Die Gäste waren gegangen, die blonde Hundebesitzerin hatte vom Arzt ein Beruhigungsmittel erhalten. Anne fühlte sich völlig gefaßt, als sie oben im Wohnhaus die Polizei erwartete. Gregor Kosinski stand auf dem Ausweis, den der große, schlaksige Mann ihr hinhielt. Ein für diesen Landstrich ziemlich ungewöhnlicher Name, dachte sie flüchtig, bevor sie ihn in den großen Wohnraum einlud, in dem er sich ihr gegenübersetzte und sie lange und freundlich ansah. "Es ist Leo", sagte Anne, jetzt plötzlich doch nervös. "Er ist mein Mann. Er war mein Mann." "Herzliches Beileid!", sagte der Inspektor. Das kam ihr so grotesk vor, daß sie kicherte. "Jetzt keinen hysterischen Anfall!", beschwor sie sich, "reiß dich zusammen, verdammt!" Der Polizist wartete geduldig, bis sie sich wieder beruhigt hatte. "Haben Sie die Leiche angefaßt oder bewegt?", fragte Kosinski und hielt fragend eine Schachtel Ernte 23 in die Höhe. "Natürlich nicht!", wehrte Anne ab und stand auf, um einen Aschenbecher zu holen. Wieso eigentlich "natürlich" nicht, fragte sie sich im selben Moment. Hätte sie nicht seinen Puls fühlen müssen, nachprüfen, ob er vielleicht noch lebte? Hätte sie nicht einen kühlen Kopf bewahren müssen bei seinem Anblick? Wiederbelebungsversuche machen? Zwecklos, das hatte sie seltsamerweise sofort gewußt. Sein Mörder hatte Leo in die Kühlkammer gehängt, neben das Schlachtvieh. An einen Fleischerhaken. Vielmehr, man hatte den Fleischerhaken hinten durch seine Weste gestoßen, in der er hing, als wolle er mit den Flügeln schlagen. Seine Füße berührten den Boden, Leo war viel zu groß für die geringe Höhe, in der die Stange die Kühlkammer durchquerte. Das eine Knie war abgewinkelt, das andere durchgedrückt. Das weiße Oberhemd hatte sich nach oben geschoben, die elegante, jetzt schlammverschmutzte Hose war ihm auf die Knöchel gerutscht. "Haben Sie eine Vorstellung, wer Ihrem Mann übelwollte?", fragte der Landpolizist. "Übelwollte"? Elegant ausgedrückt für den Tatbestand eines Mordes. "Nein", antwortete Anne. Und fügte zögernd hinzu: "Oder jedenfalls nicht so, daß man ihn hätte umbringen wollen." Jemand hatte Leo erwürgt. Und dann in ihre Kühlkammer gehängt. Wie das Schlachtvieh. Erstaunt merkte Anne, daß ihre Zähne klapperten. Gregor Kosinski betrachtete Anne Burau mit freundlicher Distanz. Die Frau war blond, lang und schlank. Ein bißchen nervös, aber ziemlich gefaßt. Ungerührt? So weit würde er nicht gehen. Kosinski musterte ihre Hände. Zu schlank, um den Gatten selbst erwürgt und an den Haken gehängt zu haben? Wohl kaum. Landfrauen waren Schwerarbeiterinnen. Sie hatten Kraft. "Wann waren Sie das letzte Mal in dem Raum?" Er versuchte es noch einmal. "Gestern", sagte Anne und rückte ihre Brille zurecht. "Gestern abend. Vor dem Abendessen." Sie konnte sich nicht wehren gegen das Bild vor ihrem inneren Auge. Wie er da hing, den Kopf auf die Brust gesunken, die Haut unter dem unrasierten Kinn zieharmonikaförmig zusammengeschoben. All die Schönheit dahin… Anne schluckte. Fast hätte sie doch noch geweint. Sie versuchte sich einzureden, daß sie das alles nichts mehr anging. Schon lange nichts mehr anging. Leo war tot. Und für sie war er kaum lebendiger gewesen, als er noch lebte. Kosinski drückte seine dritte Zigarette aus und betrachtete abwesend die Fliege, die neben dem Aschenbecher lag und mit rasend schlagenden Flügeln erst größere, dann immer kleinere Kreise zog. Immer noch abwesend nahm er seine Zigarettenschachtel und beendete den Todeskampf. Leo Matern, der Mann von Anne Burau, hatte schon länger im Kühlraum gehangen, das sah man auch ohne gerichtsmedizinische Untersuchung. Er war, darauf ließ der Zustand seiner Kleidung schließen, nicht am Fundort gestorben. Dorthin hatte man ihn offenbar geschleppt, um die Leiche zur Schau zu stellen. Gebrandmarkt. Anne hatte es auch gesehen: an der einen, der linken, der eingefallenen Pobacke der Leiche prangte leuchtend blau etwas, das wie das Prüfsiegel des Fleischbeschauers aussah. Als ob man ihn noch im Tod hatte demütigen wollen. "Und wann haben Sie Ihren Mann das letzte Mal gesehen?" Anne fuhr nervös durch ihr Haar, das sich aus der Spange zu lösen begann, mit der sie es im Nacken zusammengefaßt hatte. "Ich glaube", sagte sie und zögerte. "Vielleicht am Mittwoch?"
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