkrimi-preises in Wiesbaden vor einer Woche. Grottig wegen verhuschtem Talkshow-Geschwätz und einer grauenvollen Performancegruppe, der es beim Vorführen debiler Frauenfiguren und unerträglicher Männerchargen gelang, zu verbergen, daß ihre Mitglieder ihre Blasinstrumente sogar spielen konnten. Was ist eigentlich heiter an Krimis und was ist komisch an Mord und Totschlag? Klar - manch fröhlicher Frauenkrimi fordert geradezu das „mörderische Vergnügen“ heraus und es soll Sisters geben, die „mit lieben mörderischen Grüßen“ zeichnen. Aber ansonsten geht es doch meistens um einen existentiellen Konflikt im Krimi, nicht nur im deutschen; wir sind doch Lichtjahre entfernt von den Zeiten des skurrilen Landhauskrimis, wie man ihn in den 30er Jahren in England schätzte, wo es um den meist klischeehaft gezeichneten Ermordeten nicht schade war und Waffe und Tathergang so absurd wie möglich sein mußten. Bei Fragen a la „Wie morden Sie am liebsten?“ sollte man eigentlich das Gespräch abbrechen. Oder sich nicht weiter wundern, wenn die humorbemühte Moderatorin den brut de brut-Humor von Eva Maaser nicht versteht, die auf die Frage antwortet: „So unblutig wie möglich“. Und auf das begriffsstutzige „Warum?“ sagt: „Ich putze nicht gern.“ In Deutschland wird bei Krimiveranstaltungen eben gern Edgar Wallace assoziiert – bzw. die deutschen Verfilmungen mit Eddi Arents. Also: Krimi ist Klamotte und Klamauk. Oder wenigstens ironisches Zitat. Kann natürlich sein, daß wir wiedermal selbst dran schuld sind, wir Autoren. Die griesgrämigen Bekenntnisableger ebenso wie all die, die in den letzten Jahren vor allem mit Spaßfaktor gearbeitet haben, dabei die Grenzen des Genres lustvoll sprengend, wie’s ja immer noch gern heißt. Oder die ironische Distanz wahrend, „Schundroman“ und so. Ich fühl mich auch schuldig, seit mich eine Kritikerin der noblen FAZ kürzlich bezichtigte, bei einer Lesung witzig gewesen zu sein. Und dann sei das Vorgelesene doch nicht witzig gewesen. Nanu. Was tun? Denn die Gegenbewegung, den „literarisch anspruchsvollen“ Krimi heilig zu sprechen, finde ich auch nicht kommod. Man kann die Grenzen des Genres auch so weit aufmachen, daß vom Genre nichts mehr übrigbleibt. Das mag dann Literatur sein. Aber die mag ich in dem einen oder anderen Fall auch nicht unbedingt lesen. Warum darf ein Krimi nicht gut gemacht und sprachlich anspruchsvoll und dabei unterhaltend geschrieben sein UND die Regeln des altehrwürdigen Genres ehren, ohne zu verkennen, daß es längst eine große Bandbreite an Regeln beherbergt? Geht wohl nicht. Wir bleiben offenbar gefangen zwischen dem Hahaha-Romänchen und dem literarischen Krimi, der keiner mehr ist. Ist ja vielleicht sogar besser als die französische Variante, die kürzlich auf einer deutsch-französischen Krimitagung in Schloß Genshagen bekanntgegeben wurde. Im Krimi möge sich die literarische Avantgarde mit der Arbeiterklasse vereinen, wurde da mit großer Ge-ste vom Podium herunter gefordert. Ach, französiche Intellektuelle können sooo putzig sein.
1. Dezember 2003
Den Frauenkrimipreis der Stadt Wiesbaden hat Ramona Diefenbach gewonnen – ich hätte ihr gratulieren müssen, mochte aber nicht. Wer zweimal betont, daß er keine Krimis schreibe und dann beim Lesen auch noch den ganz hohen Literaturton anstimmt, der ist nicht gerade das, was man sich für die Sache wünscht. Begründung folgt.
Sonntag, 16. November 2003
Die Arbeit am sechsten Roman ist längst begonnen – wird allerdings immer wieder (meistens durchaus angenehm) unterbrochen durch Lesungen und andere Ablenkungen. Kürzlich bin ich für den erkrankten Friedrich Ani eingesprungen – während des Rheingauer Literaturfestivals. Es war ein Genuß, in den Räumen des Weinguts Balthasar Ress zu lesen, mit Doris Gercke und Lothar Ruske, der die Sache nicht nur organisiert, sondern auch die Moderation übernahm. Dennoch bin ich langsam so weit und möchte nur noch eines: mich in die neue Geschichte verkriechen, die überdies den Vorzug (und die Schwierigkeit) aufweist, daß sie ab von bewährten Pfaden führt. Diesmal werden nicht Karen Stark und Paul Bremer die Hauptrollen spielen, sondern eine Tierärztin und ein Büchernarr. Das ganze spielt auch noch in einem verfallenen Schloß an der ehemaligen Zonengrenze und hat mit reichlich Geschichte zu tun – von der letzten Ritterschlacht bis zu den letzten Tagen des Hitlerreichs und den ersten Jahren des Kalten Kriegs. Für die Geschichte meiner Personen ist die Geschichte der Vertreibung aus den ehemalig deutschen Gebieten wichtig, der Vormarsch der Roten Armee und die Frauen, der adlige Widerstand gegen Hitler, Enteignung und Untergang des Adels im Osten und in der Mitte Deutschlands. Es sind Themen, mit denen ich mich jetzt erst richtig vertraut mache. Bequem sind sie nicht.
Montag, 10. November 2003
Ich zittere dem Weihnachtsgeschäft entgegen. „Schneesterben“ verkauft sich nicht schlecht, nein, gar nicht! Vor allem nicht schlechter als die Hardcovers der prominenten männlichen deutschen Kollegen. Und die in diesen Tagen erscheinende Taschenbuchausgabe von der „Fotografin“ geht mit 13.000 Vormerkern ins Rennen, was verdammt gut ist. Aber es fehlt noch ein bißchen der Kick – angesichts der Tatsache, daß sich Bücher heute in 4 bis höchstens 6 Monaten durchsetzen müssen, sonst verschwinden sie von den Büchertischen. Bestenfalls ins Regal – schlimmstenfalls wird der Kunde und die Kundin auf die Taschenbuchausgabe verwiesen, die allerdings im Falle von „Schneesterben“ erst 2005 ins Haus steht. Schon deshalb würde ich liebend gerne die „Agathe“ gewinnen, den FrauenKrimiPreis 2003 (mehr dazu unter www.frauenkrimipreis.de), der am 29. November in Wiesbaden verliehen wird und für den ich (schon zum zweiten Mal) nominiert bin. Aber die Konkurrenz ist groß, schön und erfolgreich (u.a. Doris Gercke und Ingrid Noll) – was garantiert, daß wir eine wunderbare Veranstaltung haben werden, wer immer mit der seltsam aussehenden Trophäe nach Hause fahren wird.
Samstag, 4. Oktober 2003
Die Buchmesse liegt hinter mir. Es war die schönste, ab die ich mich erinnern kann – und ich habe das Spektakel sicherlich um die 25mal mitgemacht. Woran es lag? Vielleicht, weil so etwas wie Aufbruchstimmung durch die Hallen geisterte – schlimmer, als es im Frühjahr auf dem Buchmarkt zuging, kann es ja auch kaum noch werden! Auffällig war das Interesse am deutschen Krimi. Indiz? Naja: man kriegt ja nur wenige Ausschnitte mit. Aber das Publikumsinteresse am 3Sat-Stand während eines Interviews fürs Kulturzeit-Archiv mit yours truly war überraschend und erfreulich groß (das Video kann man sich anschauen unter: http://www.3sat.de/kulturzeit/specials/51256/index.html). Und der Empfang der Sisters in Crime war so gut besucht, daß wir alle nicht recht wußten, wie uns geschah. Selbst bei Verlagen scheint sich herumgesprochen zu haben, daß etwas fehlt, wenn man nur männliche Krimiautoren im Programm hat...
Montag, 22. September 2003
Schön ist es, auf Lesereise zu gehen. Am Mittwoch in Daun (Tatort Eifel): Schießen mit scharfer Munition bei der Polizei. Dafür, daß ich waffenängstlich bin, habe ich gar nicht schlecht getroffen. Da zahlte sich offenbar jahrelanges Dartspielen aus... Andererseits ist mir wieder klar geworden, warum Frauen selten zu Schußwaffen greifen. Obwohl ich nicht, wie Dolly Buster, das Skalpell vorziehen würde. Dann Köln – etwa hundert Menschen in der Krypta der St. Agnes-Kirche. Das war schön. Allerdings war die Lesung zu lang – ich arbeite dran. Nach dem Literaturhaus in Wiesbaden am Wochenende heute Osnabrück, die Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Und dann, nach Hannover, die Verleihung des Bremer Krimipreises, worauf ich mich sehr freue. Als Morgengabe sendet Radio Bremen eine wunderbare Rezension von Lore Kleinert. Schlußsatz: „’Schneesterben’ ist ein deutscher Kriminalroman der Spitzenklasse und Anne Chaplets bisher bestes Buch.“
Montag, 15. September
Also es gibt sonne und sonne. Es gibt die Heldenhaften unter den Autoren, die mit stoischem Gesicht sich nicht interessiert zeigen an Auflage und Anerkennung und die ungerührt behaupten, sie müßten etwas falsch gemacht haben, wenn ihr Werk trotz all dieser Vorsichtsmaßnahmen mal auf Gefallen trifft. Dann gibt es die erzieherisch wirken wollenden unter den Autoren, die Klage führen, daß das Publikum immer nur unterhalten werden oder Hera Lind lesen will und sich gar nicht mehr einlassen mag auf komplexe Geschichten und sperrige Stoffe, also große Literatur, wie sie selber sie schreiben. Und schließlich gibt es die Liebeskranken, die im dunklen Zimmer liegen und mit bangem Sehnen darauf hoffen, daß ihre Morgengabe vom Publikum angenommen wird. All ihre Verführungskraft haben sie ins neue Werk gelegt – aber werden sie auch erhört? Hat ihr Werben Erfolg? Versteht uns jemand da draußen und schickt ein bißchen etwas zurück von der Liebe, mit der wir erzählt und ausgemalt, gestrickt und geschnitzt haben? Ach. Manchmal, liebes Tagebuch, fürchte ich, zur letzteren Gruppe zu gehören. Ach, ist das ein Elend. Denn liebeskranke Autoren sind nie zufrieden! Auch nicht mit einer Auflage von, sagen wir mal: einem der vielen Mankells....? Na, schweigen wir. Ab Mittwoch geht es auf Lesereise, es wird also, um im Bild zu bleiben, handfest gebuhlt um jeden einzelnen von euch da draußen. Ich gebe zu: das macht Spaß und heilt den Schmerz.
Sonntag, 14. September
„Schneesterben ist der fünfte Roman Chaplets mit Stark und Bremer – und es ist zugleich ihr bester.“ amazon.de, Stefan Kellerer (und danke für den schönen Wunsch!) „Anne Chaplet ist für mich soetwas wie der deutsche Mankell. Schade, daß so wenig Leser dies zu würdigen wissen.“ Kundenrezension bei amazon.de von youmond, einer Buchhändlerin aus Kassel. Ja, die deutsche Mankell. Was die Auflagenhöhe betrifft, wäre ich das gern. Aber, liebe youmond: da kann man gar nichts machen, wenn der Leser es nicht will... Seufz. (Aber vielleicht will er ja doch?? Noch, lieber Leser und liebe Leserin, könnt ihr alle massenhaft die Buchhandlungen stürmen und nach Schneesterben verlangen, diesem jüngsten Buch dieser Chaplet oder wie sie heißt. Und dann... Die Bestsellerliste! Der Glauser! Der Nobelpreis! Tja....)
Mittwoch, 10. September
„Schneesterben“ ist „Buch der Woche“ bei www.krimiforum.de - mit einer wunderbaren Rezension von Reinhard Jahn: „Wenn der Kriminalroman eine Gattung ist, die einen Blick auf die Zeit wirft, dann sind Anne Chaplets Romane Kriminalromane, wie sie sein sollen.“ Mehr zitiere ich nicht, man wird ja rot dabei...
Dienstag, 9. September
Warum ich gerne Landkrimis schreibe und die Provinz für den besseren Tatort halte – mehr dazu auf www.syndikat.de...
Dienstag, 9. September
Warum ich gerne Landkrimis schreibe und die Provinz für den besseren Tatort halte � mehr dazu auf www.syndikat.de...
Dienstag, 2. September
Die erste Rezension stammt von Elisabeth Kiderlen aus der Badischen Zeitung: „Anne Chaplet hat nicht nur einen spannenden Krimi geschrieben (...), sie hat gleichzeitig auch eine kluge Auseinandersetzung mit Verbrechen und Strafe, Schuld und Sühne verfaßt.“ Man „könnte sich gut vorstellen, diesen Kriminalroman als ‚Tatort’ verfilmt zu sehen.“ Ach, liebe Ki, danke für diese Anregung! Hoffentlich lesen das die richtigen Leute...
Donnerstag, 28. August
Ab heute wird „Schneesterben“ ausgeliefert. Seltsames Gefühl. Ich sitze in Frankreich, tauche ins neue Buch ein (jaja, ein historisches Thema ist auch dabei – eins? Naja: mehrere, von der Varusschlacht bis zum Mittelalter bis zum 2. Weltkrieg und zum Kalten Krieg...) – und jetzt erst beginnt das andere sozusagen zu leben. Und die Zitterpartie: überlebt es auch mehr als ein paar Wochen?
Montag, 18. August
Ich verschlinge jedes neue Buch von Elizabeth George – so auch das jüngst erschienene, "A Place of Hiding". Es spielt auf der Insel Guernsey, was man verstehen kann, es muß ein wunderbarer Ort für eine genußvolle Recherchereise sein (die man sicher auch in den USA von den Steuern absetzen kann). Ich habe schon Charlotte Link darum beneidet, deren "Rosenzüchterin" ebenfalls dort spielt. Und in beiden Büchern spielt auch die Ge-schichte der Insel eine Rolle – die Zeit während des Zweiten Weltkriegs, als sie von den Deutschen besetzt war. Warum George ein amerikanisches Geschwisterpaar benötigt, um ein Drama um jüdische Flüchtlinge aus Frankreich, um Rache, Beutekunst und Kollaboration aufzurollen, verstehe ich indes weniger. Und ich gebe auch zu, daß mich das Buch nicht ganz so gefesselt hat wie z. B. Barbara Havers’ Reise in die fremde Welt der pakistanischen Enklave in Großbritannien ("Denn sie betrügt man nicht"). Das liegt auch an den beiden „Ermittlern“, Deborah, die ewig von Komplexen geschüttelte Nervensäge, und ihr Gespons Simon St. James, dessen forensische Expertise stets behauptet, aber selten gebraucht wird. Der Täter und seine Motive erweisen sich schließlich als überraschend unglaubwürdig und das Drama endet etwas allzu stilvoll mit einer Handgranate aus dem Zweiten Weltkrieg. Interessanter erschienen mir die vielen Seitenlinien des Plots: die Geschichte des jüdi-schen Geschwisterpaares, das erleben mußte, daß ihre Eltern von Vichy-Frankreich an die Nazis ausgeliefert wurden. Die Geschichte eines kostbaren Gemäldes der jüdischen Familie, das ein amerikanischer Soldat „mitgehen“ ließ. Die Geschichte eines unermüdlichen Kämpfers für das Andenken seiner Kameraden aus der widerständigen Bevölkerung Guernseys, dessen Sohn sich ebenfalls für das Gedenken an die gefallenen Widerstands-kämpfer aufopfert, bis er erkennen muß, daß sein geliebter Vater kein Held, sondern ein Kollaborateur war. Und zum Heulen rührend: ein Mord aus mitleidender Liebe und ein treuer Hund, der seine Hingabe fast mit dem Tod durch Autoreifen bezahlen muß. Man lernt daraus, daß Krimis mit historischem Hintergrund auch nach den Berichten aus dem Kalten Krieg von Len Deighton oder John Le Carré noch oder wieder interessant sind. Und daß bei unseren Nachbarn (man denke an "Fatherland" und "Enigma" von dem großartigen Robert Harris) längst angekommen ist, wie komplex und weitreichend das Drama des Zweiten Weltkriegs war und daß es ein paar verdammt schlechte Gründe gibt, vor der eigenen Tür zu kehren. Wo die Deutschen die einzigen Übeltäter sind, kann man entschieden ruhiger schlafen als bei einem (realistischen) Szenario, das von dem Fehlen alles Rettenden spricht. Und von den Fehlern auch der, die man so gerne für die Guten halten würde. Da haben alle etwas aufzuarbeiten. Und das ist spannend. Und mich bestärkt das in dem Wunsch, auch im nächsten Buch die Zeitgeschichte eine Rolle spielen zu lassen. Die Vergangenheit ist ja bekanntlich noch nicht einmal vergangen.
3. august
„Ich hasse Frauen, die nicht in Tränen ausbrechen, wenn sie einen Menschen erschießen.“ Franz-Josef Wagner Wenn, ja wenn es nicht so heiß wäre... Dann bekäme Reinhard Jahn die blutrote Chauvikarte des Jahres. Wenn Frauen ermitteln, ist der Krimi kaputt, behauptet der Kerl. Hohoho! Wohl neidisch auf die Quote der Fernsehkommissarinnen? Wenn es nicht so heiß wäre. Und wenn an dieser These nicht etwas dran wäre, auf das sich männliche Chauvinisten und feministische Sozialwissenschaftlerinnen selten einig schon längst verständigt haben. Nämlich, daß die Macht sich andere Orte gesucht hat, wenn Frauen in irgendeinem Bereich was werden. Im Klartext: Berufe, in denen Frauen dominieren (übrigens: im juristischen Bereich, als Anwältinnen, Richterinnen und Staatsanwältinnen,werden sie auch immer mehr...), sind nicht mehr viel wert. An Macht interessierte Männer sind längst woanders. Übrigens – und einige von uns werden das womöglich zutiefst (Joseph Fischer) begrüßen, heißt das für Henning Mankells neue Serie nichts gutes: wo Linda ermittelt, ist Schweden verloren... Kurz: wenn Männer Frauen die Macht überlassen, ist irgendwas faul. Oder, was ja auch möglich ist, es gibt die Alpha-Männchen nicht mehr. Was nicht so beruhigend ist, wie frau in Feiertagslaune gerne glauben möchte. Aber bleiben wir beim Fall. Sind die zuvor ermittelnden Männer wie Derrick und der Alte schuld am Zustand des Genres, wie Reinhard Jahn meint? Na klar. Oder? Diese rasierter Langweile schrie nach was anderen. Vielleicht nicht gerade nach Frau Odenthal, die angestrengt auf männlich-herbe mimt. Aber nach Personen, die auf dem Bildschirm besser aussehen und denen man unter Umständen auch mal ein Liebesleben zutraut. Ist das die Feminisierung des Verbrechens? Na, lieber Meister der Dialogschule, das ja nun wohl nicht. „Das Verbrechen“ ist immer noch männlich, statistisch gesehen, und befaßt sich so ziemlich am wenigsten mit den Lieblingsbeschäftigungen der Drehbuch- und Autoren wie Frauen vergewaltigen und Kinder mißbrauchen. Der jugendliche minderbemittelte Kriminelle schlägt bevorzugt seinesgleichen den Schädel ein, weil der hat genervt. Daraus läßt sich, finde ich nach wie vor, weder zündende Literatur noch psychologisch tiefgründelnde Ermittlungsarbeit generieren. Und da wir ja bei Fiction sind, muß es nicht nach der Statistik zugehen in Dreh- und Büchern. Nur sollte man dann nicht wie Henning Mankell et alii behaupten, man zeichne in seinen Crime Fictions die Gesellschaft, wie sie ist. Wie ich überhaupt so gar nix dagegen habe, wenn die Unart ein Ende hat, zu behaupten, bei jedem hochpersönlichen Verbrechen morde gleich die Gesellschaft mit. Ein Rechtsstaat urteilt über individuelle Taten und akzeptiert höchstens mildernde Umstände, wenn etwas „Gesellschaftliches“ die Motivlage des Täters zu erhellen geeignet ist. Heute ist das Menschenbild wieder realistischer als in den 80er Jahren und die Vertreter des Rechtsstaates wissen, daß es Gewalt gibt, die keinen anderen Grund als sich selbst hat. Bedenklich, ähem, scheint mir etwas anderes: der Trend, der gerne mit dem Weiblich-Impulsiv-Gefühligen verbunden wird, angesichts besonderer Abscheulichkeiten von Recht und Gesetz abzuweichen und zu sogenannt unkonventionellen Mitteln zu greifen. Versteht doch jeder, wenn man bei Kindesmördern ein bisserl vom Procedere abweicht, oder? Henning Mankell feiert in seinen Schinken immer wieder Selbstjustiz und Regelverletzung und ich fände es fatal, wenn nun Frauen fürs Persönliche, Herzliche stehen sollten beim Täterverfolgen und Männer als die blöden Stiesel gezeichnet werden, die sich immer nur dumpf an die Regeln halten. (Ich habe das mal so gezeichnet, es aber ironisch gemeint. Ach, die Ironie! Nimmt einem ja niemand ab.) Wenn Frauen für Unernsthaftigkeit stehen (ich seh ja wenig fern, aber das eine oder andere TV-Erlebnis legte das nah), dann finde ich den Fernsehkrimi nicht richtig pädagogisch wertvoll. Aber das ist ja vielleicht nicht unbedingt das Problem seiner Erfinder. In Wirklichkeit, lieber Reinhard, geht es dir ja nur um die alte Frage: Frauen- oder Pfer-dekrimi! Hmmmm. Jaaaaa. Könnte man da nicht zu einer neuen Unterscheidung finden? Es gibt Mythos und Zitat des amerikanischen Asphaltkrimis, der städtische Milieus abbildet mitsamt aller handelsüblichen Melancholiker, Trinker und Beziehungsgeschädigten. Frauen-gestalten wie V. I. Warshawski und Kinsey Milhone spielen da mittlerweile mit: Frauen zwischen Verbrechen, Situps und Fastfood. Auf der anderen Seite die „englische“ Variante, gerne auch als „Landhauskrimi“ mißbräuchlich betitelt: da ist dann der Verbrecher meist „einer von uns“, was a) der Statistik entspricht – mehr Beziehungsdramen auf dem Land und b) dem Milieu: man hockt nun mal näher aufeinander in the country. Der einfühlsame Dorfbulle nimmt dabei regelmäßig Recht und Gesetz in die eigene Regie und betreibt also Aufhebung der Gewaltenteilung (brillant: die Polt-Bücher von Alfred Komarek – DIE Landkrimis schlechthin), womit bewiesen wäre, daß wir nicht Frauen brauchen für das „Hochemotionale, Persönliche und Private“ der Regelverletzung... Ja. Wohin führt uns das alles? Keine Ahnung. Ich kenne zwar weder Frauen- noch Männerkrimis, sondern natürlich NUR gute oder schlechte, aber es ist womöglich richtig, daß unsereins anders schreibt als ihr da, Macker! Die ihr dauernd zusammenhockt in Seilschaften und intrigiert und natürlich nur euereins kennt, rühmt und preiswürdigt! Weshalb wir euch die Quotenkommissarinnen gönnen wie den Sommerschnupfen... Aber das ist dann womöglich schon wieder eine andere Baustelle. Ach, es ist einfach zu heiß. Weshalb dat Teil hier nicht gekürzt wird. Denn darin, wissen wir ja alle, steckt die wirkliche Arbeit...
20. Juli
Haben Frauen die (Medien-) Macht übernommen? Und wenn ja, ist das gut oder schlimm? Müssen wir jetzt alle nur noch Hera Lind lesen oder irgendeinen anderen Ku-schelroman zum Mitlächeln? Mehr dazu unter http://www.cora-stephan.de/html/sie_schreibt.html
14. Juli
Was für ein Sommer! Eigentlich sollte man sich ruhig verhalten, an schattigen Orten her-umlungern und nicht zuviel denken. Andererseits ist das Leben so leer ohne die Arbeit an einem Roman. Die einfachste Lösung: den nächsten plotten. Mit Adel, Ausgrabungsstätten und viel europäischer Vergangenheit.
2. Juli
Heute wird die erste Folge der Hörspielfassung von „Caruso singt nicht mehr“ auf Bayern 2 gesendet – die zweite Folge heute in einer Woche. Ich gebe zu, es ist seltsam, Paul Bremer zuzuhören, der mit der Stimme Axel Milbergs spricht. Gewöhnungsbedürftig. Ich hatte mir Paul Bremer anders vorgestellt. Aber ich wußte ja damals auch nicht, daß er heute amerikanischer Sonderbeauftragter im Irak sein würde...
30. Juni
„Schneesterben“ geht in den Druck. Jetzt kann man nichts mehr machen – außer abwar-ten. Buch, nimm Deinen Lauf. Viel Glück dabei.
18. Juni 2003, 16.22 Uhr
Soeben ist "Schneesterben" in den Äther zum Satz gegangen. Jetzt ist die Autorin erschöpft. Mehr demnächst.
Montag, 19. Mai 2003
Nix gestritten wurde auf der Criminale, sondern gelacht und sogar geküßt. Und manche(r) war betrunken. Und die Musik war gut. Bis zum nächsten Mal.
Mittwoch, 16. Mai
Übermorgen geht’s in den Westerwald, da ist heuer die Criminale. Mit zweien meiner Lieblingsdamen, die gemeinsam (GEMEINSAM!!!) unter Malachy Hyde schreiben (www.malachy-hyde.de), trete ich zur „Ladies’ Night“ an, man weiß nicht recht, ob das als Kompliment oder als Schublade gedacht ist, aber das Publikum scheint sich von „Ladies“ nicht abgeschreckt zu fühlen. Und hinterher wird getratscht und gezecht. Und am Samstag wahrscheinlich wieder mächtig gestritten – bei der Mitgliederversammlung der Sisters in Crime eher weniger, aber gewißlich unter den hochempfindlichen Herren vom Syndikat... Ach, endlich mal wieder ordentlich ungerecht sein dürfen!
Donnerstag, 9. Mai 2003
Nix heureka. Heute ist zwar Kapitel 4 von „Schneesterben“ an Verlegerin und Kritiker-kreis gegangen, das letzte Kapitel also, aber das heißt ja nunmal gar nichts. Vor allem nicht finis! Denn jetzt darf, ja muß gemäkelt werden! Hei, wird das schön. Und dann setzt sich die Autorin, fix und foxi und vor Anstrengung schielend, wieder ans Manuskript und verschönbessert. Bis vielleicht sogar sie zufrieden ist.
Sonntag, 20. April 2003
Es ist wunderbares Wetter hier in Südfrankreich. Freunde sind zu Besuch, wir leeren nicht wenige Flaschen, der Flieder und die Pfingstrosen blühen, der erste Spargel kommt auf den Tisch und Frau Mischke ist rollig. Das verführt die Kater der Umgebung zu Höhenflügen; sie springen (Elan, Galan!) über die allerhöchsten Mauern, um den ziemlich fordernden Tönen der Kleinen nachzukommen. Ein prächtiger beigeroter Kater scheint die anderen in die Flucht geschlagen zu haben. Mal sehn, ob es Nachwuchs gibt. Protestantische Schuldgefühle sind leider auch bei diesem Wetter und im „Maison Chapelet“ nicht völlig auszuschließen. Denn eigentlich kann ich mir eine Pause nicht erlauben. Aber manchmal muß das Hirn gelüftet werden, muß man auf Distanz gehen zum Roman, zumal mich dieser heftig strapaziert – mental, wie der Fußballer sagt. Achwas: sääälisch. Sollte man vielleicht mal was Heiteres schreiben??? Aber das wäre dann kein Spannungsroman mehr. Denn der dreht sich nunmal um menschliche Leidenschaften und die sind selten heiter. Und haben wir nicht schon genug fröhliche Frauenromane?
Montag, 14. April
Ich mag das eigentlich nicht, diesen gewissen Spaß an der Gewalt. Und hasse das kokette Gerede von der „Mordlust“ und Sprüche wie „Frauen morden schöner“. Weshalb die beiden heftigsten Szenen in „Schneesterben“ (so wird No. 5 heißen) auch gar nicht beabsichtigt waren. Ich schwöre, so wahr mir Gott helfe: sie sind mir unterlaufen. Sie paßten zur Person, zur Romanfigur. Und ich habe weidlich versucht, das Voyeuristische daran zu mäßigen, indem beide Szenen aus der Sicht derjenigen geschildert werden, die sie erleiden. Meine liebe Schwester Ellen ist Anhängerin der Wiederauferstehung, zumindestens im Roman... Aber es geht nicht! Die Dramaturgie einer Geschichte fragt nicht, ob eine Szene schön ist oder nicht oder ob der Leser die eine oder andere Figur lieb gewinnt oder entbehrlich findet. Der eine muß sterben – und die andere auch. Es geht nicht an-ders. So sorry. Die Autorin findet sich wohl heute gottgleich, fragt jetzt womöglich der ungeneigte Leser? Nö. Ist doch nur ein Roman. Ist doch nicht in echt.
Montag, 7. April 2003
Was für ein nettes Geburtstagsgeschenk – ich erfahre, daß ich den Radio-Bremen-Krimipreis 2003 erhalte. Ich hätte mir dabei nur gewünscht, die wunderbaren Bremer hätten ihren Preis an Anne Chaplet verliehen, und nicht an die andere, die ja auch in Ordnung sein mag, aber nicht eben für ihre Krimis bekannt ist... „In diesem Jahr verleiht Radio Bremen seinen Krimipreis an die Publizistin und Krimiautorin Cora Stephan. Die Jury (Dr. Lore Kleinert, Leiterin der Kulturabteilung bei RADIO Bremen, Jörg-Dieter Kogel, Nordwestradio und Jürgen Alberts, PrimeTimeCrimeTime)zeichnet Anne Chaplet/Cora Stephan für den Perspektivenreichtum ihrer Geschichten, die gelungene Verbindung von Spannung und wohldosiertem Hintergrundwissen sowie ihre sprachliche Brillianz aus. Der Preis wird im Wechsel deutschen und ausländischen Autoren und Autorinnen verliehen und ist mit 2.500 Euro dotiert. Bisherige Preisträger: Friedrich Ani 2001, Frances Fyfield 2002. Am 24. September 2003 wird der Preis im Rahmen des Bremer Krimi-Festivals PrimeTimeCrimeTime in der Bremer Schauburg verliehen. Seit 1998 veröffentlichte Cora Stephan unter dem Pseudonym Anne Chaplet vier Kriminalromane, die alle im Kunstmann-Verlag erschienen sind. Schon ihr Erstling „Caruso singt nicht mehr“ wurde als virtuoser und subtiler Krimi gelobt und etablierte den Ort Klein-Roda als Schauplatz aufregender Geschichten in nur scheinbar vertrauter Atmo-sphäre. „Wasser zu Wein“ stellte nachhaltig klar, daß die Krimiautorin Anne Chaplet weit über das Mittelmaß des deutschen Kriminalromans hinausragt. Für „Nichts als die Wahrheit“ erhielt sie den Deutschen Krimipreis 2001. Die Ausflüge aus Frankfurt und der hessischen Provinz in die Hauptstadt Berlin und im letzten Roman „Die Fotografin“ ins südfranzösische Cevennendorf erweitern den kriminalistischen Aktionsradius nicht nur um realitätssatte Milieustudien, sondern reichern ihr gelungenes Spiel mit Versatzstücken deutscher Geschichte mit der biografisch genauen Beobachtung ihrer Generation an. Dieser präzise Blick und das leidenschaftliche Interesse an Geschichte verbindet die Krimiautorin Anne Chaplet mit der Essayistin und Polemikerin Cora Stephan, die in ihrer Auseinandersetzung mit dem „Betroffenheitskult“, mit „Neuer deutscher Etikette“ oder dem „Handwerk des Krieges“ gängigen Denkschablonen eine Absage erteilte. Cora Stephan wuchs in Osnabrück auf und arbeitete nach ihrem Studium in Frankfurt und Hamburg als Dozentin, Lektorin, Übersetzerin, Redakteurin, Rundfunkmoderatorin – u.a. bei Radio Bremen –, und seit 1987 als freie Autorin. Sie lebt in Frankfurt am Main und in der Süd-Ardèche.“
Samstag, 29. März 2003
Manchmal bekommt man die schönsten Mails – zum Beispiel diese hier: „Hi there, war in Hamburg zu einer Sitzung der norddeutschen Brüdergemeinpfarrer (es ist auch einE dabei). Als gestern beim abschließenden Mittagessen gleich zwei ihre Blessuren an Hand bzw. Gesicht mit kürzlichen Stürzen erklärten, zückte ich ‚Wasser zu Wein’ und las das Kapitel vor, wo Karen Stark, vom Märchenprinzen träumend, auf der Hundescheiße ins irreversible Rutschen gerät. Ich kann Ihnen sagen: Die versammelte Geistlichkeit hat Tränen gelacht.“ Danke, lieber Christian Theile!
Sonntag, 9. März
Der neue Roman nimmt immer wieder überraschende Wendungen. Und eines seiner Sub-themen ist natürlich die Dorfgemeinschaft. Wir Städter (oder wir 68er???) sind es gewohnt, das Erinnern für etwas umstandslos Gutes zu halten, ja für dringend nötig zur geistigen und sittlichen Gesundheit, muß man doch anderenfalls bis zum bitteren Ende wiederholen, was man nicht erinnert und durchgearbeitet hat. Für eine kleine Gemeinschaft aber ist es wahrscheinlich überlebensnotwendig, auszublen-den, was sie sonst zerreißen könnte. Das ist kein Plädoyer gegen das Erinnern, sondern der Versuch einer Städterin, zu begreifen, warum man manchmal schweigen muß, wenn man nicht flüchten kann. Oder? Liebe Leser, bitte antworten!
Dienstag, 4. März:
Es mögen andere analysieren, warum bei mir dauernd geschlossene Räume wie Kellergewölbe, Tunnel oder Tiefkühlhäuser vorkommen, in denen jemand licht- und luftlos vor sich hin schimmelt, bis passiert, was passieren muß. Oder warum immer wieder das Licht ausgeht... Krimis setzen notorisch eine andere Architektur als die nicht unterkellerter Fertighäuser voraus, lesen Sie’s also als Sehnsucht nach dem zur Weinlagerung geeigneten feuchten, kühlen und dunklen Keller alten Stils.
Donnerstag, 27. Februar 2003:
Nochmal zur Frage des „Realismus“: was mich, glaube ich, an Henning Mankell am meisten stört, ist das Gefühl, daß bei ihm Mord nach Programm passiert – also nach einem ideologischen Programm. Die Morde bedienen die Mankellsche Gesellschaftsanalyse, nicht: letzere entspringt aus ersteren, was der Autor auch schon mal behauptet hat. Ich weiß, daß viele von uns ab und an gerne Bücher lesen, die unsere Urteile und Vorurtei-le bedienen...
Mittwoch, 19. Februar 2003
Raymond Chandler ist der Albtraum jedes ambitionierten Krimischriftstellers. Denn er hat uns allen die unzweifelhaft richtige Einschätzung beschert, daß es verdammt schwierig ist, einen Detektivroman gut zu schreiben. Weshalb das Mittelmaß die Regale füllt. Prima. Und nun weiterschreiben, liebe Autorin! Mit seiner Kritik an dem noch in den 50er Jahren gepflogenen britischen Genre des Land-hauskrimis hat er ebenfalls recht. Je skurriler Milieu und Todesart, desto besser; auf Realismus und Plausibilität kam es nicht an, und manches davon liest man heute nicht mehr wirklich gern. Aber nicht alles, was in der Großstadt spielt und auf das britische Milieu von Adel und Exzentrikern verzichtet, ist damit gleich realistisch. Der Landkrimi ruft gebieterisch nach Wiederbelebung – achwas, die ist ja längst im Gange. Alfred Komareks „Polt“-Krimis leben von der dörflichen Struktur, in der jeder jeden kennt, Einheimische und Zugezogene zwei deutlich getrennte Milieus bilden und wo der Dorfbulle nicht glücklich werden würde, dächte er dauernd an die Gewaltenteilung. Komareks Gendarmerieinspektor Simon Polt ist ein benevolenter Diktator, der das Recht schon mal in die eigene Hand nimmt. Das dient der dörflichen Gemeinschaft und erspart manchem Jugendlichen die frühzeitige Eingewöhnung in die Kriminalität. Leider scheint mit „Polterabend“ der letzte Polt-Krimi erschienen zu sein. Das wäre trau-rig, denn es ist mitnichten so, daß Komareks ländliche Welt, wie ein Kritiker einst fürchtete, „zum Untergang verurteilt scheint“. Auch um die dörfliche Idylle muß man sich nicht ängstigen, die gibt es nämlich nicht. Oder, höchstens, insofern Städter eine naturgetreue Beschreibung gleich für eine Idylle halten. Nein, das Dorf lebt, nicht nur in Österreich, und es ist ein weit fruchtbarerer Boden für den realistischen Krimi, als man mit Chandler annehmen könnte. Für bestimmte Formen von Kriminalität – nennen wir es „Beziehungstaten“ – ist das Dorf die erste Adresse, nicht die finstere Großstadt. Ganz einfach: die soziale Nähe, die neben dem Aspekt einer ja allseits erwünschten „Solidarität“ natürlich auch das Zwanghafte kennt (das, was hinter der vor-geblichen Idylle ‚lauert’), erlaubt weit seltener als in der Stadt das Flüchten – also das Weiterziehen, wenn ein Konflikt zu eskalieren droht. Insofern sind Dörfer noch heute das, was sie früher schon waren: Der seßhafte Bauer muß verteidigen, wovon er leben will - seine mit dem Boden tief verwurzelte Existenz. Der Nomade oder Viehhirte oder kosmopolitische Großstädter zieht weiter, wenn oder bevor es kracht. Steht uns frei, letzteres sympathischer zu finden. Aber realistischer? Achja: Flüchten können oder standhalten müssen entschied schon vor zehntausenden von Jahren über Krieg oder Frieden. Also: es ist Zeit für den modernen, also realistischen Landhauskrimi!
Montag, 3. Februar 2003
Eine seltsame Premiere: da ist das neue Buch noch gar nicht fertig, und schon gibt es eine Lesung daraus! Für die Programmvorschau, also für Buchhändler und Journalisten, werden wir eine CD anfertigen – mit einer Lesung aus dem unfertigen Manuskript. Was mich besonders freut: Anne Bärenz und Frank Wolff stiften die Musik zur Lesung. Am 7. Februar also Preview vor einem ausgewählten Freundeskreis – und ich weiß noch immer nicht, was genau ich lesen will. Vor einer Szene, die im Untersuchungsgefängnis spielt, schrecke ich zurück. Dabei ist sie gelungen, glaube ich.
Donnerstag, 30. Januar 2003
Die letzten Wochen der Arbeit an einem Roman sind die intensivsten. Dabei hat eigentlich jede Phase ihren eigenen Reiz: die ersten Wochen und Monate, wenn nur eine Idee da ist, die noch ihre Personen finden muß. Dann,wenn sich der Plot verdichtet: das Zusammensuchen von Fakten, das Eintauchen in Milieus und fremde Wissensgebiete, das Ausfragen der Experten. Jedes Buch erschließt mir eine neue Welt. In der letzten Phase dann wird die Beziehung zu den agierenden Personen immer enger, bis man fast teilhat an ihrem Schicksal – an ihrem Leiden, es handelt sich ja schließlich beim Krimi um einen Roman, in dem es um die letzten Fragen geht, sozusagen. Da bleibt kein Auge trocken. Manchmal wird’s mir dann zu düster und ich möchte zu neuen Ufern schwimmen. Aber draußen ist guter kalter Winter. Das hält einen im Warmen.
Freitag, 17. Januar 2003
Was war das für ein Jahr! Es war schön, aus der Pseudonymität herauszutreten – vor allem durch die Lesungen; ich glaube, es waren vierundzwanzig seit dem Coming-out im Februar. Es müssen ganz besondere Buchhändler sein, die unsereins zur Lesung einladen und auch noch jede Menge Bücher auf Verdacht signieren lassen, was die Autorin als untrügliches Zeichen dafür nimmt, daß man diese Bücher auch zu verkaufen gedenkt. Denn damit hätten sich diese Buchhändler als Paradiesvögel einer Branche erwiesen, in der man schon immer gern jammerte, heuer aber besonders intensiv. Bei den Bedenklichen nämlich gilt „Die Fotografin“ als genau das, was sich derzeit nicht verkauft – nicht, weil das Buch ein Unterhaltungsroman ist, gar ein Krimi, der ja als ein bißchen schwieriger gilt. Oder weil das Produkt sonst einen inhaltlichen Nachteil hätte. Sondern weil es ein „Hardcover“ ist, etwas, das ängstliche Buchhändler entweder gar nicht erst bestellen oder stantepede wieder an den Verlag zurückgeben, sofern sich das durch einen festen Einband geadelte Buch nicht in den ersten drei Monaten zum Bestseller entwickelt hat. Von den Buchhändlern, die mich eingeladen haben, höre ich anderes. Ich höre, daß sich Belletristik nach wie vor gut verkauft, ja daß man mit Romanen einen Zuwachs erzielt habe im angeblich so rabenschwarzen Jahr 2002 und daß Hardcover noch immer ihr Pu-blikum fänden. Und wenn Sie jetzt glauben, das seien Vertreter der „Großen“ gewesen, die keine Krise verspüren, dann irren Sie: die positiven Stimmen kamen von Buchhändlern aus der Provinz, die eines den anderen offenbar voraushaben – Selbstbewußtsein und ein gutes Verhältnis zu ihren Kunden. Die Verkaufszahlen der „Fotografin“ lassen übrigens darauf schließen, daß diese Buchhändler recht haben. Ach ja - das ist spannend, so ein Einblick in die Märkte. Es ist ja nicht so, daß es einen Autor kalt läßt, was mit seinem Buch geschieht – oder gibt es die edlen Seelen immer noch, die rein aus innerem Drang schreiben und denen es egal ist, ob ihr Werk auch zum Leser kommt? Spannend waren auch die Leser, die zum Werk kamen. Viele Frauen, ein paar mehr vielleicht als Männer, alle Altersgruppen. Und man merkte in den Diskussionen aufs erfreulichste, was immer behauptet wird: Krimileser sind schlau. Was nicht so recht verwunderlich ist, denn der Krimi ist von allen Unterhaltungsromanen insofern der strapaziöseste, als er ohne Logik und ohne das feine Gespinst von Zeichen & Spuren, das man im Verfolgen der Ermittlung lesen können muß, nicht funktioniert. Übrigens: ich verschlinge gerade alles von Reginald Hill. Der Mann schreibt klassische englische Landkrimis, einer wunderbarer als der andere! Wer gab mir noch den Tip? Egal – an dieser Stelle jedenfalls schönen Dank.
13. November 2002
Günther Pütz hat mich für „Arte“ interviewt zum Thema „Pseudonym“. Die Wahl eines nom de guerre hat, wie der Name schon sagt, nicht immer so vergleichsweise simple Motive wie bei mir. Manchmal verdeckt der nom de guerre den klandestinen Kriegszug, den Partisanen. Und manchmal soll er einen anderen, finsteren Teil der eigenen Biographie unkenntlich machen. Mit diesem Thema hat mein fünfter Roman zu tun, mehr, als mir manchmal lieb ist. Das fängt an mit ganz einfachen Fragen wie: wieviele Lebensentwürfe passen in ein Menschenleben, wie oft und wie tiefreichend darf man sich verändern, ja: kann man sich überhaupt verändern? Ich kenne das Kind nicht mehr, das ich einmal war. Mir ist die 25jährige fremd, nicht nur optisch, die so heißt wie ich. Und das geht weiter mit scheinbar ebenso banalen Fragen wie der: Ist ein Verbrecher immer ein Verbrecher, auch wenn er seine Strafe verbüßt hat? Natürlich nicht, sagen wir aufgeklärte Rechtsstaatsgläubige. Aber wie ist es im Falle eines Kinderschänders? Und welche Familie möchte Haustür an Haustür mit „so einem“ leben? In manchen anderen und früheren Kulturen bleibt die Tat dem Täter äußerlich, er hat seine Strafe auf sich zu nehmen, aber sie imprägniert nicht, was er sonst noch ist. Theoretisch sollte das auch bei uns so sein. Schließlich ist niemand von Natur aus Verbrecher – die Botschaft haben wir gelernt. Aber je stärker diese Gesellschaft Gewalt ächtet, je unvertrauter, unbekannter, unheimlicher gewalttätiger Umgang uns wird, desto tiefer wird diese Gewißheit erschüttert. Können wir davon absehen, daß ein Mensch in einem früheren Leben, ja in einem anderen Teil seiner „Identität“ etwas war, was wir fürchterlich finden?
12. November 2002
Und jetzt steht dem 5. Roman und seiner Vollendung nichts mehr im Weg. Wie schön, daß man sich, bevor man ans Werk geht, das Ende März fertig sein muß (und die wichtigsten Kapitel sind noch nicht geschrieben!) noch ein wenig ablenken kann. Mit einer kleinen Reflexion fürs Tagebuch... Zum Beispiel diese hier: warum kommen Krimis nicht ohne Mord aus? Mehrere Antworten sind möglich. A) Der Mord gehört zum Genre. B) Und das braucht einen existentiellen Konflikt. Aber – davon scheint es immer weniger zu geben. Oder ist ein Drama wie die Liebe zwischen Romeo und Julia im westlichen Kulturkreis noch denkbar? Liebe hat heute nur noch selten etwas mit Heiratspolitik zu tun, oder, anders gesagt: heute dienen Bindungen nicht mehr der Förderung der familiären Macht. Eltern mögen mißbilligen, wem sich Sohn oder Tochter zuwenden, aber selbst der Streit zwischen zwei rivalisierenden Clans in Sizilien dürfte nicht mehr in Liebesverbot oder Liebestod oder einer anderen Tragödie enden. Romeo und Julia gibt es in anderen Kulturkreisen hingegen durchaus noch – und am schärfsten mag das Drama erscheinen, wenn sich die Kulturkreise berühren. Elizabeth Georges bester Roman (finde ich jedenfalls) „Denn sie betrügt man nicht“ siedelt deshalb auch in der pakistanischen Enklave in Großbritannien. Übrigens: auch Madame Bovary ist in vieler Hinsicht ein Krimi, nicht nur, weil Flauberts Romanfigur an Arsen verendet. Aber auch dazu gehört ein gesellschaftliches „Setting“, in dem Verstöße gegen den Sittenkodex zum Ausstoß, zum Verlust der bürgerlichen Existenz, führen können. Existentiell, im wahrsten Sinne des Wortes. Und was läßt uns heute noch zum Äußersten greifen? Das kaltblütige Verbrechen aus Bereicherungssucht geht über Leichen. Manchmal. Dem Serienmörder diktiert’s seine unglückliche Veranlagung – oder gar eine übermenschliche Macht, genannt „Das Böse“. Aber ansonsten? Bleiben Leidenschaft und Rache, also Beziehungsdramen. Frau erschlägt Mann – weil sie ihn endgültig lossein will. Mann erwürgt Frau, weil er sie auf immer behalten will. Und Rache? Rache ist etwas, das lange schwärt und west, stelle ich mir vor. Es ist ein Gefühl, das ausgekostet sein will, bevor es umgesetzt wird. Es kommt von weit her, oft. Und es verliert mit den letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs und der Nazizeit einen wichtigen Nährboden – einen furchtbar fruchtbaren Nährboden der Literatur, würde man sagen, wenn es nicht so zynisch klänge. Die großen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts haben Menschenschicksale gezeichnet, neben denen die blutigen Fehden mittelalterlicher Familien und ein bißchen Romeo und Julia geradezu harmlos wirken. Wenn solcher Zündstoff in Familien, Gemeinschaften, im persönlichen Schicksal lagert... Andererseits: Haben Sie es nicht ein wenig kleiner, Madame? Was ist mit der Rache für ein Kind, das ein unachtsamer Autofahrer umgefahren hat? Selbstjustiz a la Marianne Bachmeyer? Ist das nicht auch ein Gefühl, das lange wachsen kann?
11. November 2002
Nächster Versuch. Daß dieses Land unbeirrt und gleichmäßig schlecht gelaunt in eine Depression paddelt, hat sich auch bis nach Klein-Roda herumgesprochen. Wir ignorieren den Tatbestand indes souverän, denn geht nicht die Sonne jeden Tag aufs Neue auf, wenn auch hinter Wolken und Nebelwänden? Genau! Aber auch andere Evidenzen stören das trübe Gesamtbild. Seit April habe ich genau zweiundzwanzig Lesungen absolviert – und es ist immer dasselbe: meistens ausverkauft an ein gut gelauntes Publikum, das die richtigen Fragen stellt und die wichtigen Bücher kauft – sogar Hardcover.Sogar so teure Bücher wie „Die Fotografin“. Liebe Zuhörer, ihr wißt gar nicht, wie gut das tut! Schreiben ist ja wirklich ziemlich einsam, umso schöner,wenn man das Resultat mit so vielen teilen kann. Äh,also: danke dafür...
10. November 2002
Liebes Tagebuch – ja, ich weiß. Ich weiß. Hast ja recht. Nun reg dich nicht... Ich weiß! Meine Schuld. Und jeden Tag klicken dich tausende von Interessenten an und... Ja doch! Schon gut. Jetzt... Also... Darf ich auch mal was sagen? Danke. Die Sache war und ist die: Der Teufel ist los. Man kommt zu nichts. Vor allem nicht zum ruhigen, überlegten Eintrag in das... Ja doch! Ich entschuldige mich ja schon!
Donnerstag, 12. September 2002
Liebes Tagebuch, ich habe dich schmählich vernachlässigt. Das wundert dich nicht, sagst du? Du hast noch nie auch nur eine müde Mark für das Versprechen gegeben, dich täg-lich aufzuschlagen und etwas aufzuschreiben? Na, dann ist ja gut. Dann hatte ja nur ich die Illusion, es würde mir großen Spaß machen, täglich nach dem Kampf mit Krimi No. X (derzeit zählen wir den 5.) geistreiche Sottisen und gelungene Beobachtungen aufzuschreiben. Ich bin nicht geistreich und sehe nur noch kariert. Nicht etwa, weil ich in einem mörderischen Anfall von Kreativität Seite um Seite herun-tergekloppt hätte, eine gelungener als die andere, sondern weil ich mich mit den Hinder-nissen des Lebens herumgeschlagen habe als da sind Finanzämter, Steuerberater, Krankenkassen und sogenannte Dienstleister aller Art. Oh wunderbare Welt, begnadete westliche Kultur. Nur weil ich keinen Tschador tragen will, soviel Bürokratie??? Und dann: das Mobiltelefon hat einen Wackelkontakt. Draußen ist Dauerregen, die Katze sitzt halbnass auf dem Schreibtisch. Ist der Spätsommer vielleicht schon vorbei? Dabei hat alles doch gerade erst angefangen! In Wirklichkeit ist das Leben natürlich ganz wunderbar. Ich bin hart an meiner ersten Leichenbegehung vorbeigeschrammt und nächste Woche geht’s in Untersuchungshaft. Das nenn ich privilegiert.
Montag, 9. September 2002
Der Kollege Alfred Komarek hat mich gestern während einer Lesung auf eine, ja: ausge-sprochen hinterhältige Weise in kürzester Zeit völlig hilf- und weitgehend sprachlos ge-macht. Männer, wollt ihr wissen, wie das funktioniert? Bitte. Dieses also trug der Österreicher (Schmäh und Scharm, man kennt das ja) vor versam-meltem Publikum zum Kölner Bücherherbst vor – die Originalunterschrift unter das Pamphlet liegt mir vor und kann bei Bedarf eingesehen werden: „Wenn schreibende Menschen übereinander reden, artet das häufig in verbale Umarmun-gen aus: so gelingt der Dolchstoß in den Rücken nämlich leichter und unauffälliger. Also habe ich mir vorgenommen, diesem literarischen Doppelwesen Anne Chaplet -Cora Ste-phan möglichst unleidlich zu begegnen. Dabei helfen mir meine schlechten Eigenschaften, allen voran der Neid. Wie kommt diese Person eigentlich dazu, mit leichter, aber präziser Hand eine Weinverkostung zur Blutverkostung zu machen und mich als Leser mit dem Halbsatz von Seite 288 "bevor ihn die Übelkeit wie eine alte Wolldecke einhüllte" gleich mit einzupacken, und zwar dicht und beklemmend? Das macht man einfach nicht mit einem Kollegen, der solches auch gerne geschrieben hätte. Schon gut, flüstert der kleine Teufel hinter meinem rechten Ohr, starke Momente, immer wieder, aber die Kraft, den großen Bogen zu spannen, die fehlt dem Weibsbild natürlich... Mitnichten, seufze ich klaftertief. So differenziert und detailreich sich der Roman entfaltet, so gemein klar und schlüssig ist er auch. Na also, höhnt der Beelzebub hinter dem linken Ohr: glatter Intellekt, kühles Konstrukt. Klug schon, entgegne ich zähneknirschend, aber auch verdammt dicht am Leben, mit einer Mischung aus Witz, Sarkasmus und Anteilnahme, die einem erst einmal gelingen muß. Um diese Sache zu Ende zu bringen, attestiere ich auch noch geradezu traumwandlerische Sicherheit im Umgang mit der menschlichen Psyche, weiblicher wie männlicher Ausprägung und eine Sprache, die ihrem Wesen treu bleibend, als Flaumfeder, als Florett oder Skalpell ihre Wirkung tut. Ja und dann noch das Ende von ‚Wasser zu Wein’: zwei Enden sind es eigentlich und dennoch ist nichts zu Ende. So etwas läßt Hunger übrig. Dabei würde ich so gerne nach der Lektüre wortsatt und gedankenträge Herablassendes absondern. Nichts da. Sie gönnt es mir nicht. Ich ändere also die Taktik, mache nicht die Autorin, sondern die Kritik schlecht. Der Spiegel, zum Beispiel, hat Anne Chaplet einen Glücksfall für die deutsche Kriminalliteratur genannt. Stimmt natürlich wieder einmal nicht! Medientypische Verkürzung, würde ich meinen, dieses unberechenbare Talent aufs Kriminelle zu beschränken. Dieser Glücksfall wird sich auch noch anderswo literarisch unentbehrlich machen, wetten daß?“ Ich war dann doch noch sehr gerührt.
20. August 2002
Was für ein Sommer. Die Elbe ein reißender Strom. Dresden landunter, Prag. Wörlitz bedroht. Klimakatastrophe, na klar. Oder einfach nur eine kleine Erinnerung daran, daß die Natur im menschlichenLeben immer schon ein unkalkulierbarer Faktor war? Ich lese in einem dieser wunderbaren Ratgeber – „Wie verfertige ich einen Bestseller in dreieinhalb Monaten“ (ich habe eine ganze Sammlung dergleichen) – die Warnung, übers Wetter zu reden beim Schreiben. Ich tu nichts lieber. Was tun?
2. August 2002
Ich genieße das Privileg, zwei Monate lang nichts als schreiben zu dürfen. Zu MÜSSEN, um es mal ganz deutlich zu sagen. Jeden Tag die Eingebungen in die Tastatur fließen lassen, auch wenn sie gerade ausbleiben. Ach, wie macht mans nur richtig? Ich sehne mich nach der Welt, wenn ich vor dem PC sitze und nach der Schreiberei, wenn ich mich in der Welt herumtreibe. Liebe Leser, erwarten Sie NICHTS von diesem Tagebuch! Es war ein ganz schlechte Idee, mit sowas überhaupt auch nur anzufangen! Vergessen Sie’s! Bis demnächst.
15. Juli 2002
Bodo Kirchhoffs „Schundroman“ ziert ein traumhafter Buchumschlag – abgekupfert aus dem True Crime Magazine vom März 1949. Da stimmt alles: die grünliche Blondine, der gutaussehende Schurke, die blutrot ausgeleuchtete Klinkerwand und die Zeile „Ungekürzte Originalfassung!“ Was für ein schöner ironischer Hinweis auf den deutschen Wahn, streng nach E- und U-Büchern zu unterscheiden. Das nährte die Hoffnung, Bodo Kirchhoff hätte sich womöglich völlig ungehemmt hineingestürzt ins Vergnügen, einen Unterhaltungsroman zu schreiben, in dem, im Unterschied zu „Parlando“, echte Absätze und wirklich und wahrhaftig Dialoge vorkommen dürfen, Labsal für den Leser. Aber so einfach gelingt das einem deutschen Dichter wohl nicht. Und obwohl die Geschichte sich ganz nett entspinnt und man das Buch bis zum überraschenden Happyend in einem Zug durchlesen kann, spart der Autor nicht mit jenen Distanzierungsübungen, die das Schmuddel-Genre offenbar dem ächten Literaten abverlangt. Erfreulicherweise gehen die Figuren manchmal mit dem Autor durch und entwickeln sich, obwohl sie mit Kolportage-Effekten gestraft sind wie Vanilla Campus-Busche (Feldbusch! Gottogottogott!) zu ganz passablen Akteuren, die selbst der Autor ein bißchen liebgewonnen haben dürfte. Wer die schreckliche erste Seite mit dem blöden Armgependel übersteht und die Anspielungen auf den Superkritiker und die Frankfurter Buchmesse nicht weiter ernstnimmt, wird also sein Vergnügen haben. Vielleicht sollte man dem Autor einen freundlichen Leserbrief schreiben und ihn bitten, das nächste Mal das Genre ruhig ernstzunehmen? Es könnte noch ein passabler Krimiautor aus ihm werden...
1. Juli 2002
Handeln jugendliche Killer wie die, die das Blutbad in Erfurt oder in Columbine angerichtet haben, nach einem Drehbuch, nach einer Vorlage, die ihnen ein Film oder das Fernsehen geliefert hat? Muß man deshalb „gewaltverherrlichende“ Darstellungen in Wort und Bild verbieten? Oder brauchen solche Mörder gar kein Vorbild, weil sie nach einem viel älteren Muster handeln? Ist der Kriminalroman womöglich nur die Fortschreibung der ältesten Erzählung der Menschheitsgeschichte? Mehr dazu ...
12. Juni 2002
Ja, doch: es macht Spaß, wie eine Gauklertruppe durch die Gegend zu ziehen und das Publikum mit Moritaten aus der Welt von Mord und Totschlag zu erheitern. Die Kriminacht in Berlin (danke, Lothar Ruske!), gesponsort schönerweise vom Promi-Bestatter Ahorn-Grieneisen (Danke, Herr Lange!) war ein voller Erfolg – mit Maj Sjöwall, Björn Hellberg, Willy Josefsson für die Schweden, Jürgen Alberts, Severin Weiland und Anne Chaplet für die deutsche Seite. Wir mußten den Sieg nicht ausschießen, die deutschen Autoren konnten sich durchaus hören lassen. Dennoch bewegte alle die Frage, warum die Schweden mit ihren Krimis soviel Erfolg haben – ists die Weite der Landschaft? Die Länge des Winters? Die tiefe Melancholie etc.? Es gibt keine Antwort. Nur die nicht ganz vom schnöden Eigeninteresse freie Hoffnung (danke, Jürgen Alberts!), daß es den Schweden irgendwann mal so geht wie den Spani-ern weiland: daß der Trend sich totläuft. Und dann kommen, aus der Tiefe des Raums... Naja. Übrigens: es kommt einem manchmal so vor, als ob es sich bei der Krise des Buchmarkts, die uns derzeit die Umsätze und Auflagen schmälert, recht eigentlich um eine depressive Verstimmung vieler Buchhändler handelt. Da nimmt man Events wie die trotz "Krise" vollbesetzte „Kriminacht“ im Berliner Tränenpalast kaum noch wahr, obzwar auf der Veranstaltung der Büchertisch leergeräumt wurde. Und Hardcover werden schon überhaupt nicht mehr bestellt, der Kunde kauft ja angeblich nichts mehr. Ich merke davon nichts. Mir kommen die Buchhändler zaghaft vor. Beschwert euch, wenn ihr wollt!!!!!
6. Juni 2002
Der Streit um das neue Buch von Martin Walser – „Tod des Kritikers“, angeblich ein Krimi – trägt einigermaßen erschreckende Züge. Mag sein, daß Martin Walser das Genre Krimi genutzt hat zu einem „Schlüsselroman“. Das würde mir überhaupt nicht gefallen. Polemiken sollten als solche auftreten und sich nicht als schöne Literatur tarnen. Daß indes Walsers Kritiker umstandslos den Unterschied zwischen Literatur und Wirklichkeit aufgeben und Romanfiguren brutto für netto als die wirklichen Personen nehmen, das finde ich abgründig. Ganz abgesehen von der in manchen Feuilletons gehätschelten Paranoia, die in jedem Event gleich einen Trend erkennt. Und das mieseste ist die mittlerweile übliche journalistische Praxis der Verkürzung und Verzerrung. Da bin ich froh, daß es immer noch welche gibt, die für die Meinungs- und Pressefreiheit plädieren. Auch im „Syndikat“...
15. Mai 2002
Mich beschäftigt immer wieder die Frage, nach welchen Kriterien Krimiautoren ihre „Helden“ auswählen. Überlegene Gehirne wie Sherlock Holmes oder Adlige wie Lord Peter Wimsey – das ist aus der Mode. Elizabeth Georges Thomas Lynley ist zwar adlig, aber zugleich festangestellt bei der Polizei und Melrose Plant wäre nichts ohne Inspektor Jury. Der Anwaltskrimi ist in den USA sehr beliebt, sicher – und bei uns? Scheiden die Kriminalkommissare ziemlich bald aus dem Dienst (wie Bella Block) oder stehen kurz vorm Pensions-alter oder sind gar schon in Rente. Zuviel Staatsnähe mögen die Kollegen nicht. Aber ein bißchen Insiderwissen braucht ein glaubwürdiger Ermittler nunmal. Was tun? Ein Kollege auf der Criminale bemerkte leicht verächtlich, in einen Staatsanwalt könne er sich nicht hineindenken. Komisch. Warum eigentlich nicht? In Verkennung der Bedeutung? Karen Stark ist Anwältin des Staates, indem sie die Interessen derer vertritt, die, da sie tot sind, keine andere Interessenvertretung mehr haben. Ist das anrüchig? Wohl nur, wenn man in gesellschaftskritischer Absicht den Staat vollautomatisch als Gegner sieht. Ich lerne mehr und mehr, wieviel der „eigentlichen“ Ermittlungsarbeit im Grunde bei der Staatsanwaltschaft liegt. Mir scheint, wir idealisieren den wackeren Ermittler bei der Kripo. Mir jedenfalls gefällt die Berufswahl Karen Starks. Und daß viele ihrer Kollegen zy-nischer sein mögen als sie – nun gut. Man mache mal eine Umfrage bei unseren Ersatz-schimanskys im „Großstadtrevier“....
2. Mai 2002
Von Thomas Mann wird berichtet, man habe ihm morgens die angespitzten Bleistifte akkurat ausgerichtet auf den Schreibtisch legen müssen, damit er anfangen konnte. Und Patricia Highsmith zog eine weiße, hoffentlich gestärkte und gebügelte Bluse an. Da staunt der mindere Geist: da ist ja alles regelrecht harmlos! Was bei mir alles passieren muß, damit ich mich endlich frei fürs Schreiben fühlen kann... Nach allerhand morgendlichen Ritualen, vom Haushalt übers Einkaufen bis zum Joggen oder Radfahren, ist der Schreibtisch möglicherweise nicht mehr zu umgehen. Aber dann! Alle Emails müssen beantwortet sein, Briefe geschrieben oder Bücher bestellt werden. Auf dem Konto nach den fehlenden Einkünften fahnden, hält nicht lange genug ab. Besser funktioniert eine Email-Recherche zu diesem oder jenem. Telefonieren, organisieren, den Überblick gewinnen. Aber dann! Dann gibt es was zu essen, von irgendwas muß der Mensch ja leben. Und dann? Vielleicht. Strömende Kreativität? Achwas. Zähe Rituale. Gedanken haben. Nicht denken.
21. April 2002
21. April 2002 Gottlob, es ist vorbei. Die Criminale in München war ein gigantischer Event mit Krimilesungen an allen Ecken und Enden – und hinterher hat man Fußschmerzen. Verblüffend, wieviele Menschen sich zu dem Genre hingezogen fühlen. Die etwa 150 vertretenen Krimiautoren konnten unterschiedlicher kaum sein – aber jeder fand sein Publikum. Und daß sich mehrere Austragungsorte um die nächsten 5 Jahre Criminale nachgerade rangelten, zeigt einmal mehr, daß der deutsche Krimi die Nische verlassen hat. Also an die Arbeit, Sisters und Brothers!
14. April 2002
Und ob ich mich manchmal nach der Pseudonymität zurücksehne! Andererseits macht es einen heillosen Spaß, im Doppelpack durch die Gegend zu ziehen... Nach einer schönen Lesung in der Carolus-Buchhandlung in Frankfurt (gut über hundert Besucher...) gab es einen Auftritt zusammen mit Thea Dorn und Ingrid Noll im „Weimarer Salon“ des MDR, Gastgeber: Jochen Hieber. Schade, daß es nur eine Dreiviertelstunde war. Wir hätten einiges zu erzählen gehabt – vielleicht auch über die Unterschiede der drei „Sisters in Crime“ (eine Mitgliedschaft, die zum Zwangsduzen führt – alte Logensitte...). Manchmal macht es mich ratlos, manchmal amüsiert es mich königlich, wie leichthändig die beiden Damen ihr mörderisches Geschäft ausüben. Theas Heldinnen knallen alles ab, was stört oder im Weg steht. Eine offenbar befreiende Phantasie, die einen wahrscheinlich im normalen Leben höchst entspannt sein läßt. Auch Ingrids Majas und Coras töten mit nonchalanter Heiterkeit, auch schon mal einfach nur, um der anderen etwas zu beweisen. Ich kann da nicht mit. Ich tu mich mit jedem Mord schwer.
8. April 2002
Heute haben wir in Frankfurt Matthias Beltz begraben. Er ist ein enger Freund gewesen seit einem Vierteljahrhundert. Beltz war IM der ersten Stunde, was Anne Chaplet und ihre Bücher betrifft. Wir haben lange geredet über den Plot der „Fotografin“ und uns erinnert an gemeinsam verlebte Stunden in den deprimierenden Monaten der späten 70er Jahre, als man sich mehr noch als vor der Polizei vor dem Schwarzen Block oder der bewaffneten Heilsarmee RAF fürchtete. Er fehlt.
15. März 2002
Der „Glauser“ ist soeben verliehen worden – ein für die Krimifreunde und -autoren bedeutendes, für die deutschen Feuilletons leider weitgehend uninteressantes Ereignis. Woran das liegt? Bloß an der Fehleinschätzung der letzteren? Oder an den eigenen Kriterien der Autoren? In der Begründung der Jury für den Preisträger Thomas Glavinic jedenfalls gab es einen Satz, der einige der im „Syndikat“ organisierten deutschen Krimischriftsteller einigermaßen aufwühlte: „Glavinics Buch beweist, daß der deutschsprachige Kriminalroman Literatur sein kann.“ Aha. Kann er sein, ist er aber offenbar allzuoft nicht... Durch welchen Schrott haben sich die Jurymitglieder da hindurchlesen müssen? Und dann die Begründung für die Verleihung des Glauser in der Sparte Debut: der gewürdigte Roman sei „professionell“ geschrieben... Daran scheint es in der sonstigen Krimiliteratur arg zu mangeln, sonst müßte man es wohl nicht extra hervorheben. Preisfrage: geben diese Formulierungen frisch gemachte Erfahrungen mit deutschen Krimis wieder oder sagen sie etwas aus über das Selbstbewußtsein der Autoren, die sich immer noch in einer „Nische“ wähnen, obwohl Spannungsliteratur längst die Cashcow des Gewerbes sind? Vorsichtige Antwort (was weiß ich, was die armen Jurysten alles lesen mußten): vielleicht beides... Daß hausgemachte Spannungs- und Unterhaltungsliteratur hierzulande nicht ernstgenommen wird, liegt natürlich am deutschen E- und U-Literatur-Fimmel und an der Ignoranz im Feuilleton, wo man am liebsten das Dichterkunststückchen würdigt und den Primärverdacht pflegt gegen alles, was publikumsträchtig ist. In den angelsächsichen Ländern ist das bekanntlich anders, da fragt niemand, ob Elizabeth George oder P. D. James oder Stephen King Literatur schreiben – gute Literatur. Es liegt aber womöglich auch an unseren liebenswürdigen Autoren, die immer noch glauben, der Krimi sei eine Nische, in der man als kleine radikale Minderheit herumsitzen sollte, um verächtlich auf den Mainstream zu schauen. Was ist schon „Literatur“ und „professionell“, wenns Herzblut fließt? Ist jetzt gemein, oder? Denn was hat sich alles getan in den letzten Jahren in puncto deutsche Krimischriftstellerei! Das kann sich sehen lassen, auch gegen manchen Schweden und die eine oder andere Norwegerin. Vielleicht also hängen uns noch die Sünden der Vergangenheit in den Knien... Ich erinnere mich noch gut an all das, was mir den deutschen Krimi damals herzlich unsympathisch machte: in den 70ern mußten alle klassenkämpferisch oder mindestens antikapitalistisch sein a la Sjöwall/Wahllöö. Oder feministisch, klar. Jedenfalls politisch korrekt. Oder wenigstens im knuddeligen Nuttenmilieu oder ewig und drei Tage in der Eifel spielen. Und andauernd wurden da Finger auf die Wunden der Gesellschaft gelegt... Aber das ging ja noch. Am meisten genervt haben mich in den 80ern die „Nicht ohne meine ironische Distanz“-Krimis, denen man ewig anmerkte, daß ihre AutorInnen das alles selbstverständlich nicht ernstnahmen und nur mal so eben mit dem Genre „spielten“, immer schön witzisch. Hinzu kamen jene edlen Seelen, die auch noch lauthals verkündeten, „sowas“ in drei Wochen runtergeschrieben zu haben... (Ist mir kürzlich wieder begegnet bei einem preisgekrönten Hardcover-Autor, dessen Verlag seinen Käufern immerhin fast 20 Euro für das schlapp hingedonnerte Teil (oder bekannte er sich wenigstens zu 3 Monaten???) abverlangt.) Soviel Selbst- und Publikumsverachtung... (Übrigens: wenn man sich, umgekehrt, ein bißchen Mühe gibt, lautet das Verdikt gern: hier sollte wohl wieder einmal der Beweis angetreten werden, daß auch Kriminalromane Literatur sein können...) Kurz: kann es nicht sein, daß wir für unsere Unernsthaftigkeit den Verdacht auch verdienen, auf dem Niveau von Heftchenromanen rumzupfuschen? Ich frag ja nur...
15. März 2002
"Die Rheinpfalz"-Leser haben es gut - sie können jeden Freitag eine überaus unterhaltsame Krimi-Kolumne lesen - von Mr. Marple, wem sonst. Heute: Yours truely - www.ron.de...
11. März 2002
Eintrag im Ende April erscheinenden Lexikon der deutschen Krimi-Autoren: Chaplet, Anne Pseudonym für Cora Stephan, die Annes Biographie viel spannender findet als die eigene: am 7. 4. 1951 in Norddeutschland geboren (Anne ist jünger!), Studium der Politikwissenschaften und Geschichte (Anne hat sich an Mathematik und Theologie gewagt!), Promotion 1976, danach Betätigung als Übersetzerin, Lektorin, Rundfunkmoderatorin, Lehrbeauftragte. (Anne war immerhin Barfrau, Fitnesstrainerin und Brösenbrokerin!) C. St. ist seit 1987 freie Autorin und hat insgesamt 10 Bücher zu historischen und politischen Themen veröffentlicht, bevor sie als Anne Chaplet entdeckte, daß das Romanschreiben viel schwieriger ist und ungleich mehr Spaß macht. Beide kennen das Dorfleben in Norddeutschland und Mittelhessen ganz gut, leben in Frankfurt am Main und neuerdings in Südfrankreich, gemeinsam mit Rudolf Westenberger und zwei Katzen.
22 Februar 2002
Heute abend WDR-Fernsehen 23 Uhr - morgen abend die Hessenschau - Sonntag früh um 9 Uhr Kulturjournal auf HR 1 - und die Sonntags.FAZ... Ich melde mich ab für zehn Tage. Danach wieder hier bei der Arbeit Ihre Anne Chaplet.
18. Februar 2002
Preisfrage: wie oft klingen die Gläser, wenn 6 Personen miteinander anstoßen? Eine Autorin, die unter ihrem Pseudonym von sich behauptet, Mathematik studiert zu haben, schreibt: 36 Mal!!!! Da lachen doch die Hühner. (Wasser zu Wein, S. 165 unten). Danke an Torsten Marx für die richtige Antwort: 15 mal. Ogottogott, wie peinlich... Aber sage ich nicht schon seit einiger Zeit, daß Kriminalromane nicht zur realistischen Gattung gehören? Na bitte!
31. Januar 2002
Herzlichen Glückwunsch, Matthias Beltz und Helmut Stephan! Es gibt mittlerweile nicht wenige „Doppelexistenzen“ gerade auf dem Krimisektor. „-ky“ ist das Pseudonym eines Akademikers, Professor Bernhard Schlink schrieb schon vor dem Welterfolg „Die Vorleserin“ Krimis – es gibt noch weitere Fälle. Mir leuchtet das ein: im Roman kann man als individuelles Schicksal nachvollziehen, was in der Wissenschaft, sei das Jura oder Soziologie oder Geschichte, ein bloßes Datum ist. Und: belletristisches Schreiben bedeutet die Wiederentdeckung der Neugier - denn man ist in mehr als einem Kopf „drin“, nimmt mehr als nur die eine Sicht auf die Welt ein, was schon mal heißt, daß ein Krimi genausowenig „politisch korrekt“ ist wie die Wirklichkeit... Da fällt mir Handke ein: in seinem jüngsten Interview (im Stern) sagte er sinngemäß: nur wenn ich spiele, bin ich bei mir (nur, wenn ich mich inszeniere).
26. Januar 2002
Erinnert sich noch jemand an die 70er? Da mußte Literatur politisch sein – oder auf einem Abstraktionsniveau, das mindestens Beckett nachahmte. Was anderes wäre „eskapistisch“, eine Flucht also, und damit irgendwie nicht in Ordnung gewesen. Ich bin froh, daß das nicht mehr gilt, daß es sogar in der deutschen Literatur wieder einen Hang zum detailgesättigten, erzählenden, unterhaltenden Schreiben gibt. Manch einer löst sich von der Angst vor der Literatur und den Gefühlen... Ist das ein böses Vorurteil, wenn ich den Eindruck habe, im Feuilleton würden nach wie vor eher die Fingerübungen geschätzt, nicht das unterhaltende Element? Also ich finds natürlich schon ganz toll, wenn ein Autor über hunderte von Seiten hinweg zeigt, daß er nicht nur die indirekte Rede, sondern auch den Konjunktiv beherrscht... Dialog! Wie plebeisch.
15. Januar 2002
Termine: „Die Fotografin“ wird am 23. Februar ausgeliefert. Am 22. Februar, abends um 23 Uhr, läuft im WDR ein Film über Minette Walters und Anne Chaplet...
10. Januar 2002
Und angeblich boomt er immer weiter, der Krimi. Warum eigentlich? Das Rezept ist seit mehr als einem Jahrhundert bekannt und mit der Wirklichkeit hat ein Krimi nur bedingt was zu tun. Sicher, das Genre wird immer wieder neu erfunden und neu entdeckt. Als Ingrid Noll „Die Apothekerin“ veröffentlichte, wurde hier gleich eine neue Epoche des deutschen Kriminalromans ausgerufen. Dabei ist das Buch strenggenommen keiner, sondern ein guter Thriller (wie Petra Hammesfahr es so hinreißend beherrscht). Trotzdem wollen wir Ingrid Noll loben und rühmen, sie hat viel dazu beigetragen, den deutschen Krimi vom Groschenheftimage zu befreien. Das gleiche gilt für Thea Dorn – sie hat die Neuerfindung des Genres durch seine Ironisierung versucht. Das liest sich wunderbar, man lacht ausgiebig – aber auch das geht nicht auf. Krimi ist konservativ, alles andere ist Parodie. Aber geht Krimi überhaupt? Statistisch jedenfalls haben unsere gesammelten Lieblingsmorde mit der Realität nichts zu tun. (Gegen die Statistik ist natürlich auch, a) daß z. B. bei mir dauernd Frauen morden und b) daß die beliebtesten Fernsehermittler weiblich sind.) Statistisch gesehen ist der häufigste Plot: Junger Mann aus der Unterschicht sticht anderen mit ähnlichem Schicksal ab und kann noch nicht mal sagen, warum. Nicht sehr ergiebig für einen Roman. Zumal der „sozialkritische“ (von Sjöwall/Wahlöö bis Mankell) verstößt zugunsten der moralischen Botschaft gern und ausgiebig gegen den Realismus. Nein, die wegen kapitalistischer Machtgier oder aufgrund der allgemeinen Verrohung der Gesellschaft auftretende Gewalt gibt weit weniger Stoff ab, als man so glaubt... Also: es gibt ihn nicht, den realistischen Krimi. Es gibt Gesellschaftsromane mit Climax. Nur: das, was alle Beteiligten am meisten zu erschüttern weiß und jene Prozesse in Gang zu setzen vermag, die Leser und Autor interessieren, ist nunmal die ultimative Gewalt, die mit dem Tod eines Menschen endet. Weshalb man vermuten könnte, daß der Krimi die moderne Version jener Epen sind, mit denen die überlieferte Kultur beginnt und damit universale Muster bedient (Campbells Reise des Helden; danach sind die meisten Hollywood-Schinken gestrickt). Insofern machte es nichts, daß die literarischen Muster der Gattung ausgereizt sind – und ein Krimi ist genau deshalb gut, weil er altmodisch bleibt, also nah am universalen Muster... Aber das führt jetzt vielleicht doch zu weit, lieber Leser...
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